Wieder mal Neymar. Na klar, wer denn sonst. Der Mann, den Bra­si­lien lieben und ehren und feiern wird in den nächsten Tagen und viel­leicht bis an sein Lebens­ende, behielt im ent­schei­denden Moment die Nerven. Es war kurz vor vier am Samstag in Belo Hori­zonte, da befreite der Stürmer vom FC Bar­ce­lona das größte und erfolg­reichste und stol­zeste Fuß­ball­land der Welt von der Gefahr des größten anzu­neh­menden Unglücks, einem K.o. im WM-Ach­tel­fi­nale.

Neymar machte das so, wie Neymar das immer macht. Mit einer Per­for­mance zwi­schen Show und Kla­mauk, mit Trip­pel­schritten, Hüp­fern, Abstoppen und Beschleu­nigen. Aber ent­schei­dend war vor 57 714 Zuschauern ohren­be­täu­bend laut jubelnden Zuschauern im Estadio Mineirao von Belo Hori­zonte, was am Ende her­auskam. Neymar setzte im Elf­me­ter­schießen den finalen und ent­schei­denden Treffer. Da Chiles letzter Schütze Gon­zalo Jara nur den Pfosten traf, reichte das für den WM-Gast­geber zu einem 4:3 (1:1, 1:1)-Sieg nach Ver­län­ge­rung und Elf­me­ter­schießen.

Ein freier Sonntag für die müden Spieler

Bra­si­lien steht nach diesem schwer erkämpften Sieg über Chile im Vier­tel­fi­nale am kom­menden Don­nerstag in For­ta­leza. Jetzt brau­chen die Spieler erst einmal Ruhe, sie bekommen einen freien Sonntag von mir“, sprach Bra­si­liens sonst so strenger Trainer Luiz-Felipe Solari. Noch ein wenig länger wird die Erho­lungs­pause für Luiz Gus­tavo. Der Mit­tel­feld­spieler vom VfL Wolfs­burg sah seine zweite Gelbe Karte und ist damit für das Vier­tel­fi­nale gesperrt.

Der zweite Held neben Neymar war Julio Cesar mit seinen zwei gehal­tenen Elf­me­tern von Mau­ricio Pinilla und Alexis San­chez. Danach weinte er ergriffen: Meine Zeit in der Seleção ist noch nicht zu Ende“, sagte der Tor­hüter, der so unum­stritten nicht war, weil er zuletzt keinen bes­seren Verein gefunden hatte als den FC Toronto. Sco­lari hielt an ihm fest, und in Belo Hori­zonte durfte er sich bestä­tigt sehen. Es war in der ersten Halb­zeit das beste Spiel Bra­si­liens bei dieser WM und in der zweiten plus Ver­län­ge­rung das ängst­lichste und zöger­liche, das eine Seleçao lange gezeigt hat. Und das, obwohl doch alles so gut begonnen hatte.

Aus­ge­las­sene Stim­mung im Sta­dion

Mit einem schnellen Tor, und wie fast immer bei dieser WM hatte Neymar seinen Fuß im Spiel. Sein Eck­stoß von der linken Seite flog nach einer Vier­tel­stunde mit viel Spin Rich­tung Fünf­me­ter­raum. Thiago Silva, der auf­ge­rückte Abwehr­chef, ver­län­gerte mit der Stirn an den rechten Pfosten, wo David Luiz zum Ein­schuss bereit war, aber vor ihm fuhr Gon­zalo Jara, Chiles trau­rige Gestalt dieses Nach­mit­tags, das Bein aus und fälschte den Ball ins eigene Tor ab.

Luiz ließ sich feiern und wurde auch vom Sta­di­on­spre­cher als Tor­schütze ver­kündet, was zwar nicht der Rea­lität ent­sprach, die ohnehin schon aus­ge­las­sene Stim­mung im Sta­dion aber noch ein wenig aus­ge­las­sener gestal­tete.

Dieser Rück­stand fügte sich über­haupt nicht in das chi­le­ni­sche Kon­zept. Jede tor­lose Minute hätte den Druck auf Bra­si­lien erhöht und die Unge­duld der Zuschauer wachsen lassen, irgend­wann viel­leicht sogar Unmut erzeugt. So aber war es an Chile, mit einem Zuge­winn des Geg­ners an Kraft und Selbst­be­wusst­sein zurecht­zu­kommen. Arturo Vidal, der wilde Anführer der Chi­lenen, setzte erst einmal ein Zei­chen, indem er Neymar an der Sei­ten­linie umtrat. Der aber stand auf und schüt­telte sich, wie sich die Bra­si­lianer ohnehin nicht vom Gegner aus der Ruhe bringen ließen. Das schafften sie ganz allein.

Alles begann nach einer halben Stunde bei eigenem Ball­be­sitz in der eigenen Hälfte, mit einem läs­sigen Ein­wurf Mar­celo auf Hulk, der ebenso lässig zurück­spielen wollte. Da kam auch schon Edu­ardo Vargas herbei, sti­bitzte den Ball und spielte weiter auf Alexis San­chez, der zum Aus­gleich traf.

Es wurde eng und enger

Die zweite Halb­zeit ver­lief aus­ge­gli­chener. Zwar kamen die Chi­lenen wei­terhin nicht dazu, die von ihnen gewohnte Treib­jagd über den Platz auf­zu­ziehen, sie gewannen mit aber mit jeder Minute mehr Kon­trolle. Wo war Neymar auf einmal, wo waren Oscar und Luiz Gus­tavo? Die Bra­si­lianer schossen zwar wieder ein schnelles Tor, aber vor Hulks Schuss in die linke Ecke hatte Howard Webb ein Hand­spiel des Schützen aus­ge­macht.

Es wurde eng und enger für Bra­si­lien. Im Mit­tel­feld lief nur noch wenig zusammen, Chile wurde stärker und hatte durch Diaz die große Chance zur Füh­rung. Auf der anderen Seite hatte Neymar die Füh­rung auf dem Kopf und Hulk auf dem Fuß. Die Ver­un­si­che­rung wollte nicht wei­chen, erst recht nicht in der Ver­län­ge­rung. Bei­nahe wäre für Bra­si­lien schon vor dem Ent­schei­dungs­schießen alles vor­bei­ge­wesen, als in der letzten Minute der Chi­lene Pinilla den Ball an die Latte drosch. Da hätten wir fast eine bit­tere Rech­nung bezahlt“, sagte Sco­lari.

Aber dann kam das Elf­me­ter­schießen und mit ihm Ney­mars erfolg­reiche Per­for­mance zwi­schen Show und Kla­mauk.