Timo Konietzka ist nicht zu errei­chen. Leider. Viel­leicht ist er krank, erst neu­lich hatte er der Schweizer Zei­tung Blick“ nach einer Herz­at­tacke ver­raten, sich bei dro­henden (und mög­li­cher­weise uner­träg­li­chen) Alters­ge­bre­chen vor­zeitig und selbst­ständig aus dem Leben zu ver­ab­schieden. Die freund­li­chen Damen an der Rezep­tion seines Schweizer Hotels sagen nur: Herr Konietzka ist momentan nicht zu spre­chen.“

Timo Konietzka ist schon lange kein Fuß­baller mehr. Aber wer nur ein biss­chen Ahnung von der His­torie der Bun­des­liga hat, der wird mit seinem Namen etwas anfangen können: Er war es, der 1963, am ersten Spieltag der frisch gegrün­deten Bun­des­liga, das erste Tor in der Geschichte dieser Spiel­klasse erzielte. Gerne hätte man heute aller­dings über seinen anderen Rekord gespro­chen. Denn Timo Konietzka, der Mann der eigent­lich mit Vor­namen Fried­helm hieß, sich aber irgend­wann in Timo“ umbe­nannte, weil er dem sowje­ti­schen General Semjon Kon­stan­ti­no­witsch Timo­schenko so ähn­lich sah, dieser Konietzka ist noch immer der größte Bad Boy“ der Bun­des­li­ga­ge­schichte.

Nicht Stig Töf­ting, nicht Axel Kruse. Sonder Fried­helm Konietzka

Kein Stig Töf­ting, kein Axel Kruse und schon gar nicht der soeben für acht Spiele gesperrte Paolo Guer­rero vom HSV rei­chen an Timo Konietzka heran. Für eine angeb­liche Tät­lich­keit an dem Mainzer Schieds­richter Max Spinnler, beim Spiel seines Klubs TSV 1860 Mün­chen gegen Borussia Dort­mund am 8. Oktober 1966, wurde Konietzka des Feldes ver­wiesen. Anschlie­ßend sperrte ihn das Sport­ge­richt für sechs Monate – 20 Spiele durfte der erste Tor­schütze der Bun­des­liga nur zuschauen. Angeb­lich? Bis heute ist Konietzkas Schuld nicht voll­ständig bewiesen.

Was war pas­siert? Beim Pres­ti­ge­duell an diesem 8. Spieltag der Saison 1966/67 steht es nach 75 Minuten 1:0 für die Gast­geber aus Mün­chen, Konietzkas Sturm­partner Rudi Brun­nen­meier hat getroffen. Dass Konietzka, der Ex-Dort­munder, über­haupt auf dem Platz steht, ist eine Über­ra­schung: Löwen“-Trainer Max Merkel hatte vor dem Spiel seine Bedenken geäu­ßert. Konietzka, so Merkel, könne mög­li­cher­weise zu über­mo­ti­viert sein. Bis­lang sind Mer­kels Befürch­tungen unbe­gründet.

2:1 für Dort­mund: Im Grün­walder“ ist jetzt die Hölle los

Die 75. Minute: Dort­munds Wolf­gang Paul schießt den Ball ins Aus, Schieds­richter Spinnler ent­scheidet trotzdem auf Ein­wurf für den BVB. Der Ball kommt zu Lothar Emme­rich, nach einem hüb­schen Solo erzielt der Natio­nal­spieler das 1:1. Wütende Mün­chener Zuschauer schmeißen mit Fla­schen und Geträn­ke­dosen nach dem Unpar­tei­ischen.

Die 81. Minute: BVB-Mann Dieter Hoppy“ Kurrat schlägt eine Flanke in den Mün­chener Straf­raum, Siggi Held stoppt den Ball. Mit der Hand. Und schießt den Ball dann ins Tor. Spinn­lers Lini­en­richter Schwarz hebt die Fahne. Hand­spiel, kein Tor“, bedeutet er seinem Chef. Spinnler jedoch igno­riert den Hin­weis seines Assis­tenten und ent­scheidet auf Tor. 2:1 für den Gast aus Dort­mund. Im Sta­dion an der Grün­walder Straße“ ist jetzt die Hölle los.

Wieder fliegen Fla­schen, Dosen und was auch immer die Taschen der wütenden Zuschauer her­geben. Vier­ein­halb Minuten lang muss die Partie unter­bro­chen werden. Vier­ein­halb Minuten, in denen auf dem Rasen Dinge pas­sieren, die später nie­mand mehr anständig zu sor­tieren weiß.

Konietzka soll den Schiri tät­lich ange­griffen haben – ein Skandal!

Timo Konietzka ist außer sich. Zwei Tore seines Ex-Klubs, so spät und so unge­recht! Schuld ist natür­lich der Schieds­richter. Es kommt zu einem kurzen Hand­ge­menge. Stoß vor die Brust, Tritt gegen das Schien­bein, Weg­schlagen der Tril­ler­pfeife“. So schreibt es Schieds­richter Spinnler später in seinen Bericht. Konietzka soll den Unpar­tei­ischen tät­lich ange­griffen haben. Ein Skandal! Und nicht nur das: Auch Konietzkas Team­kol­lege Man­fred Wagner soll sich am Schieds­richter ver­gan­genen haben. Das Sport-Magazin“ berichtet: Er hatte den Pfei­fen­mann nach dem Held-Tor am Arm gepackt und her­um­ge­rissen, um ihn auf den fähn­chen­schwen­kenden Lini­en­richter auf­merksam zu machen.“ Platz­ver­weis für Konietzka, Platz­ver­weis für Wagner! (Die Rote Karte war noch nicht erfunden.) Und als das Spiel schon beendet ist und Borussia Dort­mund mit 2:1 gewonnen hat, brüllt 1860-Spieler Bernd Patzke dem Schieds­richter ein wütendes Schuster!“ hin­terher, 1966 offenbar eine Belei­di­gung. Auch das notiert Max Spinnler in seinem Spiel­be­richt.

Elf Tage später, am 19. Oktober 1966, unter­sucht das DFB-Sport­ge­richt den Fall Max Spinnler gegen 1860 Mün­chen, gegen Fried­helm Konietzka, gegen Man­fred Wagner, gegen Bernd Patzke. Für seine Belei­di­gung muss Natio­nal­spieler Patzke 500 DM Strafe zahlen, Wagner wird wegen Bedro­hung des Schieds­rich­ters“ für drei Monate gesperrt, 1860 Mün­chen muss wegen der Fla­schen­würfe ein Heim­spiel auf fremden Platz aus­tragen. Konietzka, der vor dem Gericht die Anschul­di­gungen vehe­ment zurück­weist, wird für sechs Monate und damit 20 Punkt­spiele gesperrt. So eine hohe Strafe hat es im deut­schen Fuß­ball noch nicht gegeben. Erst im Bun­des­li­ga­skandal“ 1971 werden län­gere Sperren ver­hängt, aber dort geht es längst nicht mehr um Stöße, Tritte und das Weg­schlagen der Tril­ler­pfeife“.

Das ein­deu­tige Hand­spiel von Held…“

Konietzka und 1860 Mün­chen legen Beru­fung gegen das Urteil ein. Im Sport-Magazin“ stärkt Reporter Günter Wolf­bauer dem hart bestraften Stürmer den Rücken: Ich würde jeder­zeit auch vor einem ordent­li­chen Gericht beeiden, was Tau­sende beob­achten konnten: das ein­deu­tige Hand­spiel Helds vor dessen Tor zum 2:1.“ Und damit den Aus­löser des Skan­dals.

Im November tagt das DFB-Sport­ge­richt erneut. Die Platz­sperre gegen den TSV 1860 Mün­chen wird auf­ge­hoben. Ein­zige Bedin­gung: 1860 Mün­chen muss 30.000 Hand­zettel mit dem Wort­laut des Urteils ver­teilen…

Das Urteil: Sechs Monate Sperre. 20 Bun­des­li­ga­spiele.

Bei Fried­helm Konietzka bleibt das Gericht hart. Selbst der Ein­satz von BVB-Profi Siggi Held, der sein Hand­spiel vor besagtem Tumult zugibt, hilft nicht. Konietzka bleibt gesperrt. Erst am 28. Spieltag, am 15. April 1967, darf der Angreifer wieder ein­ge­setzt werden. Beim 3:0‑Erfolg gegen Han­nover 96 schießt er das zwi­schen­zeit­liche 2:0. Max Spinnler pfeift nie wieder ein Spiel von 1860 Mün­chen.

Im August 1998 sehen sich Stürmer und Schieds­richter wieder. Das ZDF-Sport­studio hat Konietzka und Spinnler im Zuge einer Jubi­lä­ums­sen­dung zusammen gebracht. Einig sind sich beide Kon­kur­renten, trotz der enga­gierten Mode­ra­tion von Michael Stein­bre­cher, noch immer nicht. Spinnler erzählt seine Ver­sion der Geschichte („Kommt der Spieler Konietzka aus 25 Metern auf mich zu. Ich denk´, was will der denn?“), das Publikum bückt sich ab. Konietzka wider­spricht, Spinnler nennt ihn einen Lügner. Zweimal. Bevor sich die beiden in Ehren ergrauten Männer an die Gurgel gehen, drückt Stein­bre­cher Konietzka fix eine Tril­ler­pfeife in die Hand. Konietzka ver­steht, über­gibt die Frie­dens­pfeife und ruft: Wir wollen heute Abend noch Brü­der­schaft trinken!“ Das ist doch ein Wort“, brüllt Stein­bre­cher.

Wann sehen sich Guer­rero und Ulreich im ZDF-Sport­studio?

Wurde das Wort auch ein­ge­halten? Gerne hätte man Fried­helm Timo“ Konietzka, den Rekord­mann und Bad Boy“ der Bun­des­liga dazu befragt. Aber die Damen an der Rezep­tion seines Hotels bleiben beharr­lich. Bleibt uns nur der Gedanke an Paolo Guer­rero und Sven Ulreich. Werden die beiden später auch Hotels und Damen am Emp­fang haben? Werden sich beiden in 30 Jahren im ZDF-Sport­studio wieder sehen? Wird es dann noch Michael Stein­bre­cher geben? Die Frie­dens­pfeife, die Brü­der­schaft? Schön wäre es.

Der geneigte Euro­sport-Fan kannte solche Szenen nur aus seiner nächt­li­chen Lei­den­schaft für schumm­rige K1-Kämpfe im fernen Asien. Doch nun ist der asia­ti­sche Kampf­sport auch in der Bun­des­liga ange­kommen. So fetzte HSV-Schön­ling Paolo Guer­rero am ver­gan­genen Samstag auf denkbar häss­lichste Weise den Stutt­garter Tor­wart Sven Ulreich um – und sah dafür ver­dient die rote Karte. Das DFB-Sport­ge­richt sperrte den Übel­täter nun für acht Spiele. Mit dieser mäch­tigen Aus­zeit reiht sich der Peruaner ein, in die Pha­lanx berühmter Bun­des­liga-Rüpel. Die längsten Sperren der Bun­des­liga-Geschichte:

Platz 1
Sechs Monate: Timo Konietzka

Platz 2
14 Wochen: Erwin Kre­mers

Watt geht nur in dem sein Hun­de­hirn vor“, fragte man sich anno 1974 rund um das Schalker Park­sta­dion. Gemeint war Erwin Kre­mers, der sich im letzten Sai­son­spiel noch mal eben den roten Karton abholte. Nachdem ein Foul an ihm fälsch­li­cher­weise gegen ihn aus­ge­legt wurde, platzte dem lebens­frohen Kre­mers der Kragen. Er knallte Schiri Max Klauser ein unfeines blöde Sau“ an den Kopf. Als dieser auch noch fragte, ob er sich da even­tuell ver­hört habe, giftet Kre­mers zurück: Also jetzt noch mal für Doofe: Sie sind eine blöde Sau!“ Diese Genia­lität wurde mit 14 Wochen Sperre belohnt. Die fiel zwar größ­ten­teils in die Som­mer­pause, jedoch verlor Kre­mers durch die Sperre auch seinen sicheren Platz im WM-Kader. Aber was ist schon ein WM-Titel gegen eine ehr­liche Mei­nung?

Platz 3
Zwölf Wochen: Man­fred Wagner

Das nennt man Team­geist: Im Zuge von Konietzka Ran­gelei mit Schiri Spinnler (s.o) legte sich auch Löwen-Schlacht­ross Man­fred Wagner mächtig ins Zeug. Für seinen unsanften Griff an den Arm des Schiris wurde Wagner für drei Monate gesperrt. Ob er mit Konietzka zusammen einen VHS-Kurs Kon­flikt­be­wäl­ti­gung im Alltag“ an der Ober­schule Mün­chen-Gie­sing belegte, ist nicht über­lie­fert.

Platz 4
Zwölf Wochen: Nor­bert Meier

Manchmal sagen Bilder mehr als tau­send Worte:


Platz 5
Zehn Wochen: Uli Stein

Natür­lich darf er in der Liste der Liga-Bad-Boys nicht fehlen: Uli Stein. Im Supercup-Finale 1987 ver­passte Stein Bayern-Stürmer Jürgen Weg­mann unmit­telbar nach dessen 2:1‑Siegtreffer einen rechten Haken, bei dem selbst George Fore­mann ein­ge­knickt wäre. Stein erin­nerte sich später an diesen Moment: Obwohl ich es mir ein paar Mal im Fern­sehen ange­schaut habe, kann ich mir bis heute nicht erklären, warum ich das getan habe. Jeden­falls hatte ich keinen Hass auf Weg­mann, und pro­vo­ziert hat er mich auch nicht. Da hätte in dem Moment wahr­schein­lich jeder sitzen können.“ Wenig beru­hi­gend. Immerhin hatte er in der Folge zehn Wochen Zeit, dar­über nach­zu­denken.


Platz 6
Zehn Wochen: Axel Kruse

Osmers, was pfeifen Sie für eine Scheiße?!“ Das nach­hal­tige Inter­esses von Stutt­garts Axel Kruse an der Leis­tung von Schieds­richter Hans-Joa­chim Osmers wurde 1993 hart bestraft. Kurz zuvor hatte Lau­tern-Libero Miroslav Kadlec einen Kruse-Schuss im Straf­raum per Hand gestoppt. Osmers ver­wei­gerte den Efme­ter­pfiff, Kruse motzte und rannte Osmers auch noch um. Die fol­gende Rote Karte kom­men­tierte Kruse abschlie­ßend noch mit einem Stin­ke­finger. Ein rundum gelun­gener Auf­tritt also, der mit zehn Wochen Sperre belohnt wurde.

Platz 7
Acht Wochen: Paolo Guerreo

Man mag es für eine Ironie des Schick­sals halten, was fin­dige Sta­tis­tiker zum Foul von Paolo Guerreo an Sven Ulreich her­aus­fanden. Guer­reros Vierzig-Meter-Spurt in Rich­tung geg­ne­ri­sches Knie war näm­lich mit knapp 31 Km/​h der schnellste Sprint eines HSV-Spie­lers im gesamten Spiel. Das war dann aber auch das ein­zige, was sich zukünf­tige Fuß­baller an dieser Aktion abschauen sollten. Die Strafe: Guerreo muss acht Woche pau­sieren und kommt allen­falls zwei Spiel­tage vor Sai­son­ende wieder zum Ein­satz.

Platz 8
Acht Wochen: Michal Schulz-„Dusau“

Eben­falls acht Wochen musste einst BVB-Rau­bein Michael Schulz für ein Ver­bal­foul der beson­deren Art pau­sieren. Nach einer Nie­der­lage gegen Kai­sers­lau­tern im Jahr 1989 raunzte er dem Lini­en­richter zärt­lich zu: Man sollte dir auf die Fresse hauen, du blinde Nuss!“ Man wird ja wohl noch seine Mei­nung sagen dürfen.

Platz 9
Sechs Wochen: Jer­maine Jones

Wer war noch mal Jer­maine Jones? Ach ja, der viel geschol­tene Rüpel in Reihen des FC Schalke, der nach einem gezielten Tritt auf den lädierten Zeh von Glad­bachs Über­fohlen Marco Reus nach­träg­lich gesperrt wurde. Für ganze sechs Wochen. Und das alles nur wegen ein paar Tat­toos.

Platz 10
Fünf Wochen: Willi Rei­mann

Sein Schubser gegen den vierten Offi­zi­ellen Thorsten Schriever im Bun­des­li­ga­spiel Borussia Dort­mund gegen Ein­tracht Frank­furt in der Saison 2003/04 brachten Trainer Willi Rei­mann nicht nur fünf Spiele Sperre und eine saf­tige Geld­strafe ein, nein, der Trai­ner­kauz ver­diente sich in der Folge auch einen neuen Spitz­namen. Weil er seine Sperre wäh­rend der Liga­spiele von Ein­tracht Frank­furt stets aus einem Bau­con­tainer, der zwecks Umbau des Wald­sta­dions auf der Haupt­tri­büne stand, absaß, rief man Rei­mann fortan nur noch Con­tainer-Willi“.