Lieber Huub Ste­vens,

ich schreibe Ihnen, weil Sie mitt­ler­weile in Grie­chen­land arbeiten. Genauer gesagt in Thes­sa­lo­niki. Das ist sehr weit weg von meiner Heimat Berlin. Von der Bun­des­liga sowieso. Ich sage dazu: leider. Denn jemanden wie Sie braucht die Liga in diesen Tagen viel­leicht drin­gender denn je. Nicht, dass wir uns falsch ver­stehen, wir haben der­zeit ganz her­vor­ra­gende Fach­männer auf den hie­sigen Trai­ner­bänken sitzen. Akri­bi­sche Match­planer wie Thomas Tuchel und Chris­tian Streich, gal­lige Moti­va­ti­ons­ma­schinen wie Jürgen Klopp, mit Pep Guar­diola hat offenbar sogar ein wasch­echter Gott die Bun­des­liga heim­ge­sucht. Hal­le­luja. Und den­noch klafft da eine Lücke. Und die haben Sie hin­ter­lassen.

In dieser glatt­ge­bü­gelten Maschine fehlt ein knor­riger Sou­verän mit Arbei­ter­charme. Einer, der über den Dingen steht. Der seine Gesprächs­partner erst ankeift und Sekunden später zum Schen­kel­klopfen zwingt. Der auf die Regeln, Gepflo­gen­heiten und Klei­dungs­richt­li­nien der Fuß­ball­ver­bände pfeift und sich auch in der Cham­pions League im aus­ge­beulten Jog­ging­anzug auf die Bank setzt. Die Haare stets mit Fri­sier­creme beto­niert, als käme er gerade vom Rent­ner­schwimmen. Auch wenn er so in diesem insze­nierten Hoch­glanz-Epos wirkt wie ein frisch gelan­deter Zeit­rei­sender aus den sech­ziger Jahren. Eben einer, der den ganzen Mist nur bis zu einem gewissen Grad erträgt.

Sie würden den schlaffen Profis des FC Schalke mal ganz gehörig den Marsch blasen, anstatt sie Woche für Woche – trotz mit­unter unter­ir­di­scher Auf­tritte – mit ein paar seichten Worten davon kommen zu lassen. Denn Sie kannten stets das gesunde Maß zwi­schen Show und Arbeit. All das mag nur ein ganz per­sön­li­ches Gefühl sein. Aber mir fehlt das nun mal.

Der Wahn­sinn steht auf der Gehalts­liste

Aber ich kann Sie ver­stehen. Viel­leicht haben Sie ein­fach die Nase voll von unserer Liga. Sie haben sich an ihr abge­ar­beitet. Köln, Berlin, Ham­burg – Sie gingen stets an Orte, an denen es sehr schnell, sehr weh tun kann. Allen voran natür­lich beim FC Schalke. Ihrer großen Liebe, bei der Sie vor knapp einem Jahr als Grup­pen­erster in der Cham­pions League, Vater des besten Sai­son­starts seit Ruhr­ge­biets­ge­denken, Der­by­sieger und Halb­gott der­maßen uneh­ren­haft aus dem Amt getrieben wurden, dass man es ihnen nach­ge­sehen hätte, wenn Sie zum Abschluss eine infer­nale Stink­bombe in der Arena gezündet hätten.

Sicher hätte es einige absurde Geschichten über ihre letzten Tage in Gel­sen­kir­chen zu erzählen gegeben. Sicher hätten diese Geschichten der Nach­welt gezeigt, dass am Ernst-Kuzorra-Weg der Wahn­sinn noch immer als einer der Top­ver­diener auf der Gehalts­liste steht. Sie hatten allen Grund belei­digt aus­zu­pa­cken. Haben Sie aber nicht. Sie haben Ihr Auto gewa­schen, Ihren Schlüssel an der Geschäfts­stelle abge­geben, sich jede Form des Nach­tre­tens gespart und sich ver­drückt. Davor ziehe ich den Hut, weil es gezeigt hat, dass Sie sich nicht wich­tiger nehmen als ihr Verein. Dass Loya­lität für Sie keine sieg­brin­gendes Wort beim abend­li­chen Scrabble-Spiel ist, son­dern eine Lebens­ma­xime. Das ist selten genug in einem Geschäft, in dem Ego­ismus tat­säch­lich als posi­tive Eigen­schaft ange­sehen wird. Danke dafür.

Um es abschlie­ßend mit Ihren eigenen Worten zu sagen: Und wie denn auch“ feiern Sie heute Ihren 60. Geburtstag! Von da heraus“ bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen auf diesem Weg herz­lichst zu gra­tu­lieren. Und wenn ich einen Wunsch hätte, würde ich Sie gerne noch einmal auf einer Trai­ner­bank in der Bun­des­liga sehen. Im Jog­ging­anzug. Mit streng zurück­ge­legten Haaren. Und ich glaube, mit diesem Wunsch bin ich nicht allein.

Alles Gute,

Ben­jamin Kuhl­hoff