Seite 2: Erst fast vergessen, dann Legendenmacher

Der deut­sche WM-Teil­nehmer Willi Schulz sieht Stiles und denkt: Die Zähne im Zwei­kampf zu ver­lieren, gehört eben zum guten Ton auf der Insel.“ Seinen Zahn­ersatz lässt the tooth­less mid­fielder“ gleich in der Kabine, seinen Gegen­spieler rauscht nun ein furcht­erre­gender Ter­rier ent­gegen, in dessen Mund­raum sich scheinbar nur Zahn­fleisch befindet. Sein größtes Spiel bei dieser WM hat Stiles im Halb­fi­nale gegen Por­tugal. Als Gegen­spieler darf er Eusebio, die schwarze Perle“ begrüßen – und tut das auf seine Art. 90 Minuten lang tritt er dem besten Spieler des Tur­nier („ein unfass­barer Athlet!“) die Hacken wund, Eusebio gelingt ledig­lich ein Elf­me­tertor, doch Eng­land gewinnt mit 2:1 und steht im Finale.

Wir kamen auf den Rasen und dann sah ich diesen kleinen Kerl, der ständig den Kopf recken musste, um durch seine Hart­schalen richtig zu sehen“, erin­nert sich Willi Schulz an das End­spiel. Schulz, 1966 eben­falls kein Kind von Trau­rig­keit („Jeder wusste, dass es in meiner Nähe weh tun würde“), attes­tiert Stiles auch 44 Jahre später fan­tas­ti­sches Zwei­kampf­ver­halten und die Fähig­keit ein Spiel in seinen Ein­zel­heiten zu erkennen.“ Die Eng­länder gewinnen in einem legen­dären Duell, Stiles hat mit monu­men­talen Grät­schen seinen Teil dazu bei­getragen. Schulz klatscht Bei­fall: Der Bes­sere bleibt eben über.“ Eng­land tri­um­phiert und die Stars um den genialen Bobby Charlton und den stets ele­ganten Bobby Moore stemmen artig den Jules-Rimet-Cup in die Höhe. 

In Erin­ne­rung bleibt Fuß­ball-Eng­land aller­dings ein anderes Bild: Wie der zahn­lose Nobby Stiles den gol­denen Pokal auf seinem kahlen Schädel balan­ciert und ein irres Tänz­chen auf den Rasen des Wem­bley-Sta­dions voll­führt. Das Foto mit dem tan­zenden Kno­chen­bre­cher ist heute eines der berühm­testen Bild­do­ku­mente der bri­ti­schen Fuß­ball-Geschichte. Dabei bin ich eigent­lich ein ganz furcht­barer Tänzer“, wird Stiles Jahre später in einem Inter­view mit der BBC ver­raten. 32 Jahre nach dem WM-Tri­umph singen Skinner und Bad­diel im legen­dären Gas­sen­hauer Three Lions“ zur Welt­meis­ter­schaft 1998 in Frank­reich: We can dance Nobby´s dance, we can dance it in france.“

Macher einer gol­denen Genera­tion

1966 ist Nobby Stiles auf dem Höhe­punkt seiner Kar­riere. Nie wird er wieder so erfolg­reich spielen wie in diesem WM-Sommer. 1968 ist Stiles bei der Euro­pa­meis­ter­schaft im eng­li­schen Kader, kommt als Ersatz von Alan Mul­lery aber nur zu einem Ein­satz im bedeu­tungs­losen Spiel um Platz drei gegen die Sowjet­union. Zwei Jahre später darf er mit nach Mexiko, doch Natio­nal­trainer Ramsey lässt ihn nicht eine Minute spielen. 1971, nach 392 Spielen für Man­chester United, ver­kauft ihn der Klub für 20.000 Pfund zum FC Midd­les­b­rough, später wird er Trainer bei Preston North End, noch später sogar Mit­glied der Rentner-Liga NASL in den USA. Die aktive Kar­riere von Nobby Stiles klingt bei einem Team aus, dass den schwach­sin­nigen Namen Van­couver White­caps“ trägt.

Mitte der Acht­ziger ver­schwindet der Welt­meister von 1966 von der eng­li­schen Fuß­ball-Bühne, es wird gemun­kelt, er leide an Depres­sionen. Fast ist er ver­gessen.

Bis 1989 seine alte Liebe anklopft und ihn als Trainer der Jugend von Man­chester United ein­stellt. Der war viel­leicht blind, wie ein Maul­wurf, hatte aber das sel­tene Talent gute Fuß­baller schon nach den ersten Minuten zu erkennen“, bestä­tigt sein deut­sches Pen­dant Willi Schulz, der den Gegen­spieler von einst regel­mäßig bei Tra­di­ti­ons­ver­an­stal­tungen wieder sieht. Schon bald erntet United die Früchte der Fähig­keiten seines neuen Jugend­coa­ches: die spä­teren Welt­klasse-Spieler der gol­denen Genera­tion um Beckham, Giggs und Scholes durch­laufen seine Aus­bil­dung. Ein später Tri­umph für den kleinen Mann mit der großen Brille.

Ramsey ver­lieh ihm die höchste Aus­zeich­nung

Nach der Jahr­tau­send­wende, als sich Eng­land seiner ver­ges­senen Helden erin­nert, bekommt auch Stiles ein paar Orden an die Brust geheftet. Als stolzer Besitzer des Order of the Bri­tish Empire“ und Mit­glied der eng­li­schen Hall of Fame“ darf er 2007 end­gültig in Rente gehen.

Die schönste Aus­zeich­nung liegt aller­dings knapp 54 Jahre zurück. Nach dem WM-Sieg gegen die Deut­schen steht Trainer Alf Ramsey in den Kata­komben von Wem­bley und nimmt die Gra­tu­la­tionen der eng­li­schen Presse ent­gegen. Vom ultra-nüch­ternen Ramsey, das weiß in der bri­ti­schen Medi­en­land­schaft zu diesem Zeit­punkt jeder Zei­tungs­bote, braucht eigent­lich nie­mand ein Lob zu erwarten. Was man auch noch weiß: Nie hat der eng­li­schen Fuß­ball einen grö­ßeren Patrioten als Sir Alf gesehen. Wäh­rend der Erfolgs­trainer vor den Kameras steht, latscht der wei­terhin zahn­lose Stiles vorbei und grinst den Repor­tern zu. Als sich seine Nummer vier schon ein paar Meter ent­fernt hat, zeigt Ramsey mit dem Finger auf ihn: Der da“, flüs­tert er den Pres­se­men­schen zu, ist ein Eng­länder!“

Nun ist Nobby Stiles nach langer Krank­heit und im Alter von 78 Jahren ver­storben.