Steven Ger­rard rutscht aus, der Ball ver­springt. Chel­seas Demba Ba spritzt auf Höhe der Mit­tel­linie heran, nutzt den frei­ge­wor­denen Raum und zer­stört Augen­blicke später Liver­pools Traum von der ersten Meis­ter­schaft seit 24 Jahren. 

Den meisten dürfte die Szene vom 36. Spieltag der Pre­mier League-Saison 2013/14 im Gedächtnis sein, und damit die dra­ma­ti­sche Geschichte des LFC-Kapi­täns Steven Ger­rard. Sie lässt sich ja auch wun­derbar erzählen: Vor den Toren Liver­pools geboren, war Ger­rard mit dem LFC durch Höhen und Tiefen gegangen. Nun schien die Zeit reif, um den Fans ihre größte Sehn­sucht zu erfüllen. Doch das Schicksal schlug zu. Stevie G., der Unvoll­endete.

Einmal ohne Pathos, bitte

Der eng­li­schen Meis­ter­schaft sollte Ger­rard bis zu seinem Kar­rie­re­ende nicht mehr so nahe kommen wie in diesem Jahr. Dafür pro­fi­lierte er sich anschlie­ßend als Trainer bei den Glasgow Ran­gers, wo er im Sommer den ersten Meis­ter­titel seit zehn Jahren ein­fuhr. Nun kehrt er in die Pre­mier League zurück und heuert beim Aston Villa FC an. Die Geschichte ließe sich also wei­ter­spinnen: Ger­rard ver­lässt Glasgow ohne Not, nur um bei einem durch­schnitt­li­chen Pre­mier League-Klub anzu­heuern und seinem Sehn­suchts­ziel, der Pre­mier League-Meis­ter­schaft, zumin­dest einen Schritt näher zu kommen. Oder eben der Trai­ner­bank des LFC. Der Unvoll­endete lässt nichts unver­sucht. Viel­leicht ist es aber auch an der Zeit, die Geschichte Ger­r­ards einmal etwas anders zu erzählen. Mit weniger Pathos. Die Kar­riere der Liver­pool-Legende erscheint dann in einem anderen Licht.

Ange­fangen beim berühmten Aus­rut­scher im April 2014. Klar, aus­ge­rechnet Kapitän Ger­rard hatte gepatzt. Doch war das weder in der Schluss­mi­nute der Partie, noch am letzten Spieltag geschehen. Viel­mehr blieb Liver­pool nach dem Aus­rut­scher eine kom­plette Halb­zeit, um das Spiel gegen Chelsea noch zu drehen. Und selbst als die Nie­der­lage fest­stand, war nicht alles ver­loren. Erst als Liver­pool im nächsten Liga­spiel bei Crystal Palace eine 3:0‑Führung noch aus der Hand gegeben hatte, zer­platzten die Träume end­gültig. Und über­haupt: Reicht das Fehlen eines eng­li­schen Meis­ter­ti­tels, um Ger­rard auf ewig zum Unvoll­endeten zu machen?

Er wollte es allein richten“

Der Tro­phä­en­schrank Ger­r­ards droht nicht zu platzen. Aber er ist auch nicht leer. Immerhin holte er zweimal den FA Cup, gewann außerdem Cham­pions League und Uefa Cup. Dabei lag sein Wert für den LFC ohnehin nicht nur im sport­li­chen Bereich. In erster Linie waren es die Treue und sein Ein­satz sowie eine Prise Tragik, die Ger­rard beson­ders machten. Für Letz­tere sorgte er selbst – zwangs­läufig. Denn Ger­rard wollte alles für seinen Klub. Kein biss­chen weniger. Er wollte es allein richten. Und wir wollten das auch, der ganze Verein wollte es. Das ist eine große Last auf den Schul­tern eines ein­zigen Mannes“, sagte Mit­spieler Craig Bel­lamy einmal.

Unro­man­tisch, aber nicht aus­ge­schlossen, ist damit auch dieser Gedanke: Der Liver­pool-Abgang samt Wechsel zu LA Galaxy im Jahr 2015 stellte die Erlö­sung eines Beses­senen dar. Auch der Schritt zu den Glasgow Ran­gers passt in dieses Bild. Bewusst ent­schied sich Ger­rard nach einem guten Jahr als Nach­wuchs­trainer bei den Reds für einen Wechsel nach Schott­land. Andere Liga, anderer Tra­di­ti­ons­klub. Ger­rard eman­zi­pierte sich von der geliebten Heimat. Und das funk­tio­nierte erstaun­lich gut. Er schaffte es, die Vor­macht­stel­lung von Lokal­ri­vale Celtic zu beenden.

Auch der Wechsel zu Aston Villa sollte dem­nach aus ver­schie­denen Per­spek­tiven betrachtet werden. Fragen, wie sie The Times“-Journalistin Alyson Rudd stellte, liegen auf der Hand: Hat er einen Job ange­nommen, für den er noch nicht bereit ist? Hat er eine Rolle über­nommen, die seinem Weg, eines Tages Liver­pools Trainer zu werden, schaden wird?“ Unge­achtet ließ sie die Mög­lich­keit, dass nicht jeder Kar­rie­re­schritt Ger­r­ards zwangs­läufig mit dem FC Liver­pool und der ver­zwei­felten Jagd nach der Pre­mier League-Meis­ter­schaft in Ver­bin­dung steht.

Viel­leicht ver­hält es sich bei ihm auch ein­fach wie bei einem 19-jäh­rigen Teen­ager, der zum ersten Mal in eine andere Stadt zieht und die Ver­pflich­tungen seines bis­he­rigen Lebens hinter sich lässt – nur, dass Ger­rard diesen Schritt mit Ende 30 gegangen ist. Viel­leicht passte es auch ein­fach zwi­schen ihm und Aston Villa. In unseren Gesprä­chen mit ihm wurde deut­lich, dass Ste­vens Trai­ner­am­bi­tionen, seine Phi­lo­so­phie und seine Werte voll und ganz mit denen von Aston Villa über­ein­stimmen“, sagte Pur­slow.

Als Gast an der Anfield Road

Hinzu kommt, dass die Vil­lans durchaus etwas zu bieten haben. Neben großer His­torie, samt sieben Meis­ter­schaften und einem Euro­pa­po­kal­sieg, ver­fügt der Klub neu­er­dings über ein prall gefülltes Konto. Seit 2018 besitzt die ägyp­ti­sche Firma NSWE, hinter der die Mil­li­ar­däre Nassef Sawiris und Wes Edens stehen, den Groß­teil der Anteile am Klub aus Bir­mingham. Obwohl die ganz großen Inves­ti­tionen bisher aus­blieben, hat sich Villa nach der Pre­mier-League-Rück­kehr vor drei Jahren wieder eta­bliert im Ober­haus. Unter Ex-Coach Dean Smith spielte die Mann­schaft bis zur Win­ter­pause der letzten Saison ganz oben mit, ehe das Team ins Mit­tel­feld abrutschte.

Der neue Chef­trainer Steven Ger­rard dürfte also nicht ver­pflichtet und mit einem Ver­trag bis 2025 aus­ge­statten worden sein, um Jahr für Jahr nur den Liga­ver­bleib zu sichern. Das ließ auch Ger­rard selbst durch­bli­cken, als er sagte: In meinen Gesprä­chen mit Nassef, Wes und dem Rest des Vor­stands wurde deut­lich, wie ehr­geizig die Pläne des Ver­eins sind.“ Sicher keine Pläne, die mit denen des Titel­an­wär­ters Liver­pool zu ver­glei­chen sind. Trotzdem klingt all das nicht, als sehe Ger­rard die Vil­lans als reines Sprung­brett in Rich­tung höherer Ziele, die ihm end­lich den Traum von der Meis­ter­schaft erfüllen könnten. Was natür­lich nicht heißt, dass bei Ste­vies Rück­kehr nach Anfield am 11. Dezember nur ansatz­weise der Ein­druck eines all­täg­li­chen Besuchs ent­stehen könnte. Denn spä­tes­tens dann wird der Pathos zurück sein.

-