Seite 2: Warum der DFB Gosens braucht

Im 3−5−2 von Ata­lanta Ber­gamo wetzt der 25-Jäh­rige die linke Seite ent­lang. Ver­tei­digt und greift an. Sieben Tore und fünf Vor­lagen sind ihm in dieser Spiel­zeit schon gelungen, dar­unter ein Treffer zum 1:1‑Ausgleich gegen Inter Mai­land. Und mit Ber­gamo spielt er aktuell das, was Gosens selbst wohl als Sterne vom Himmel” bezeichnen würde. Sie sind Tabel­len­vierter und stehen im Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale. Und der Typ, der vor ein paar Jahren noch plante, Poli­zist zu werden, gehört nun zu den besten Spie­lern Europas.

Aber das zählt aktuell nicht mehr.

Denn Ber­gamo ist jene Stadt in der Lom­bardei, die am stärksten vom Coro­na­virus betroffen ist. Etwa 2.000 Men­schen starben schon. Es sei nach einer neuen Studie, die im Auf­trag der lokalen Tages­zei­tung ent­standen ist, davon aus­zu­gehen, dass sich diese Zahl noch ver­dop­peln werde. Gosens und seine Team­kol­legen hielten sich in den ver­gan­genen zwei Wochen daheim in Qua­ran­täne auf. Durch die Stadt fuhren Mili­tär­fahr­zeuge, die die Lei­chen aus der Stadt trans­por­tierten. Wer soll da noch an Fuß­ball denken?

Ich war lange Teil einer Kum­peltruppe“

Einer, der davon lebt, der sein ganzes Leben darauf aus­ge­richtet hat, dem wäre das nicht zu ver­denken. Bun­des­trainer Löw sagte in diesen Tagen, dass der DFB Gosens für die Test­spiele gegen Ita­lien und Spa­nien Ende März nomi­niert hätte. Sofern sie nicht abge­sagt worden wären. Dann wäre einer Teil der besten Mann­schaft des Landes geworden, der über sich selbst sagt: Ich war lange Teil einer Kum­peltruppe. Ich war ein ganz nor­maler Bauer.”

Als die Natio­nal­mann­schaft zum letzten Mal zusam­menkam, im November 2019, da war die Welt noch in Ord­nung. Bei den Qua­li­fi­ka­ti­ons­spielen in Mön­chen­glad­bach und Frank­furt machte sich trotzdem eine selt­same Stim­mung in den Sta­dien breit. Asep­tisch. Der DFB hatte Blas­ka­pellen ein­ge­laden, die vor und in den Sta­dien für Stim­mung sorgen sollte. Die Mann­schaft, so scheint es, hat inner­halb von sechs Jahren, als sie Welt­meister in Rio wurde, die Ver­bin­dung zu vielen Fans ver­loren. Die Spieler wirken unnahbar, der Wirk­lich­keit ent­rückt, nur in den wenigsten Fällen als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­guren taug­lich.

Und dann ist da Gosens. Einer, der mal, wie er sagt, ein ganz nor­maler Bauer war. Der jetzt noch an der Fern­uni­ver­sität Psy­cho­logie stu­diert, weil er sagt, dass er nach dem Trai­ning ja noch einen halben Tag Zeit habe, und: Warum sollte ich mich vor die Xbox hocken und bis Mit­ter­nacht zocken?” Einer, der selbst noch man­ches Mal geschockt vom Geschäft des Pro­fi­zirkus ist. Und der sich auch auf der Bank sit­zend bei einem Sieg denkt: Geil, drei Punkte!”

Gosens könnte das Bin­de­glied sein, dass der DFB so drin­gend braucht. Auf ihn ließe sich viel pro­ji­zieren. Das aber ist jetzt über­haupt nicht wichtig, wenn in Ber­gamo, in der Stadt, in der Gosens ver­sucht, sich zuhause fit zu halten, noch immer jeden Tag Men­schen an einem Virus sterben.

Was pas­siert danach?

Trotzdem darf die Frage erlaubt sein, was pas­sieren wird, wenn ein Stück Nor­ma­lität zurück­kehrt. Kann Gosens nach wochen­langer Iso­la­tion an seine Form anknüpfen? Wird er noch einmal nomi­niert werden von Joa­chim Löw, der in der letzten Saison Links­ver­tei­diger Philipp Max so lange sen­sa­tio­nell igno­riert hatte, bis dessen Leis­tungs­kurve ein­brach?

Immerhin: Die Zeit drängt nicht. Die Euro­pa­meis­ter­schaft wurde ja gerade erst um ein Jahr ver­schoben. Wäre doch eine schöne Gele­gen­heit, um einen ganz nor­malen Bauern mal wieder die Sterne vom Himmel spielen zu lassen.