Sterbt nicht so wie ich“, schrieb er am Ende mit gelber, zit­ternder Hand, wäh­rend seine Organe der Reihe nach ihren Dienst quit­tierten. Sterbt nicht so wie ich.“ Sein ganzer Körper war ver­giftet, und so schön er einst gewesen war: Lange bevor der Tod ihn abholte, sah er ihm schon ver­dammt ähn­lich. Sterbt nicht so wie ich.“ Eine sinn­lose War­nung (als könnte man es sich aus­su­chen), die ver­zwei­felte War­nung eines Mannes, der wusste, dass er eine dunkle Ikone war. Sterbt nicht so wie ich.“ Wer will das schon? Aber leben wie er, das wollen viele. Und viel­leicht ist es dann der Preis, so zu sterben wie George Best.

Obwohl es einen im Grunde einen Dreck angeht, wird man wütend“, schrieb Ulrich von Berg in seinem Nachruf in 11FREUNDE. Wer auch nach der Leber­trans­plan­ta­tion wei­ter­säuft wie tau­send Russen, der hat selbst Schuld. Als ob es um Schuld ginge oder darum, wer Mit­leid ver­dient.“ Zu Recht ver­bannt er damit ethi­sche Über­le­gungen, die auf Bests Exis­tenz ohnehin nicht anzu­wenden sind. Ebenso müßig sind Erklä­rungs­ver­suche, warum Best anfing, so hart zu saufen, dann immer härter und sich schließ­lich unter die Erde soff. War es Ver­an­la­gung? Der Druck? Lag es in der Familie? Best selbst wollte es ja auch nicht wissen. Der Durst, war der nicht Grund genug? 



Es hab keinen Muti­geren als ihn“

1969 habe ich das mit den Frauen und dem Alkohol auf­ge­geben. Das waren die schlimmsten zwanzig Minuten meines Lebens.“ Dieser Spruch, der heute auf unzäh­ligen T‑Shirts ange­trun­kener Scherz­bolde prangt, stammt von George Best, und der hat ihn ernst gemeint. Er war kein ange­trun­kener Scherz­bold, er war der beste Fuß­baller der Welt, der nebenbei soff, und zwar weit über das unter bri­ti­schen Fuß­bal­lern ver­brei­tete Maß hinaus,“ so Ulrich von Berg. Weiß der Himmel, wie das mög­lich war: Best war ein Gott mit wehender Mähne, wahn­sinnig rasant, expres­sio­nis­tisch drib­belnd, brand­ge­fähr­lich, beid­füßig, mit einer abgrund­tiefen Ver­ach­tung für alle Ver­tei­diger – und immer auch bereit, selbst zu grät­schen, sogar zu treten, sich irgendwie den Ball zurück­zu­holen, der ja ihm gehörte, weil er als Ein­ziger mit ihm umzu­gehen ver­stand. Sein enger Freund Rodney Marsh sagte einmal über ihn und sein Spiel: Best war der schnellste, der intel­li­gen­teste und der zer­stö­re­rischste Spieler, den es je gegeben hat. Es gab keinen Muti­geren als ihn.“ 

1961 ent­deckte ihn Bob Bishop, Späher vom FC Man­chester United, auf einem Acker in Bel­fast, wo er für die Lis­nas­har­ragh Inter­me­diate School spielte. Georgie, so riefen ihn alle, war 15 Jahre alt und schon ein Genie“, wie Bishop Trainer Matt Busby jap­send berich­tete. Der zuckte nicht mit der Wimper und holte Georgie und seinen Kumpel Eric McMordie nach Old Traf­ford. Doch beide plagte das Heimweh, und sie büchsten aus.

Erst nach 14 Tagen konnte Bests Vater Dickie sie zur Umkehr bewegen. Es sollte nur zwei Jahre dauern, bis Georgie sein Debüt in der ersten Mann­schaft gab. An diesem 14. Sep­tember 1963 sprang She Loves You“ von den Beatles an die Spitze der eng­li­schen Charts, und Best trau­ma­ti­sierte gegen West Brom­wich seinen Gegen­spieler Graham Wil­liams, der noch Jahr­zehnte später sagte: Zeigt mir end­lich mal ein Foto von dem Kerl, ich habe damals immer nur seinen Arsch gesehen.“ In seiner ersten Spiel­zeit schoss Best sechs Tore, wurde mit Man United Vize-Meister und trat erst­mals für Nord-Irland an. In den wenigen inten­siven Monaten, in denen das geschah, wurde er zu jener Ikone. Schon länger hatte der Rock’n’Roll danach gestrebt, mit dem Fuß­ball­sport eine unhei­lige Allianz ein­zu­gehen. Und Best war der ideale Hybride, ein Ball­treter“, so Ulrich von Berg, der – nebenbei oder eigent­lich – auch so etwas wie ein Pop­star war, ein fehl­ge­lei­teter Rock’n’Roller, dem nur die Gitarre abhanden gekommen war. Diese bis dahin nur ersehnte Kom­bi­na­tion war für eine bestimmte Genera­tion a dream come true.“ 

Best bot alles und noch mehr

Und schon war George Best sei­ner­seits eine unhei­lige Allianz ein­ge­gangen. Auf einem Jugend­tur­nier in Zürich war er so besoffen gewesen, dass er sich in ein Taxi erbro­chen hatte. Das wurde – zumal vom bie­deren Matt Busby – noch ver­harm­lost und nahm auch tat­säch­lich erst selbst­zer­stö­re­ri­sche Aus­maße an, als der Uniteds Lokal­ri­vale City den ebenso durs­tigen Mike Sum­mersbee ver­pflich­tete. Best und Sum­mersbee wurden zu den empö­rendsten drin­king bud­dies des König­reichs, und kein Mäd­chen war sicherer vor ihnen als sie vor den Mäd­chen, wobei Best sich ein ums andere Mal die Visage von einem eifer­süch­tigen Ver­lobten polieren lassen musste. Exakt 276 Tier­fi­guren befanden sich auf dem Tape­ten­muster der Rück­wand in Matt Busbys Büro“, weiß Ulrich von Berg zu berichten – George Best hatte sie wäh­rend der zahl­rei­chen Moral­pre­digten des Trai­ners immer wieder durch­ge­zählt. Viel konnte Busby nicht bewirken: Auf dem Höhe­punkt ihres Schaf­fens eröff­neten Best und Sum­mersbee oben­drein die obskure Bou­tique Edwardia“. 



Noch konnte Best die Exzesse kom­pen­sieren, nicht zuletzt durch seinen unbän­digen Trai­nings­eifer. Seinen auch unter Fach­leuten, die sich für Rock’n’Roll oder der­glei­chen nicht die Bohne inter­es­sieren, gül­tigen Status als Welt­klas­se­spieler begrün­dete er am 30. Sep­tember 1964, als er beim Sieg gegen Tabel­len­führer Chelsea eines seiner besten Spiele über­haupt bot. Er trieb seinen Gegen­spieler Ken Shel­lito in einen Wahn­sinn, von dem sich dieser nie­mals erholen sollte,“ erin­nert sich Ulrich von Berg. Er umkurvte mühelos zwei, drei Gegner und setzte dann zu selt­samen Dop­pel­pässen an, ein­fach indem er den nächsten Kon­kur­renten in voller Absicht anspielte. Er erzielte auch ein eigent­lich unmög­li­ches Tor, in dem er sich in einen Rück­pass von Hinton zu Keeper Bonetti mogelte. Best bot all das und noch mehr, aber er machte es anders, selbst­ver­liebter, krea­tiver und dreister als die unzäh­ligen Fum­mel­kö­nige.“ 

Dank George Bests über­ra­genden Kön­nens, der Ruhe und Ver­läss­lich­keit seines Wider­parts Bobby Charlton und der Kom­pro­miss­lo­sig­keit und des Instinktes seines Bru­ders im Geiste Denis Law (gemeinsam bil­deten sie die Holy Tri­nity“) wurde der FC Man­chester United 1966 und 1967 eng­li­scher Meister. Mit seinem Füh­rungs­treffer im End­spiel des Lan­des­meis­ter­po­kals 1968 ebnete Best den Weg zum 4:1 Sieg gegen Ben­fica Lis­sabon. Hin­terher sagte er: Ich habe immer davon geträumt, den Tor­hüter aus­zu­spielen, den Ball auf der Linie zu stoppen, mich hin­zu­knien und ihn dann mit dem Kopf ins Tor zu beför­dern. Gegen Ben­fica hätte ich das fast getan. Den Keeper hatte ich hinter mir gelassen, aber dann habe ich gekniffen. Der Trainer hätte sicher­lich einen Herz­in­farkt bekommen.“ Man United war es als erster eng­li­scher Mann­schaft gelungen, den wich­tigsten Ver­eins­pokal zu gewinnen. Eng­land lag George Best zu Füßen und wählte ihn zum Spieler des Jahres und zum fünften Beatle. Noch im selben Jahr erwies Europa ihm die gleiche Ehre. 

Wann ist denn bloß alles schief­ge­laufen, Georgie?“

Doch diese in sport­li­cher Hin­sicht glanz­volle Kar­riere blieb unvoll­endet. Zwar bestritt George Best 37 Län­der­spiele und schoss dabei neun Treffer, konnte damit dem ansonsten dürftig besetzten Team nicht zu der Teil­nahme an einer Welt­meis­ter­schaft ver­helfen. Erst 1982 und 1986 qua­li­fi­zierte sich Nord-Irland für das Tur­nier, doch da kickte George Best schon jen­seits von Gut und Böse in längst unter­ge­gan­genen Ope­ret­ten­ligen. Den Weg dorthin hatte er recht bald nach dem tri­um­phalen Finale gegen Ben­fica ein­ge­schlagen. Ab 1969, er war erst 23 Jahre alt, begann sein Stern zu sinken, und auch sein Verein befand sich rasch im freien Fall. Aber da“, so Ulrich von Berg, war man schon unbe­scheiden geworden, wollte par­tout nicht ein­sehen, dass er für genug Wirbel gesorgt und dem bri­ti­schen Fuß­ball einen Inno­va­ti­ons­schub ver­passt hatte, der – rück­bli­ckend betrachtet – gera­dezu unge­heu­er­lich war.“

Best erschien immer öfter in desas­trösem Zustand zum Trai­ning und begann sogar, Spiele zu schwänzen. Er war untragbar geworden und nie­mand, der ihn seiner besten Zeit erlebt hatte, konnte seinen Ver­fall mit ansehen. Ein Page, der Anfang der 70er Jahre mit dem Früh­stück in Bests Hotel­zimmer kam und ihn dort betrunken inmitten von lose her­um­lie­gendem Bar­geld und leeren Fla­schen vor­fand, soll ihn ange­schrieen haben: Wann ist denn bloß alles schief­ge­laufen, Georgie?“ 



Und es lief weiter schief. 1974 hatten die Ver­ant­wort­li­chen die Faxen dicke. Nach 466 Spielen und 178 Toren durfte Best nicht mehr für Man­chester United auf­laufen. Zwar zeigte er auf seinen Sta­tionen in Los Angeles oder San José noch Spuren seines Kön­nens, doch all das muss als unwür­diger Epilog seiner Kar­riere ange­sehen werden. Erst 1984 fand sie ein viel zu spätes Ende.

Ein hono­riger Sport­bot­schafter ist Best danach nicht geworden. Wer hatte das auch allen Ernstes erwartet? Ungern wollte die FIFA sich aufs Buffet kotzen lassen, und die Fuß­ball­un­ter­nehmer Pelé und Becken­bauer lupften sich auf den Galas lieber allein die Bälle zu. Georgie war’s recht, so konnte er unge­stört weiter- und immer wei­ter­saufen. 

Sterbt nicht so wie ich.“ Die sinn­lose War­nung, wie gesagt, eines Mannes, der eben dieses Sterben mit bru­taler Kon­se­quenz vor­an­ge­trieben hatte. Sterbt nicht so wie ich.“ Was sollten die Hun­dert­tau­send, die seinen Sarg säumten, mit diesem Tes­ta­ment anfangen? Sterbt nicht so wie ich.“ Viel­leicht war es Reue, wenn auch allzu spät. Sterbt nicht so wie ich.“ Einer hat ihm den Gefallen getan: Sein alter Vater Dickie, der aus Bel­fast an sein Bett geeilt war. Er war immer sein größter Fan gewesen.