Es grenzt eigent­lich an ein Wunder, dass Hol­ly­wood bis heute nicht an die Tür von Guil­lermo Estéban Cóp­pola geklopft hat, um sein Leben zu ver­filmen. Keine Frage, man könnte zwei­fellos ein erst­klas­siges Melo­dram aus seiner Vita spinnen, in dem berau­schende Hochs und erschüt­ternde Tiefs sich in einem Takt abwech­selten, der wohl selbst gut kon­di­tio­nierte Regis­seure voll­kommen außer Atem bringen würde. Ein kome­ten­hafter Auf­stieg, eine Freund­schaft für die Ewig­keit, Ver­zicht, Ver­lust, Verrat, Cóp­pola hat all das erlebt. Noch heute nennen sie ihn ehr­furchts­voll den Stell­ver­treter Gottes“, zwanzig Jahre ver­brachte er als Manager an der Seite des Mannes, der in Argen­ti­nien bis heute wie ein Hei­liger ver­ehrt wird: Diego Armando Mara­dona, der Gold­junge“.

Jung, gut­aus­se­hend, ein Playboy

Gegen Ende der Sieb­ziger Jahre ist Cóp­pola ein auf­stre­bender Bank­an­ge­stellter in Buenos Aires, jung, cha­ris­ma­tisch, gut­aus­se­hend, ein Playboy, der sich dank seiner Ver­füh­rungs­künste in den Eta­blis­se­ments der Stadt schon bald einen gewissen Namen gemacht hat. Er schlägt sich die Nächte um die Ohren und arbeitet tags­über als Kun­den­be­rater. Er trifft dank seiner Fähig­keit, Leute von sich ein­zu­nehmen, immer mehr ein­fluss­reiche Per­sön­lich­keiten. Er steigt auf der Kar­rie­re­leiter so rasant nach oben, dass er, selbst ein begabter Fuß­ball­spieler, sogar ein Angebot von Racing Buenos Aires aus­schlägt, weil er in der Bank mehr ver­dienen kann. Eines Tages sitzt sein Jugend­freund Vicente Alberto Pernía vor ihm, inzwi­schen Ver­tei­diger bei Argen­ti­niens größtem Club, den Boca Juniors. Cóp­pola eröffnet für ihn ein Konto zu güns­tigen Kon­di­tionen, die beiden nähern sich wieder an – ab da ist Cóp­pola Stamm­gast in La Bom­bonera“, dem Sta­dion von Boca, sitzt auf der Ehren­tri­büne neben Prä­si­dent Alberto Armando und küm­mert sich bald um die Finanz­an­ge­le­gen­heiten der halben Mann­schaft. 1978 ist er es auch, der den Transfer von Alberto César Taran­tini, der damals als einer der besten Links­ver­tei­diger der Welt gilt, zu Bir­mingham City ein­fä­delt. Am 12. Oktober 1980, seinem 32. Geburtstag, darf Cóp­pola in einem Freund­schafts­spiel gegen Ace­rías Bra­gado sogar selbst 15 Minuten im Trikot der Mann­schaft auf­laufen. Ein Kind­heits­traum geht in Erfül­lung.

1981 lernt er schließ­lich Diego Armando Mara­dona kennen, der für die Rekord­summe von umge­rechnet drei Mil­lionen Mark von den Argen­tinos Juniors zu Boca wech­selt – der Beginn einer zwei Dekaden langen Freund­schaft, die am Ende fast einer Ehe ähnelt und über die Cóp­pola später sagen wird: Ich war alles für Diego: Sein Freund, sein Partner, sein Manager, sein Vater – und sein Dienst­mäd­chen.“ Bei der WM 1982 in Spa­nien läuft El Pibe“ zum ersten mal für die argen­ti­ni­sche Natio­nal­mann­schaft bei einem großen Tur­nier auf. Nach den Par­tien geht Cóp­pola mit den Spie­lern auf Ibiza feiern und zele­briert sich selbst weiter als Lebe­mann. 1984 lernt er die schöne Yuyuita“ kennen, die beiden sind als Paar lan­des­weit in allen Klatsch­zei­tungen zu bewun­dern, sie zieht sich für den argen­ti­ni­schen Playboy“ aus. Dieser Lebens­wandel beein­druckt Mara­dona tief, er will auch ein Stück vom Kuchen und bittet Cóp­pola schließ­lich, sein Manager zu werden. Der kün­digt am nächsten Tag seinen Job bei der Bank und fliegt mit seinem neuen Schütz­ling nach Ita­lien, um einen Mil­lionen-Deal mit dem SSC Neapel ein­zu­tüten, wo Mara­dona bis 1991 spielen wird.

Das ganze Sta­dion hat damals unsere Namen gesungen“, erin­nert sich Cóp­pola an die Pre­miere von Mara­dona. Ganz Neapel emp­fängt das Paar mit einer gren­zen­losen Liebe, die noch gestei­gert wird, als der Club 1987 mit Mara­dona zum ersten Mal über­haupt in seiner Geschichte die ita­lie­ni­sche Meis­ter­schaft gewinnt. 1986 führt der Gold­junge die Albice­leste in Mexiko zum Welt­meis­ter­titel und wird zum über­ra­genden Spieler des Tur­niers, sein zweiter Treffer gegen Eng­land wird später zum Tor des Jahr­hun­derts“ gewählt. Für Mara­dona und Cóp­pola stehen danach alle Türen offen, sie wohnen in den edelsten Suiten, haben in Neapel einen festen Tisch im Nobel­re­stau­rant La Sacrestia“, eine Ehre, die sonst nur den lokalen Camorra-Bossen vor­be­halten ist. Der SSC besorgt Mara­dona den welt­weit ersten schwarzen Fer­rari Testa­rossa, um ihn zu einer Ver­trags­ver­län­ge­rung zu bewegen, denn längst sind Begehr­lich­keiten bei einem Mann geweckt, der es gewohnt ist, zu bekommen, wonach er ver­langt.

Elton hat mir ein ein­deu­tiges Angebot gemacht“

Der damals noch junge, aber schon genauso win­dige Geschäfts­mann und Poli­tiker Silvio Ber­lus­coni, Prä­si­dent des AC Mai­land, möchte Mara­dona zu seinem Verein locken – und bietet seinem Manager Cóp­pola neben einem Apar­te­ment für eine Mil­lionen Dollar auch einen Dienst­wagen im Wert von 250.000 sowie ein Monats­ge­halt von 50.000 Dollar. Als die Presse in Neapel von dem mög­li­chen Wechsel Wind bekommt, legt jemand eine Bombe auf dem Gelände des Fern­seh­sen­ders Canal 5“ ab, der eben­falls Ber­lus­coni gehört. Wäre Diego damals gewech­selt, hätten sie ihn wohl umge­bracht“, erin­nert sich Cóp­pola in einer Doku­men­ta­tion über sein Leben, das er selbst pro­du­ziert und ein­ge­spro­chen hat. Mara­dona und Cóp­pola bleiben in Neapel, ver­dienen an der Ver­trags­ver­län­ge­rung Mil­lionen, und umgeben sich noch mehr als vorher mit Leuten aus der High Society, feiern bei­spiels­weise mit Rod Ste­wart oder Elton John – ein Treffen, um das sich noch heute Legenden ranken. Elton hat mir ein ein­deu­tiges Angebot gemacht“, so Cóp­pola. Er wollte, dass ich mit auf sein Zimmer komme. Das habe ich aber höf­lich abge­lehnt mit der Begrün­dung, am nächsten Tag früh auf­stehen zu müssen.“

Doch der lockere Lebens­wandel hin­ter­lassen auch Spuren. Bei der WM 1990 in Ita­lien ist Mara­dona bereits über­ge­wichtig und außer Form, Argen­ti­nien ver­liert das Finale gegen Deutsch­land mit 1:0. Damals ist Diegos Kokain-Sucht bereits ein offenes Geheimnis, und es gibt nicht wenige, die ver­muten, Cóp­pola sei für die Beschaf­fung der Drogen zuständig. Aus der Som­mer­pause kehren beide Tage ver­spätet zurück, und als Mara­dona das erste Mal offen über Wechsel-Absichten spricht, kippt die Stim­mung in Neapel. Er und sein Manager werden von den Fans jetzt aus­ge­pfiffen, Steine fliegen durch Fenster, auf Cóp­polas Auto wird geschossen, wor­aufhin er vor­über­ge­hend aus Ita­lien flieht. Mara­dona fühlt sich im Stich gelassen und trennt sich am 12. Oktober 1990, wie­derum an Cóp­polas Geburtstag, zum ersten Mal von seinem Berater. Am 17. März 1991 wird Mara­dona beim SSC Neapel ent­lassen, nachdem ihm bei einer Doping­probe die Ein­nahme von Kokain nach­ge­wiesen wird.

Für seinen Ex-Manager beginnen die fins­tersten Jahre seines Lebens: 1994 schießt jemand dem legen­dären Nacht­club-Besitzer Leo­poldo Poli“ Armen­tano aus nächster Nähe mit einer Waffe Kaliber 38 in den Kopf, der Ver­dacht fällt auf Cóp­pola: Die Presse hat damals zahl­lose Anschul­di­gungen erfunden.“ Man spe­ku­liert, Poli“ habe Cóp­pola Geld geschuldet, wel­ches der ihm für den Aufbau seiner Disko El Cielo“ geliehen haben soll. Ein anderes Gerücht besagt, Armen­tano habe sterben müssen, weil er sich wei­gerte, für Cóp­pola Drogen zu ver­kaufen – schon damals ist der Stell­ve­treter Gottes“ im Visier des knall­harten Rich­ters Hernán Ber­nas­coni, der ver­mutet, Cóp­pola sei der Kopf eines inter­na­tio­nalen Kokain-Kar­tells. Nachdem in seinem Appart­ment tat­säch­lich 40 Gramm des weißen Pul­vers gefunden und zahl­reiche Zeugen unter Druck der Polizei offen­sicht­lich zu Falsch­aus­sagen genö­tigt werden, wan­dert Cóp­pola schließ­lich am 11. Oktober 1996 hinter Gitter. Wegen Zwei­feln an dem Gerichts­ver­fahren kommt er jedoch bereits am 15. Januar 1997 wieder raus, wird im Juni 1999 schließ­lich offi­ziell von jeg­li­cher Schuld frei­ge­spro­chen.

Hat Cóp­pola Mara­dona die Drogen ver­schafft?

Mit Mara­dona hat Cóp­pola bereits seit 1994 wieder Kon­takt, seit dieser nach einer wei­teren posi­tiven Doping­probe bei der WM in den USA auch von der argen­ti­ni­schen Natio­nal­mann­schaft sus­pen­diert wurde. Das Mil­le­nium ver­bringen die beiden in dem Badeort Punta del Este in Uru­guay, wo sich am 4. Januar 2000 schließ­lich eine Tra­gödie von natio­nalem Ausmaß ereignet. Cóp­pola findet Mara­dona leblos vor, in seinem Sessel sit­zend, den Kopf nach vorne gesackt, so als würde er schlafen – tat­säch­lich hat er eine Über­dosis Kokain genommen und infol­ge­dessen einen schweren Herz­in­farkt erlitten. Bis heute halten sich die Gerüchte, Cóp­pola habe ihm auch diese Drogen beschafft. 

Der Manager jeden­falls ruft einen Arzt, den jungen Jorge Romero, der damals gerade einmal einen Monat lang seine Lizenz besitzt. Zehn Jahre nach dem Vor­fall ver­si­chert Romero in einen Inter­view mit der Zei­tung El País de Uru­guay“: Cóp­pola wollte Mara­dona umbringen. Wir haben seinen leb­losen Körper in einen Wagen gehievt und sind zum Kran­ken­haus Can­te­gril gefahren. Aber auf dem Weg dorthin hat er 15 Minuten an einer Tank­stelle gehalten, um 70 Liter Bezin zu kaufen.“ Man rechnet mit dem schlimmsten, Mara­donas Herz setzt mehr­mals aus, seine Familie findet sich ein, um Abschied zu nehmen, die inter­na­tio­nale Presse bela­gert das Kran­ken­haus, ganz Argen­ti­nien leidet. Doch wie durch ein Wunder über­lebt der Gold­junge – laut Cóp­pola sind seine ersten Worte, nachdem er auf­wacht: Guille, bring mir eine Cho­rizo mit Kar­tof­feln und Ei und dann schaff mich raus hier.“

Allein auf Kuba habe ich mit etwa 700 Frauen geschlafen“

Eine 30 Mann starke Entou­rage begleitet Mara­donna und Cóp­pola anschlie­ßend zur Reha­bi­li­ta­tion in die Klinik La Pra­dera“ auf Kuba – nach drei Monaten sind nur noch die beiden Freunde da, sogar Mara­donas Frau Claudia hat die Flucht ergriffen. Von der Außen­welt abge­schottet, erholt sich Mara­dona schnell, spielt stun­den­lang Golf, wäh­rend Cóp­pola mal wieder den lebens­lus­tigen Schür­zen­jäger gibt: Allein auf Kuba habe ich mit etwa 700 Frauen geschlafen“, erin­nert er sich später. Vom Fuß­ball und vom Tanzen habe ich irgend­wann genug bekommen, aber nie­mals von schönen Frauen.“ Doch die Zeit der gemein­samen Iso­la­tion beginnt auch an den Nerven der beiden zu zehren, Mara­dona wacht eifer­süchtig über seinen Freund: Wir haben zusammen gegessen, geschlafen und sogar zusammen geschissen. Es war mehr oder weniger wie in einer Ehe.“

Einen Tag nach Mara­donas 43. Geburtstag kommt es schließ­lich zum end­gül­tigen Zer­würfnis zwi­schen den beiden, Cóp­pola flieht vor seinem Schütz­ling und weint auf dem Weg zum Flug­hafen wie ein kleiner Junge: Wir haben ein­ander gesagt, dass wir uns lieben, und dann ist jeder seiner Wege gegangen.“ Doch wenig später startet Mara­dona in der argen­ti­ni­schen Presse eine Schlamm­schlacht gegen seinen ehe­ma­ligen Berater, wirft ihm vor, er habe sein Geld stehlen und ihn umbringen wollen. Cóp­pola kon­tert, und schließ­lich treffen sie sich nach über fünf Jahren 2008 vor Gericht wieder, sind damit end­gültig geschie­dene Leute. Aus dieser Zeit datiert auch das letzte gemein­same Foto der beiden, bis heute haben sie sich nie wieder gesehen. Cóp­pola ver­fällt nach der Tren­nung von Mara­dona in schwerste Depres­sionen, doch über seine Familie findet er den Weg zurück in einen nor­malen Alltag, vor allem seine vier Töchter geben ihm Kraft. Die Ent­täu­schung über den Ver­lust seiner Freund­schaft mit Gott“ ist ihm aber auch heute noch anzu­merken, wenn er sagt: Diego war die Liebe meines Lebens. Ich habe ihn mehr geliebt als alle meine Frauen.“