Wolf­gang Weber, wenn Sie einen Spieler nennen müssten, der sym­bo­lisch für den Abstieg von Werder Bremen in der Saison 1979/80 steht, wen würden Sie da wählen?

Wolf­gang Weber: Dave Watson! Ein eng­li­scher Libero, den Manager Rudi Assauer und ich vor der Saison bei einem Län­der­spiel beob­achtet und als gut genug für die Bun­des­liga ein­ge­stuft hatten. Also holten wir ihn von Man­chester City zum SV Werder.



Gut genug? Watson war damals doch als Ver­tei­diger in der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft gesetzt.

Wolf­gang Weber: Und das zu Recht. Dave war ein typi­scher Defen­siv­spieler von der Insel: Groß gewachsen, ein sen­sa­tio­neller Kopf­ball­spieler, zwei­kampf­stark – eine rich­tige Kante. Aller­dings nicht so stark in der Offen­sive, wie unser schei­dender Libero Per Röntved…

…der Werder vor der Sai­son­be­ginn nach sieben Jahren in Rich­tung Däne­mark ver­ließ.

Wolf­gang Weber: Per wollte zurück in sein Hei­mat­land, diesem Wunsch wollten wir uns nicht wider­setzen. Mit ihm ver­loren wir einen der besten Liberos der Bun­des­liga. Kein guter Start in die neue Spiel­zeit.

Zumal Röntved dann auch noch für Unruhe sorgte, als er Wer­ders Ärzten in seinem Buch »Die Kehr­seite« vor­warf, sie hätten ihn heim­lich gedopt.

Wolf­gang Weber: Wie bitte?

Erin­nern Sie sich nicht mehr daran?

Wolf­gang Weber: Jetzt wo Sie es mir sagen, kommen ein paar dunkle Erin­ne­rungen hoch. Helfen Sie mir auf die Sprünge.

Röntved behaup­tete, man habe ihm ein Auf­putsch­mittel namens »Inocid« ver­ab­reicht. In seiner Werder-Chronik »Das W auf dem Trikot« schreibt Arnd Zeigler aller­dings, dass es dieses Mittel nie gegeben habe.

Wolf­gang Weber: Ja, ich erin­nere mich. Aber das war so absurd, dass wir es schon bald wieder ver­gessen hatten. Viel ent­schei­dender war, dass wir mit dem Abgang von Röntved ein echtes Defen­siv­pro­blem hatten.

Aber Sie hatten doch Dave Watson?

Wolf­gang Weber: Das stimmt und gleich im ersten Sai­son­spiel gegen Bayer Uer­dingen, zeigte er uns, was er drauf hatte: Wir gewannen 1:0 und ich glaube, Watson verlor nicht einen Zwei­kampf.

Klingt nach einem tollen Sai­son­start!

Wolf­gang Weber: War es auch. Bis der zweite Spieltag kam. Wir spielten gegen 1860 Mün­chen, lagen 1:2 hinten, als sich in der 36. Minute Dave Watson und Herman Bitz in die Wolle bekamen. Plötz­lich schlug Watson zu, Bitz krachte auf den Rasen. Eine bru­tale Tät­lich­keit! Ich habe das ein­fach nicht ver­stehen können, warum unser Libero so eine Dumm­heit begeht! Natür­lich bekam er die Rote Karte. Kurz danach wurde er für acht Wochen gesperrt. Und wir hatten keinen Libero.



Watson machte anschlie­ßend kein Spiel mehr für Werder. Warum?

Wolf­gang Weber: Als seine Sperre abge­laufen war, wollte ich ihn im Aus­wärts­spiel gegen Schalke wieder auf­stellen. Das klappte aller­dings aus diversen Gründen nicht, nach seiner Aus­sage auf­grund einer Knie­ver­let­zung. Ob ihn das tat­säch­lich am Ein­satz gehin­dert hatte, werde ich wohl nie erfahren. Fakt ist, dass seine Frau Penny sich in Bremen nicht wohl fühlte. Sie wollte wieder nach Hause. Kurze Zeit später zogen die Wat­sons wieder auf die Insel, immerhin bekamen wir vom FC Sout­hampton die Summe, die wir zuvor für seinen Transfer aus­ge­geben hatten.

Erst Röntved, dann Watson – war die Saison 1979/80 die Spiel­zeit der per­so­nellen Fehl­ent­schei­dungen?

Wolf­gang Weber: Das kann man so sagen. Fast noch ent­schei­dender als die Sache mit Watson, war die Posse um Bum Kun Cha.

Erzählen Sie!

Wolf­gang Weber: Noch vor der Saison bekamen wir einen Anruf von seinen Mana­gern mit der Bitte, ihren Spieler bei uns in der Sai­son­vor­be­rei­tung mal zu testen. Kein Mensch hatte den zu diesem Zeit­punkt auf der Rech­nung. Er stand zwar bei Darm­stadt 98 unter Ver­trag, hatte da aller­dings erst ein Spiel machen können. Nur um dann angeb­lich zum Mili­tär­dienst nach Süd­korea ein­ge­zogen zu werden. Ich erkun­digte mich also bei meinem Kol­legen Lothar Buch­mann (bis April 1979 Trainer in Darm­stadt, d. Red.) und lud Bum Kun Cha ein. Was war das für ein Wahn­sinns­spieler! Schnell, kör­per­lich extrem stark, wun­der­bare Technik, Zug zum Tor – ein rich­tiger Athlet!

Wie ging es weiter?

Wolf­gang Weber: Ich wollte Cha unbe­dingt haben und sagte das auch unserem Vor­stand. Rudi Assauer machte ihm und seinen Mana­gern ein groß­ar­tiges Angebot im mitt­leren sechs­stel­ligen Bereich. Für Bremer Ver­hält­nisse eine unglaub­liche Summe! Chas Berater infor­mierten uns dar­aufhin, dass ihr Klient gerne noch bei Ein­tracht Frank­furt vor­spielen würde, bevor er sich end­gültig ent­scheide. Ich habe Rudi gesagt: »Wenn du den ohne Ver­trag nach Frank­furt gehen lässt, sehen wir ihn nie wieder!« Aber Werder hatte keine Chance. Frank­furt bot noch mehr Geld und Bum Kun Cha wech­selte zur Ein­tracht. Heute bin ich mir sicher, dass Bremen von seinen Bera­tern ledig­lich dazu miss­braucht wurde, den Markt­wert ihres Spie­lers zu erfahren.

Und Sie star­teten in die Saison mit einer Mann­schaft ohne echten Libero und zuver­läs­sigen Tor­jäger?

Wolf­gang Weber: Ganz so dra­ma­tisch war es nicht, der Kader war an und für sich gut genug, um die Klasse zu halten. Doch die Posse um Bum Kun Cha war def­intiv ein Knack­punkt. Und die Libero-Geschichte machte uns eben­falls schwer zu schaffen. Letzt­lich muss ich mir auch selbst ankreiden, die Krise nicht recht­zeitig abge­wendet zu haben.

Inwie­fern?

Wolf­gang Weber: Nach Wat­sons Sperre suchte ich nach einem Ersatz und fand ihn in dem Glad­ba­cher Hans-Günter Bruns. Doch der kam nicht. Angeb­lich, weil seiner Frau Bremen zu kalt gewesen wäre. Dabei ist das doch so eine lie­bens­wür­dige Stadt! Rudi Assauer teilte mir später mit, der Verein wäre nicht in der Lage Bruns zu holen und ich fand mich damit ab.

Wo lag der Fehler?

Wolf­gang Weber: Ich hätte mich dagegen wehren sollen und einen neuen Ver­tei­diger ver­langen müssen. Statt­dessen dachte ich, dass wir es auch so packen würden. Wissen Sie, wenn man jung ist, glaubt man, dass man alles schafft. Ich war 34, ein blut­junger Trainer! Außerdem hatte ich keinen Assis­tenten, war völlig auf mich alleine gestellt. Von der Sport­hoch­schule Köln brachte ich jemanden mit, der zumin­dest die Ama­teure eine Weile trai­nierte und mir unter die Arme griff.



Einen Trans­fer­coup konnte Werder ja immerhin noch feiern: Aus Graz kam der 20-jäh­rige Öster­rei­cher Ger­hard Stein­kogler. Den wollte immerhin auch die Mün­chener Bayern und Inter Mai­land…

Wolf­gang Weber: Ein talen­tierter Bur­sche, den ich bei einem Län­der­spiel beob­achtet hatte. Aller­dings war er noch nicht reif für die Bun­des­liga. Beim »4 gegen 2« im Trai­ning riss er sich die Bänder und fiel mona­te­lang aus.

Und Sie wurden nach dem 19. Spieltag schließ­lich ent­lassen.

Wolf­gang Weber. Ich wurde beur­laubt, wie es so schön heißt. Gegen 1860 Mün­chen ver­loren wir 4:6. Wir konnten gar nicht so viele Tore schießen, wie wir hinten rein bekamen! Anschlie­ßend teilte mir der Vor­stand seine Ent­schei­dung mit. Es war, wie bei fast jeder Trai­ner­ent­las­sung: Wenn man nicht mehr weiter weiß, dann schmeißt man eben den Trainer raus. Für mich kam das über­ra­schend. Die ersten beiden Spiele nach der Win­ter­pause hatten wir zwar ver­loren, die Hin­runde aber auf Platz 12 mit 15:19 Punkten abge­schlossen.

Werder stiegt schließ­lich ab und hatte am Ende sage und schreibe 93 Gegen­tore kas­siert – müssen Sie sich ankreiden, die schwächste Werder-Defen­sive aller Zeiten trai­niert zu haben?

Wolf­gang Weber: Moment! Ich war ja bereits nach 19 Spiel­tagen ent­lassen worden. Da hatten wir eine Tor­dif­fe­renz von Minus 16. Schauen Sie mal nach, wie die Dif­fe­renz in der Abschluss­ta­belle aussah!

Minus 41…

Wolf­gang Weber: Ich will meine Nach­folger Rudi Assauer und Fritz Langner nicht in die Pfanne hauen, aber immerhin war der Job in Bremen meine erste und letzte Sta­tion als Fuß­ball-Trainer. Nach meiner Beur­lau­bung bekam ich ein Angebot von adidas und sagte zu.

Der aktu­ellen Mann­schaft von Werder Bremen droht nun eben­falls der Abstieg. Erkennen Sie Par­al­lelen zwi­schen heute und damals?

Wolf­gang Weber: Ganz kon­krete Bei­spiele gibt es nicht. Sicher, die Mann­schaft der Gegen­wart hat eben­falls mit Ver­let­zungen zu kämpfen, selbst einen jungen Neu­zu­gang aus Öster­reich gibt es – aber ein Fall Watson oder Bum Kun Cha ist Werder in dieser Spiel­zeit immerhin erspart geblieben. Übri­gens glaube ich fest daran, dass Bremen nicht absteigt und gemeinsam mit dem 1. FC Köln die Klasse hält.

Warum?

Alles andere ist außer­halb meiner Vor­stel­lungs­kraft.

Der heu­tige Trainer Thomas Schaaf war damals einer Ihrer Spieler. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an ihn?

Wolf­gang Weber: In meiner ersten Saison, 1978/79, ließ ich Thomas kurz vor seinem 18. Geburtstag das erste Bun­des­li­ga­spiel seiner Kar­riere absol­vieren: am 28. Spieltag gegen den VfL Bochum. Im Abstiegs­jahr machte er zwar kein Spiel für die erste Mann­schaft, aber schon damals konnte man deut­lich erkennen, wel­ches Talent in ihm schlum­merte. Später hat mich dann aller­dings eine Tat­sache aus seiner Bio­grafie geschockt.

Welche?

Wolf­gang Weber: Bei »wiki­pedia« las ich: »Thomas Schaaf, geboren in Mann­heim«. Das konnte ich nicht glauben. Also habe ich mich in Bremen erkun­digt. Und jeder hat mir Mann­heim als seinen Geburtsort bestä­tigt. Unglaub­lich.

Was ist daran so scho­ckie­rend?

Wolf­gang Weber: Ich habe nie jemanden getroffen, der nord­deut­scher war, als Thomas Schaaf.