11FREUNDE Spe­zial

QUADRAT 1 1 für Hochformate 3

Dieser Text erschien erst­mals in unserem 11FREUNDE Spe­zial Tore“. Hier im Shop erhält­lich.

Ich weiß noch immer nicht recht, ob Augus­tine Okocha damals für mich ein Held oder ein Anti­held war. Ein Idol war er bestimmt. Und ein Retter. Durch ihn begann eine neue Phase in meinem Leben. Als Mensch, als schwarzer Junge in einer kleinen Gemeinde im schwarzen Bayern. Um das zu erklären, muss ich etwas weiter aus­holen. Eine Fähig­keit, die Okocha auch per­fek­tio­niert hat.

Husch, husch, Neger in den Busch!“

Ich bin halb Deut­scher und halb Nige­rianer. Ich find’s schön hier, ich mag Bayern. Aber man fühlt sich als Schwarzer unter Schwarzen nicht immer wohl. Es gibt doch noch gewisse Vor­ur­teile, die einem – ob humor­voll oder ernst gemeint – sowohl auf dem Rasen als auch im nor­malen Leben ent­ge­gen­wehen. Die Reihe an Spitz­namen, die ich früher zuge­teilt bekam, reichte von Bob Marley“ bis Schwarze Perle“, andere riefen mir Stehen bleiben, Polizei!“ hin­terher. Das war irgendwo auf der Straße, beim Metzger, in der Schule oder auf dem Fuß­ball­platz so. 

Was das Kicken angeht, war ich wohl das kom­plette Gegen­teil von dem, was Jay-Jay Okocha dar­stellte. Ich war Fuß­baller, okay, so viel hatten wir gemein. Aber zu der Zeit hießen die afri­ka­ni­schen Fuß­baller in der Bun­des­liga noch … sie hießen gar nicht. Zumin­dest nicht so, dass man von ihnen hätte reden können. Wäh­rend Anthony Baffoe sich gezwungen sah, so man­chen Gegen­spieler auf seine Plan­tage“ ein­zu­laden, begrüßte man Sou­leyman Sané mit Sprech­chören wie Husch, husch, Neger in den Busch!“ Ich war damals Aus­putzer. Ich war schnell und konnte den Ball gut weg­schlagen. Sehr weit, Haupt­sache weg vom eigenen Straf­raum, das war die Order. Dafür gab’s Schnitzel mit Pommes und aner­ken­nendes Klat­schen vom Trainer. 

Das Vor­bild: Armin Stör­zen­hof­ecker

Das war es, was von mir erwartet wurde: Geschwin­dig­keit und diese Kraft in den Schen­keln. Schon vor Spiel­be­ginn hieß es vom geg­ne­ri­schen Trainer: Obacht, der is’ schnell!“ Ja, schnell war ich, das reichte zum Meis­ter­titel in der E‑Jugend. Leider haben sich meine Wachs­tums­fugen ziem­lich genau mit dem Gewinn dieser Meis­ter­schaft dazu ent­schieden, sich zu ver­schließen. Das Spiel­feld und die Gegner wurden größer, nur meine Schuh- und Tri­kot­größe und vor allem meine Technik sta­gnierten. Immer öfter wurde ich ins Mit­tel­feld beor­dert, meis­tens aber auf der Bank geparkt. Der is’ nur schnell, stell an Körper nei!“, hieß es jetzt plötz­lich.

Meine Mit­spieler konnten mitt­ler­weile Tricks und mehr als drei Mal den Ball hoch­halten. Ich habe mir genau einen Trick abge­schaut, der sich mit meinen man­nig­fal­tigen Fähig­keiten am Ball kom­bi­nieren ließ. Abge­schaut vom rechten Mit­tel­feld­spieler meines Lieb­lings­klubs 1860 Mün­chen: Armin Stör­zen­hof­ecker – ein Name wie Augus­tine Azuka Okocha. Fast. Links vor­bei­legen, rechts vor­bei­sprinten. Das war mein Trick. Und dann ebenso schnell den Ball los­werden, bevor mich ein wohl­ge­nährter Gegen­spieler vom Spiel­feld checkte.