Als ich in die Kabine kam, sagte nie­mand ein Wort. Ich schaute in skep­ti­sche Gesichter. Na super, sie hatten alle den Zei­tungs­ar­tikel gelesen, in dem Liver­pools Trainer Bill Shankly fragte: Borussia Dort­mund – wer ist das denn?“

Natür­lich waren die Liver­pooler klarer Favorit und im Gegen­satz zu uns eine Mann­schaft, die aus­schließ­lich aus Voll­profis bestand, die stellten ja die halbe eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft: Bobby Moore, Roger Hunt oder Peter Thompson. Das waren klang­volle Namen, ich kannte sie bis dato nur aus dem Fern­sehen, ich hatte gesehen, wie sie im Vier­tel­fi­nale Honved Buda­pest und im Halb­fi­nale die Glasgow Ran­gers aus dem Wett­be­werb geworfen hatten.

Wir wollen unsere Haut teuer ver­kaufen“

Weiter Stille. Dann ergriff Willi Mult­haup das Wort. Er sagte: Meine Herren, wir wollen unsere Haut so teuer wie mög­lich ver­kaufen.“ Wir nickten. Aber bevor wir auf­stehen konnten, bedeuete Mult­haup sitzen zu bleiben, seine Rede war noch nicht vorbei.

Männer“, sagte er nun und atme­tete tief ein, von zehn Spielen gegen diese Mann­schaft ver­lieren wir neun.“ Er blickte in die Runde, ent­schlossen, angriffs­lustig. Doch heute“, Mult­haup wurde lauter, heute ist das zehnte Spiel.“

Diese Ansprache moti­vierte uns bis in die Fuß­spitzen. Dann dieser Blick von Mult­haup, er glaubte tat­säch­lich an unsere Chance und plötz­lich war auch bei uns wieder der Gedanken: An einem guten Tag können wir jeden schlagen.

Von der ersten Minute mussten wir uns nicht nur gegen die Offen­sive der Eng­länder stemmen, wir hatten auch das Publikum gegen uns. Es waren leider sehr wenige Zuschauer gekommen, in den Hampden Park passten damals über 100.000 Zuschauer rein, doch es waren kaum mehr als 40.000 da – und die meisten standen auf Seiten der Eng­länder. Aber wir über­standen die erste Halb­zeit schadlos. In der Halb­zeit musste Mult­haup keine großen Reden mehr schwingen, wir wussten, dass wir durchaus mit­halten können. Und so gingen wir mit breiter Brust raus und nutzten einen der ersten Konter zum 1:0.

Trau­ben­zu­cker für Libuda

Kurze Zeit später fiel das 1:1 durch Hunt – ein irre­gu­lärer Treffer, denn der Ball hatte zuvor die Aus­linie über­quert. Wir hatten jeden­falls das Spielen ein­ge­stellt und unsere Arme gehoben, aber der Schieds­richter ließ wei­ter­laufen. Es ging also in die Ver­län­ge­rung. Und da schlug die Stunde von Stanse.

Der Stan war ja seit jeher ein sehr schüch­terner und sen­si­bler Spieler. In Heim­spielen umkurvte er seine Gegen­spieler nach Belieben und spielte ihnen Knoten in die Beine. Aus­wärts gelang ihm viel weniger. Das Publikum und die Gegen­spieler machten ihn nervös.

Wenn man ihn dann zurecht­stutzte, zog er sich immer weiter in sein Schne­cken­haus zurück. Vor Aus­wärts­spielen fragte Stan unseren Trainer Willi Mult­haupt häu­figer nach Beru­hi­gungs­mit­teln. Mult­haupt gab ihm dann eine Tablette, Stan warf sie ein, dann hatte er sich eini­ger­maßen im Griff. So war es auch vor dem Spiel gegen Liver­pool. Was Stan aller­dings nie erfuhr: Mult­haupt gab ihm ledig­lich eine Trau­ben­zu­cker-Tablette. Es war sein Pla­cebo.