Im Februar 2015 herrscht recht­schaf­fene Dritt­li­ga­tris­tesse im Sta­dion zu Dresden. Ein Heim­spiel der SG Dynamo gegen den SV Wehen-Wies­baden bei mauen Tem­pe­ra­turen, gekickt wird auf ver­krau­tetem Platz, die meisten Pässe landen beim Gegner, am Ende siegt der Gast mit 1:0, der dritte Platz, der noch nicht einmal direkt zum Auf­stieg führt, ist sieben Punkte ent­fernt. Und trotzdem sind 20 797 Men­schen im Sta­dion, wieder einmal.

Es ist ein selt­sames Paradox. In kaum einer Stadt wird der Fuß­ball und wird der Verein so geliebt wie in Dresden, ent­scheidet das Ergebnis vom Wochen­ende über die Laune so vieler Men­schen am Mon­tag­morgen. Und doch steht die SG Dynamo auch für so viel, was in der Fuß­ball­szene lang­an­hal­tendes Kopf­schüt­teln aus­löst, für gewalt­tä­tige Anhänger und finan­zi­elle Miss­wirt­schaft.

Der schöne Fuß­ball ist ver­dammt lang her

Kaum einer, der besser über diese Gegen­sätze spre­chen kann, als Ralf Minge, Sport­di­rektor und Legende in Per­so­nal­union. Hoch­kon­zen­triert späht er wäh­rend des Spiels gegen Wehen neunzig Minuten lang aus dem Adler­horst, ganz oben auf der Tri­büne. Zwi­schen­durch lief es für Dynamo ganz pas­sabel in dieser Saison, inzwi­schen jedoch hält die Mann­schaft nur mühsam Anschluss nach oben. Das nagt an ihm. Minge war einst ein genialer Stürmer. Einer von denen, die in den Acht­zi­gern und frühen Neun­zi­gern für Dynamos schönen Fuß­ball zuständig waren. Das ist ver­dammt lange her.

Heute ver­waltet Minge den Mangel. Vom eins­tigen Ruhm ist nicht allzu viel geblieben. 1995 stieg Dynamo aus der Bun­des­liga ab und kam nie wieder auch nur in Sicht­weite der Eli­te­klasse. Statt­dessen pen­delt der Klub, der zu DDR-Zeiten regel­mäßig inter­na­tional unter­wegs war, zwi­schen zweiter und dritter Liga. Das finan­zi­elle Polster ist dünn, die Mann­schaft nicht so aus­ge­stattet, dass sie ein logi­scher Auf­stiegs­kan­didat wäre.

Die Unthe­ra­pier­baren

Und als wäre all das nicht schon schwierig genug, pro­du­ziert Dynamo über­re­gio­nale Schlag­zeilen nur noch dann, wenn sich die Fans mal wieder in aus­wär­tigen Sta­dien daneben benommen haben. Ob im Pokal in Dort­mund, beim Aus­wärts­spiel in Bie­le­feld oder erst kürz­lich im Dezember in Ros­tock, als das Dritt­li­ga­spiel gegen Hansa für eine knappe Vier­tel­stunde unter­bro­chen werden musste, weil aus dem Dresdner Block Raketen in die Ros­to­cker Zuschauer geschossen worden waren. Das ist eine Gruppe, die mich gar nicht erkennen würde, wenn ich vor ihnen stünde“, sagt Minge. Die würden durch mich hin­durch­schauen. Dass ich mein halbes Leben bei Dynamo zuge­bracht habe, mich zu 100 Pro­zent mit Dynamo iden­ti­fi­ziere, inter­es­siert die nicht.“

Spä­tes­tens seit den Ros­to­cker Vor­fällen gelten die Dynamo-Fans als nicht the­ra­pierbar und der Verein als war­nendes Bei­spiel für die unhei­lige Macht der Fans. Robert Schäfer, Dynamo-Geschäfts­führer, will die Pro­bleme nicht leugnen. Wir haben Pro­bleme mit Gewalt und geplanten gewalt­tä­tigen Aktionen bei Aus­wärts­spielen, die einzig und allein der per­sön­li­chen Selbst­dar­stel­lung und dem Frust­abbau einiger Fans dienen“, sagt er. Aus­wärts ist unser Fan­block für manche ein rechts­freier Raum“. Und doch will er nicht ein­stimmen in das Kla­ge­lied vom totalen Kon­troll­ver­lust. Unser Verein ist mit­glie­der­ge­führt, das wird gern ver­dreht als fan­ge­steuert dar­ge­stellt. Wir ver­su­chen, die Balance zu halten zwi­schen der Bewah­rung der Fan­kultur und dem Kom­merz des pro­fes­sio­nellen Fuß­balls.“

Im Dynamo-Block: Pro­gres­sive Gruppen, Mus­kel­protze und Sexisten

Nun gibt diese Fan­kultur in Dresden ein sehr wider­sprüch­li­ches Bild ab. Zu ihr gehört die stimm­ge­wal­tige Anfeue­rung im prall­ge­füllten K‑Block, zu ihr gehören pro­gres­sive Gruppen wie 1953international“, zu ihr gehören aber auch die Mus­kel­protze mit Dyna­mo­mütze bei den Pegida-Demos der rechten Wut­bürger und sexis­ti­sche Pla­kate von beein­dru­ckender Wider­wär­tig­keit am Gäs­te­block in Münster. Dresdner Fan­kultur, das bedeutet schiere Masse, aber eben auch unzäh­lige Ein­zel­per­sonen mit ganz unter­schied­li­chen Fan­bio­gra­fien. Manche sahen noch Dixie Dörner zau­bern, anderen jubelten Mat­thias Sammer zu.