Spionage im Fußball

Intensivrecherche

Leeds-Trainer Marcelo Bielsa hat zugegeben, seine Gegner auszukundschaften. Frank Lampard findet das ungeheuerlich, die FA ermittelt. Dabei hat es Spionage im Fußball schon immer gegeben.

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Marcelo Bielsa gibt selten Interviews. Vermutlich liegt es daran, dass er Gespräche selber lenken möchte. Wortkarg ist jedenfalls nicht, im Gegenteil: Er liebt den ausschweifenden Monolog und die ausführliche Analyse, und natürlich liebt er sich selbst auch ein bisschen. Sein zweites Zuhause ist die Pressekonferenz. Manchmal doziert er dort bis in die späte Nacht, auch wenn am Ende nur noch zwei müde Reporter anwesend sind. Ein Jahr nach der WM 2002 hielt er noch mal eine Pressekonferenz zum Vorrundenaus seiner Argentinier. Es war allerdings nicht so, dass er die WM-Spiele analysierte, er nutzte die Zeit vor allem damit, die Journalisten zu beschimpfen.

Seit 2018 ist er Trainer des englischen Zweitligisten Leeds United, und auch dort sind Bielsas Pressekonferenzen eine Art Happening. Man sitzt etwas wundersam beisammen und lauscht dem Mann, den sie in seiner Heimat »El Loco« nennen, den Verrückten. Manchmal würde man sich kaum wundern, wenn eine Jazzband auftauchte und bärtige junge Männer »Go!« und »Yeah!« in diese Szenerie hineinriefen. So viel Beat und Groteske wie bei Bielsa-Pressekonferenzen war nie im sonst oft drögen Fußball.

»Nicht gesehen, dass Guardiola so etwas macht!«

Am Mittwoch beraumte Bielsa eine spontane Pressekonferenz an. Bald machte das Gerücht die Runde, der Trainer würde seinen Rücktritt verkünden. Aber es kam ganz anders: El Loco wollte sich erklären. Wenige Tage zuvor war nämlich ein verdächtiger Mann auf dem Trainingsgelände von Derby County festgenommen worden. Der Mann war, so stellte sich heraus, ein Spion, der für Bielsa den kommenden Gegner auskundschaften sollte. Auf der Pressekonferenz gab Bielsa alles zu. Und mehr noch: Mit einer 70-minütigen Powerpoint-Präsentation erklärte er, wie er bereits die gesamte Saison systematisch seine Gegner ausspioniert hatte. Nichts Verbotenes, klar, aber auch nicht gerade die feine englische Art.

In England ist nun eine Moraldebatte entfacht. Es wird sogar ein Punktabzug für Leeds gefordert. Die FA will ermitteln, und Derby-Trainer Frank Lampard zeigte sich überrascht: »Ich habe noch nicht gesehen, dass Guardiola so etwas gemacht hat. Oder Klopp. Oder Pochettino.«

Allerdings ist Spionage im Fußball auch nichts Neues. Seit es Gegner gibt, werden diese beobachtet – und besonders eifrige Trainer und Teams greifen zu besonders dreisten Methoden.

So wie etwa die chinesischen Spitzel bei der Frauenfußball-WM 2007, die das dänische Team mit Stasimethoden ausspähen wollten. Vor dem Aufeinandertreffen fanden sich die Däninnen zu einer letzten Taktikbesprechung in einem Hotel-Konferenzraum ein, in dem sich ein ungewöhnlich großer Spiegel befand. Die Däninnen warfen einen skeptischen Blick ins Nachbarzimmer, wo zwei Chinesinnen mit Videokamera versuchten, die Besprechung durch den Spiegel hindurch zu filmen. Der dänische Verband reichte Beschwerde bei der Fifa ein, die wiederum schnell mitteilte, dass man die Sache nicht weiterverfolgen würde. Das Spiel gewannen die Chinesinnen mit 3:2.

Bei der EM 2000 machte der spanischen Nationalmannschaft eine Spionage-Affäre zu schaffen. Vor dem Spiel gegen Norwegen verkündete Trainer Jose Antonio Camacho: »Es darf uns keine Fliege beobachten. Niemand darf unsere Taktik kennen!« Ein paar Stunden später stellte jemand sämtliche Spielzüge und Freistoßvarianten des spanischen Abschlusstrainings auf eine öffentlich zugängliche Homepage. »Skandal!«, schrieb die Marca. »Wer um alles in der Welt war der Verräter? Und werden die Informationen Spaniens Gegner reichen?« Antwort: Ja. Norwegen gewann 1:0.

Oh Schreck: ein »Bild«-Reporter als Nachbar!

In Sachen Dreistigkeit spielen natürlich auch die Boulevardreporter vorne mit. Besonders bizarr klingt ein Bericht von der EM 2012 mit dem Titel »Der trojanische Bild-Reporter im Griechen-Hotel«. Dort heißt es: »Ich fühle mich wie 007. Ich, der Bild-Reporter, spioniere bei den Griechen, unseren Gegnern am Freitag.« Herausbekommt der selbsternannte James Bond folgende Dinge: »Sie wohnen im Hotel Warszawianka. Vier Sterne, 38 Kilometer von Warschau entfernt. 30 Sicherheitsleute auf zwei Etagen.«

Der Reporter ist außerordentlich wagemutig, er bedrängt die Hotelbediensteten, ihm ein Zimmer neben dem griechischen Nationaltrainer Fernando Santos zu geben. Dann geht der Reporter volles Risiko, er betritt den Balkon, und, potzblitz, da steht er: »Von meinem Balkon sehe ich, wie Santos auf seinem Balkon eine raucht. Und noch eine. Oje, Jogi. Wenn die griechische Abwehrkette so heiß ist wie die Zigarettenkette des Trainers...« Danach erfährt der geneigte Leser noch, dass Theofanis Gekas Musik hört, die meisten Spieler Bart tragen und Kaffee trinken. Der Bericht schließt mit einer Enttäuschung: »Um 1 Uhr nachts lauere ich noch in der Lobby, kein Grieche taucht auf. Jetzt hat sogar die Kaffeemaschine Pause.« Am nächsten Tag gewinnt die DFB-Elf gegen die Griechen 4:2. Vermutlich auch dank der vorangegangenen »Intensivrecherche« (Alfred Draxler).