Seite 4: Geeignet als Bayern-Trainer?

Wichtig ist es Nagels­mann, seinen Spie­lern per­sön­liche Frei­räume zu geben. Was man als Trainer zurück­be­kommt, ist dann viel größer, als wenn man die letzten Pro­zent auch noch kon­trol­liert.“ Das ist bei Sandro Wagner offen­kundig, der sich am Wochen­ende immer völlig ver­aus­gabt, dafür im Trai­ning auch mal etwas weniger machen darf. Oder einen halben Tag länger in Mün­chen bei seinen Kin­dern bleiben, weil er ein pas­sio­nierter Fami­li­en­mensch ist. Julian behan­delt alle fair und will einen Men­schen nicht ver­än­dern. Das ist für mich neben seiner fach­li­chen Qua­lität seine größte Stärke“, sagt Wagner.

Mir ist Bezie­hung extrem wichtig“

Schaut man auf die Typo­logie, mit der er arbeitet: Als was für eine Art von Per­sön­lich­keit würde Nagels­mann sich selbst beschreiben? Mir ist Bezie­hung extrem wichtig“, sagte er. Wenn etwas zwi­schen einem Spieler und mir steht, ver­suche ich das sofort zu klären. Und die Gier nach Erfolg steckt in meinem Cha­rakter.“ Ohne einen Rie­sen­hunger auf Erfolg hätte er diese Kar­riere wohl auch nicht gemacht. Kein Wunder, dass die Bayern ihn im Blick haben, wich­tige Männer im Klub sind hellauf begeis­tert von Nagels­mann. Er hat sich dazu inzwi­schen eine Pointe zurecht­ge­legt: Ich bin im Aus­tausch mit Ralph Hasen­hüttl und Thomas Tuchel. Wir einigen uns gerade, wer Trainer und wer Co-Trainer wird.“ Aber in Mün­chen wollen sie natür­lich erst einmal sehen, wie das Super­ta­lent mit einer Krise umgeht, die größer ist als vier Unent­schieden wie zu Beginn dieser Saison.

Auch Hof­fen­heims Sport­psy­cho­loge Jan Mayer bezwei­felt nicht, dass Nagels­mann als Bayern-Trainer geeignet wäre. Er bietet aber auch die Wette an, dass der Coach in zehn Jahren des Pro­fi­fuß­balls über­drüssig ist und danach etwas ganz anderes machen wird. Und Nagels­mann sagt, dass er irgend­wann gerne mal Berg­touren orga­ni­sieren würde. Die Macht und deren Sym­bole, die der Pro­fi­fuß­ball mit sich bringt, inter­es­sieren ihn sowieso nicht. Es gibt im ganzen Verein keinen, der sagt: In der Situa­tion war er unfair oder hat sich wie ein Arsch­loch benommen“, sagt Mayer. Bescheiden und boden­ständig“ würde Nagels­mann auf­treten, des­halb gebe es intern eine Zustim­mungs­wand“ für ihn.

Letzte Bespre­chung? Fünf Minuten!

Nach einem Jahr mit seiner Mann­schaft hat Nagels­mann nur eine große Angst: Lan­ge­weile. Lan­ge­weile ist einer der größten Killer von Bezie­hungen – auch zu Spie­lern“, sagt er. Des­halb achtet er sehr darauf, dass er nicht zu oft und zu lang zu seinen Spie­lern spricht. Des­halb hört man ihn auch am letzten Tag der Trai­nings­woche nur dosiert. Meine Erfah­rung als Spieler war es: Wenn der Trainer zu lange labert, ist das schnell nerv­tö­tend.“ Am Sams­tag­mittag in Leipzig dauert seine letzte Mann­schafts­be­spre­chung nur fünf Minuten. Sie findet in der Kabine im Sta­dion statt, und kurz vor Anpfiff schwört er seine Spieler noch mal kurz emo­tional ein.

Wäh­rend eines der Gespräche im Laufe der Woche hatte Nagels­mann gesagt: Es gibt schon Tore, die so pas­sieren, wie man das vor­be­reitet hat. Denn selten zeigt der Gegner die Pro­bleme am Spieltag nicht, die man vor­be­reitet hat.“ Das Tor von Nadiem Amiri in Leipzig ist so ein vor­be­rei­tetes Tor. Der Spielzug ist nicht so ein­stu­diert, wie man das etwa aus dem Bas­ket­ball kennt, aber in ihm ste­cken Video­ana­lysen und die vielen Trai­nings­stunden der Woche. Und natür­lich die Prin­zi­pien, die der Trainer seiner Mann­schaft im Laufe des letzten Jahres bei­gebracht hat. Eigent­lich ist alles, was Julian Nagels­mann sich in den letzten zehn Jahren erar­beitet hat, in dieses Tor ein­ge­flossen.

Fuß­ball ist nicht planbar

Doch so lang die Vor­ge­schichte des Tors auch sein mag, es reicht in Leipzig weder zum Sieg noch zum Unent­schieden. Der Aus­gleich fällt, nachdem Hof­fen­heim sich nicht richtig aus der Abwehr her­aus­spielt. Beim Stand von 1:1 fliegt Sandro Wagner vom Platz, und in der Schluss­phase schießt Marcel Sabitzer durch einen abge­fälschten Ball den Sieg­treffer für Leipzig. Nagels­mann hatte seinen Spie­lern gesagt, dass Sabitzer die meisten Tore aus dem Halb­feld geschossen hat und sie ihn dort beson­ders unter Druck setzen müssten. Nun trifft Sabitzer aus dem Halb­feld, Fuß­ball ist kein plan­bares Spiel.

Der Mann­schaftsbus von Hof­fen­heim steht in den Kata­komben des Leip­ziger Sta­dions. Nagels­mann ver­schwindet darin als einer der ersten, in sich gekehrt. Am nächsten Tag ist frei. Montag ist der Tag zwi­schen den Spiel­tagen, Dienstag ist Aus­bil­dungstag. Er wird sich neue Übungen aus­denken.