Seite 3: Ein Lehrer des Fußballs

In Nagels­manns Arbeits­zimmer ver­bietet es sich, ihn als nerdigen Lap­top­trainer ein­zu­sor­tieren. Es gibt zwar einen Laptop, aber überall liegen Zettel herum. Er macht sich darauf gerne Notizen und heftet Trai­nings­pläne in alter­tüm­lich wuch­tigen Akten­ord­nern ab. Nagels­mann mag Theo­re­tiker und pas­sio­nierter Tak­tiker sein, aber er sagt: Fuß­ball ist ein players game und kein coa­ches game.“ Für ihn sind seine Spieler keine Figuren, die er sams­tags beim Tak­tik­schach auf dem Rasen hin- und her­schiebt. Er ist wie ein Spie­ler­trainer, der nicht mehr mit­spielt, aber das gerne würde und seinem Team nicht nur alters­mäßig nah ist. Fuß­ball soll kein Taktik-Battle für Trainer sein“, sagt er ent­schieden.

Löst die TSG Hof­fen­heim also end­lich das Ver­spre­chen ein, inno­vativ zu sein und von der Aus­bil­dung eigener Talente zu leben, mit der der Klub mal ange­treten war? Die Frage würde ich ein­deutig mit Ja beant­worten“, sagt Hof­fen­heims Manager Alex­ander Rosen. Analog zu seinem Chef­trainer ist er mit 37 Jahren jüngster Manager der Bun­des­liga. Die Ziele waren immer da, aber sie wurden nicht gelebt“, sagt er. Zwi­schen­durch sah es mal so aus, als würde die Trans­fer­po­litik des Ver­eins im Büro eines Spie­ler­be­ra­ters ent­schieden, dem das Ohr von Hopp gehörte. An die Stelle ist haus­in­terne Weit­sicht getreten.

Die Trai­nings­woche

Inzwi­schen scheint der Klub sich sowieso leise vom Über­vater zu eman­zi­pieren und gar so etwas wie ein Eigen­leben zu ent­wi­ckeln. Es gibt sogar ganz nor­male regio­nale Spon­soren, Klemp­ner­be­triebe oder Bestatter.

Don­ners­tags kommt end­lich die Sonne raus und die Tem­pe­ra­turen steigen erst­mals in der Woche auf über null Grad. Nagels­manns Trai­nings­woche ist klar struk­tu­riert. Am Montag soll weder das ver­gan­gene Spiel eine Rolle spielen noch das kom­mende, son­dern alle ein­fach mal durch­atmen. Den Dienstag nennt er Aus­bil­dungstag“, an dem unter­schied­liche seiner Prin­zi­pien ver­tieft werden. Mitt­wochs wird unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit gezielt auf den Gegner hin trai­niert. Don­ners­tags gibt es mor­gens eine Video­schu­lung, nach­mit­tags spielen Elf gegen Elf eben­falls ohne Publikum über den ganzen Platz. Am Freitag wird die Belas­tung run­ter­ge­fahren und es gibt nur noch Fein­schliff.

Anders gegen Leipzig

Nagels­mann ist vor allem ein Lehrer des Fuß­balls. Er will seinen Spie­lern etwas bei­bringen, auch den älteren, und sie so auf die Bun­des­liga vor­be­reiten – ganz all­ge­mein und für jedes ein­zelne Spiel. Er hat dazu ein Cur­ri­culum, in dem jeder Trai­ningstag und jede Übung einer Idee folgen. Am Vortag etwa hatte Nagels­mann eine Tak­tik­tafel auf den Platz geschleppt und seinen Spie­lern gezeigt, wie man Leipzig erwi­schen könnte. Er will diesmal näm­lich anders spielen als sonst, mehr über außen, mit mehr langen Bällen. Er muss ihnen also etwas bei­bringen, das teil­weise kon­trär zu dem ist, was er sonst lehrt.

Im Prinzip arbeitet er wie Pep Guar­diola, der jedes Spiel als ein auf die Schwä­chen des Geg­ners ange­passtes Unikat angeht. Dazu pas­send werden die Übungen der Arbeits­woche aus­ge­wählt. Die Spieler sollen lernen, intuitiv richtig zu han­deln und nicht nach­denken müssen, was noch mal auf der Tak­tik­tafel stand. Das Ent­wi­ckeln von Trai­nings­übungen auf einen Schwer­punkt hin ist eine sehr krea­tive Arbeit, die mir viel Spaß macht“, sagt Nagels­mann. Nie will er eine Übung zweimal machen, wes­halb er inzwi­schen auf Hun­derte Trai­nings­formen zurück­greifen kann. Wenn ihm was schönes Neues ein­fällt, kommt er mor­gens freu­de­strah­lend ins Büro.

Sys­tem­ab­sturz

Doch als das don­ners­täg­liche Trai­nings­spiel beginnt, gibt es einen Sys­tem­ab­sturz. Die A‑Elf, die gegen Leipzig ran soll, kommt mit 0:3 unter die Räder. Kaum etwas von dem, was Nagels­mann erar­beiten wollte, ist zu sehen. Als die Spieler in der Kabine ver­schwinden, bespricht er sich auf dem Rasen noch lange mit seinen Assis­tenten und geht dann wortlos rein. Das war eines der schlech­testen Trai­nings­spiele, das ich gesehen habe, seit Julian hier Trainer ist“, sagt Alex­ander Rosen, der von seinem Büro in der ersten Etage aus zuge­schaut hat. Die meisten Trainer würden nach so einer Leis­tung drauf­hauen.“ Was der Manager unge­sagt nach­hallen lassen will: Nagels­mann wird nicht drauf­hauen.