Seite 2: Horizontal - Vertikal - Zickzack

Im Gespräch mit ihm wirkt diese Frage schon nach wenigen Minuten absurd. Dann ist Julian Nagels­mann näm­lich der älteste 29-Jäh­rige der Welt. In Trai­nings­kla­motten sitzt er im Bespre­chungs­raum und spricht in einer Klar­heit über Fuß­ball, als würde er sich schon seit Jahr­zehnten damit beschäf­tigen. Dabei ist er erst seit knapp zehn Jahren Fuß­ball­trainer – oder viel­mehr: schon seit zehn Jahren.

Als er mit knapp zwanzig Jahren seine Kar­riere wegen einer Fülle von Ver­let­zungen been­dete – er war Kapitän in der Jugend von 1860 Mün­chen – machte Thomas Tuchel ihn zum Spiel­be­ob­achter. Bei der U19 des FC Augs­burg war das, nebenbei stu­dierte Nagels­mann BWL. Mit 22 Jahren wurde er zum Chef­trainer der U17 in Hof­fen­heim und mit 25 Jahren der U19, die 2014 unter ihm Deut­scher Meister wurde. Ein Jahr später hätten sie ihn schon zum Pro­fi­trainer gemacht, aber er musste noch den Lehr­gang zum Fuß­ball­lehrer absol­vieren.

Tem­po­vor­sprung

Nagels­mann ist durch die Jahre gerast, doch die Zeit hat gereicht, um ein eigenes fuß­bal­le­ri­sches Welt­bild zu ent­wi­ckeln. Es basiert auf genau 31 Prin­zi­pien, die sich im Laufe der Zeit aus der prak­ti­schen Arbeit ent­wi­ckelt haben. Die Spieler könnten ver­mut­lich nicht alle auf­zählen. Aber wenn ich das Trai­ning anhalte und frage, worum es geht, können sie das jewei­lige Prinzip benennen“, sagt Nagels­mann. Die 31 Prin­zi­pien sind sein Betriebs­ge­heimnis, doch ein paar davon hat er in den letzten Monaten öffent­lich gemacht. So will Nagels­mann den Gegner lieber zum Fehl­pass zwingen als den Ball im direkten Zwei­kampf zu gewinnen. Zwei­kämpfe sind ihm mit zu vielen Zufäl­lig­keiten ver­bunden. Unser Ziel ist es immer, eine Bal­ler­obe­rung zu nutzen, um einen Tem­po­vor­sprung gegen einen oft auf­ge­fä­cherten, breiten Gegner zu haben“, sagt Nagels­mann. Oder anders gesagt: Er will einen Gegner so erwi­schen, wie das bei dem wun­der­baren Angriff in Leipzig gelingt.

Der Trainer for­dert zudem, dass Pässe eher dia­gonal gespielt werden als quer oder steil. Das gibt mehr Winkel und mehr Tiefe, als Basis für den Zick­zack-Kurs in Leipzig. Seine Spieler sollen den Ball nicht direkt wei­ter­spielen, weil das die Gefahr eines Fehl­passes ver­grö­ßert. So wie in dem Moment, als Demirbay den Ball mit dem ersten Kon­takt so kon­trol­liert, dass er einen prä­zisen Pass auf Amiri spielen kann. Aber im ent­schei­denden Moment gibt es die Frei­heiten, Prin­zi­pien über den Haufen zu werfen, wie Amiri und Kra­maric es tun, als sie sich auf den letzten Sta­tionen vor dem Tor den Ball direkt zuspielen.

Fuß­ball aus dem Bau­kasten

Diese Prin­zi­pien sind keine Neu­erfin­dung des Fuß­balls, trotzdem ver­blüffte Nagels­mann damit selbst einen so erfah­renen Profi wie Sandro Wagner, als der im ver­gan­genen Sommer nach Hof­fen­heim wech­selte. Neu für mich war, dass er Fuß­ball wie ein Bau­kas­ten­system anlegt“, sagt der Stürmer. Er nimmt das an sich kom­pli­zierte Spiel, zer­legt es in unter­schied­liche Pas­sagen, übt sie und setzt sie nach und nach zusammen.“ Nagels­mann ist zudem einer der wenigen Bun­des­li­ga­trainer, der wäh­rend der Partie die Taktik wirk­lich ver­än­dert, teil­weise mehr­fach For­ma­tionen umstellt und Spieler ver­schiebt. Werden die Profis gefragt, ob das schwer ist, zucken sie die Ach­seln. Nee, wir haben es schließ­lich geübt“, sagt Wagner lako­nisch.