Rudolf Stinner, Sie beschäf­tigen sich seit sieben Jahren mit Spiel­ma­ni­pu­la­tion, erst in einer Son­der­kom­mis­sion der öster­rei­chi­schen Polizei, dann bei der Dis­zi­pli­nar­ab­tei­lung der UEFA und jetzt im eigenen Unter­nehmen. Was war der bizarrste Fall, den Sie bis­lang erlebt haben?
Da gab es viele, aber beson­ders bizarr war ein U 20-Län­der­spiel. Zu den Natio­na­li­täten kann ich leider nichts sagen, denn das wäre zu gefähr­lich. Es fand irgendwo in einer Klein­stadt vor nur wenigen Zuschauern statt, und da gab es alle paar Minuten ein beson­deres Ereignis: einen ver­schos­senen Elf­meter, einen Platz­ver­weis, dann zwei Elf­meter hin­ter­ein­ander, die beide ver­wan­delt werden. Auf so etwas kann man bei Live­wetten setzen, und die Wett­an­bieter haben hohe Ver­luste erlitten, weil die Spieler und Schieds­richter quasi nach Dreh­buch agiert haben. Es stellte sich sogar heraus, dass beide Mann­schaften gar nicht aus den ange­kün­digten Län­dern kamen, son­dern wie der Schieds­richter gekaufte Akteure waren.

Wo haben Sie sonst beson­ders gestaunt?
Bei einem Spiel in der zweiten bel­gi­schen Liga bekam der Reser­ve­tor­mann per Handy Anwei­sungen, ging hin­ters Tor und sagte dem Tor­wart, dass noch zwei Gegen­tore gebraucht würden. Beim beim Spiel von Rapid Wien in der Qua­li­fi­ka­tion zur Europa League 2009 gegen Vllaznia Shkoder legte der alba­ni­sche Tor­wart seine Was­ser­fla­sche von der Seite in die Mitte des Tors. Von da an gab es derbe Fehler von ihm und seiner Ver­tei­di­gung, so dass der Gegner noch drei Tore schießen konnte.

Bei der Bekämp­fung von Wett­be­trug werden soge­nannte Früh­warn­sys­teme ein­ge­setzt, um ver­däch­tige Quo­ten­ver­läufe auf­zu­zeigen. Wie gut funk­tio­niert das aus Ihrer Sicht?
Das ist im Grunde keine schlechte Errun­gen­schaft, reicht aber allein nicht. Es gab bis­lang keine Staats­an­walt­schaft, die nur auf­grund eines ver­däch­tigen Quo­ten­ver­laufs ein Ermitt­lungs­ver­fahren ein­ge­leitet hat. Des­halb habe ich das Sport Inte­grity Rating System“ ent­wi­ckelt.

Wie funk­tio­niert das?
Ich gehe zunächst davon aus, dass alle Sport­ver­eine zu 100 Pro­zent integer sind. Wenn es aber unge­wöhn­liche Quo­ten­ver­läufe gibt, wenn ich zusätz­lich Infor­ma­tionen aus der Wett­branche oder aus einem behörd­li­chen Ver­fahren gegen Spieler bekomme, oder wenn ich erfahre, dass Spieler hohe Wett­schulden haben, dann gibt es Abzüge bei diesem Inte­gritätswert. Je wich­tiger und beweis­kräf­tiger die Infor­ma­tionen sind, umso höher fallen die Abzüge aus.

Wie viele Ver­eine sind auf­fällig?
Der­zeit liegen gut 100 aus der ganzen Welt unter dem Best­wert.

Gibt es auch welche aus Deutsch­land?
Ja, im Moment sind es zwei Zweit­li­gisten und ein Verein aus der dritten Liga. Die Namen kann ich leider nicht nennen.

Wie hat sich die Situa­tion in Deutsch­land seit dem auf­se­hen­er­re­genden Wett­skandal 2011 ent­wi­ckelt?
Durch die tolle Arbeit der Bochumer Behörden im letzten Jahr hat sich die Szene etwas beru­higt. Wer das ent­stan­dene Vakuum füllen wird, das muss man sehen. Ich habe Infor­ma­tionen, dass es einige gibt, die sich breit­ma­chen wollen aber noch nicht richtig trauen. Aller­dings muss nur ein Spieler hohe Wett­schulden haben, denn Spiel­sucht macht leider für Mani­pu­la­tion anfällig.

Wer gehört bis­lang zur Kund­schaft Ihres Unter­neh­mens?
Einige Ver­bände, Firmen aus der Wett­branche und eine Reihe von Klubs, die aber alle nicht genannt werden möchten.

Warum melden sich Klubs bei Ihnen?
Um sich bei Trans­fers abzu­si­chern. Manchmal kann ich nur mit dem Kopf schüt­teln, dass Ver­eine bestimmte Spieler unter Ver­trag nehmen und sich hin­terher über selt­same Spiel­ver­läufe wun­dern. In Öster­reich gibt es gerade wieder einen sol­chen Fall.

Können Sie neue Trends beim Wett­be­trug beob­achten?
Früher bestand der Modus darin, ganze Mann­schaften zu kaufen. Davon ist man abge­kommen, weil es sehr teuer und nicht immer effektiv war. Außerdem ist die Gefahr zu groß, dass jemand sich ver­plap­pert. Vor einigen Jahren hat man ein bis drei Schlüs­sel­spieler dazu gebracht, mit­zu­ma­chen. In letzter Zeit werden wieder ver­mehrt Schieds­richter dazu bewogen werden, etwas zu machen. Das ist ein­fa­cher, als drei oder vier Spieler zu kaufen. In Bul­ga­rien gab es das zuletzt wieder.

Welche Rolle spielen Mani­pu­la­tionen, mit denen sich ein Team sport­liche Vor­teile ver­schaffen will, im Ver­gleich zu Wett­be­trug?
Das ist ein wich­tiges Thema, denn Wett­be­trug ist nur eine Art der Mani­pu­la­tion. In Ita­lien und vor allem in Süd­ost­eu­ropa gab und gibt es eine lange Liste eitler Prä­si­denten, die einen unter­klas­sigen Verein in die oberste Liga pushen wollen und des­halb Spiele kaufen. In Russ­land war ich bei einer Ver­neh­mung dabei, wo jemand gestanden hat, dass sich drei große Ver­eine über Jahre abge­spro­chen haben, wer Meister wird, damit jeder mal dran­kommt.

Können Sie sich eigent­lich ein Spiel noch unvor­ein­ge­nommen ansehen?
Nein, das ist leider eine Berufs­krank­heit. Des­wegen gehe ich am liebsten auf einen Fuß­ball­platz, wenn Schüler spielen. Bis zum 14. Lebens­jahr bin ich mir sicher, dass keiner Spieler weiß, was Asian Han­dicap oder eine Over­/Under-Wette ist.