Seite 2: "Der Trend wird immer mehr in Richtung Big-Data gehen"

Wie wird das mit den Spie­lern kom­mu­ni­ziert? Wenn ein Spieler auf­ge­for­dert wird, er solle die Rolle des asym­me­tri­schen Links­ver­tei­diger ein­nehmen, weiß dann der Spieler, was gemeint ist?
Durch die Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren, die die meisten Spieler durch­laufen, sind die Jungs in der Regel tak­tisch schon gut aus­ge­bildet. Jeder Trainer hat aber auch seine eigenen Begriffe und bestimmte Detail­vor­stel­lungen, die jeder Spieler erst ver­stehen und ver­in­ner­li­chen muss. Das sind hart erar­bei­teten Auto­ma­tismen. Die Spieler sind keine Roboter, die wöchent­lich ihr Pro­gramm run­ter­spielen können. Ich bin mir bewusst, dass wenn ich das Spiel im Video schaue und Szenen dreimal vor- und zurück­spulen kann, alles viel leichter und klarer aus­sieht als auf dem Platz. Und auch in der Her­an­ge­hens­weise der Trainer gibt es auf jeden Fall Unter­schiede, die ich über die Jahre beim HSV mit­er­leben durfte.

Sie sind seit sechs Jahren Spiel­ana­lyst beim HSV. Wie kommt man dazu?
Ich war schon immer fuß­ball­ver­rückt, habe selbst in der fünften Liga in Nord­rhein-West­falen gespielt und par­allel Sport stu­diert. Zum Ende meines Stu­diums war ein Prak­tikum ver­pflich­tend. Dafür habe ich mich dann beim HSV im Bereich Spiel­ana­lyse beworben, wurde genommen und konnte mich über die Jahre im Jugend­be­reich für die Profis emp­fehlen.

Wie muss man sich die Arbeit des Spiel­ana­lysten vor­stellen?
Mein Kol­lege Sören und ich sitzen gemeinsam mit unserem Tor­wart­trainer in einem Zimmer direkt neben dem Chef­trai­ner­büro. Ich arbeite viel am Laptop, ana­ly­siere Szenen von unserem Team, habe aber auch das Glück, dass ich bei jedem Trai­ning mit auf dem Platz stehen darf. So habe ich einen direkten Ein­blick auf die täg­li­chen Ein­heiten. Vari­ie­rende Trai­nings­zeiten, dazu die Vor- und Nach­be­rei­tung und dann die Spiele am Wochen­ende als High­lights – ins­ge­samt ein sehr abwechs­lungs­rei­cher, aber eben auch zeit­in­ten­siver Job. Hinzu kommt, dass ich auch inter­na­tional immer auf dem neu­esten Stand sein will und dadurch auch über den Tel­ler­rand hin­aus­schaue.

Mit diesen Kom­pe­tenzen scheinen Sie dem Job­profil eines Trai­ners näher als das des reinen Taktik-Nerds.
Auch das vari­iert, je nach Rol­len­profil des Ana­lysten, das durch den Verein oder den Chef-Trainer vor­ge­geben ist. Ich ver­suche über­wie­gend, die Ana­lysen qua­li­tativ auf­zu­bauen, als dass ich quan­ti­tativ aus­schließ­lich mit Daten und Sta­tis­tiken arbeite. Aber auch die ziehe ich heran, um die Themen, die ich ver­mit­teln möchte, zu unter­mauern. Eine gewisse Exper­tise als, wie Sie es nennen, Taktik-Nerd“ zu besitzen, ist sicher­lich unab­dingbar für den Job.

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Wie sieht ein Spieltag für Sie aus?
Am Spieltag bereite ich im Sta­dion alles vor. Die tech­ni­sche Zone muss funk­tio­nieren, das Funk­si­gnal bereit­ge­stellt werden, die Head­sets müssen ver­teilt und gecheckt werden. Oben auf der Tri­büne muss mein Laptop laufen, um die Live-Bilder zuver­lässig abgreifen zu können. Erst dann kommt irgend­wann die Auf­stel­lung des Geg­ners. Auch hier ein inten­siver Blick, ein Aus­tausch mit dem Trainer, um even­tuell nochmal etwas anzu­passen. Wäh­rend des Spiels herrscht dann über Funk, Aus­tausch mit der Bank. In der Halb­zeit bespreche ich Themen mit Chef- und Co-Trainer am Laptop, um den Spie­lern gege­be­nen­falls nochmal Infor­ma­tionen in der Kabine zu geben. Nach dem Spiel setze ich mich an die Nach­be­rei­tung des Spiels, unter­teilt in Mann­schafts- und Indi­vi­du­al­ana­lyse. Erst dann ist der Spieltag für mich beendet.

Da Sie Teil des Trai­ner­teams sind: Wie viel Mit­spra­che­recht hat ein Spiel­ana­lyst im Laufe eines Spieles?
Unter­schied­lich. Am Ende ent­scheidet immer der Chef­trainer, klar. Ich ver­suche aber zu helfen und Ein­fluss zu nehmen, eben in dem Rahmen, der einem gegeben wird und gewünscht ist. In der Regel setzen wir uns vorher zusammen und gehen Even­tua­li­täten durch, auf die wir dann im Spiel schneller reagieren können, wenn sie ein­treten.

Sta­tis­tiken wie Packing und Expected Goals werden auch in der Bericht­erstat­tung immer beliebter. Inwie­fern bestimmen diese Daten Ihren Alltag? Welche Sta­tistik gefällt Ihnen per­sön­lich und welche ist Schwach­sinn?
Ich kann nicht so viel mit den ein­zelnen Roh­daten wie gewon­nene Zwei­kämpfe, Tor­schüsse oder Lauf­di­stanz anfangen, weil diese Daten für sich betrachtet wenig aus­sa­ge­kräftig sind. In Zusam­men­hang mit einer Ana­lyse können sie aber helfen, um die Qua­lität des Spiels zu bewerten. Ich will das einmal am Bei­spiel der Lauf­di­stanz erklären: Hat das eigene Team häu­figer den Ball als der Gegner, ist die Gesamt­lauf­di­stanz im Ver­gleich zum Gegner auto­ma­tisch geringer, weil in Defen­siv­phasen in der Regel mehr Wege gemacht werden als bei eigenem Ball­be­sitz. Wir sind immer auf der Suche nach einer Sta­tistik, die erläu­tert, wer in dem Spiel besser oder schlechter war. Die beiden von Ihnen erwähnten Sta­tis­tiken, finde ich grund­sätz­lich span­nend, die nutzen wir gerne für unsere Ana­lysen. Bei den Expected Goals ist es zum Bei­spiel so, dass die Qua­lität von Tor­chancen gemessen wird. Sind wir dort besser als der Gegner, sagt das schon mehr aus als die reine Tor­schuss­sta­tistik.

Wie sehen die Trends der Taktik-Ana­lyse aus?
Ich glaube, der Trend wird immer mehr in Rich­tung Big-Data gehen, um das Spiel und die Spieler noch detail­lierter bewerten zu können. Wir werden uns in den nächsten Jahren dem Ame­rican Foot­ball annä­hern, wo sich Spieler selbst noch inten­siver mit dem Spiel und dem Gegner beschäf­tigen und sogar selbst ana­ly­sieren, um ihr eigenes Spiel oder ihren Mann­schafts­teil zu ver­bes­sern. Der Trend wird auch in der Trai­nings­ar­beit fort­ge­führt werden. Posi­ti­ons­trainer und Stan­dard­trainer werden in Zukunft, glaube ich, keine Sel­ten­heit mehr sein.

Alex Hahn, können Sie dann über­haupt noch ein Ama­teur­spiel genießen, ohne ständig die Spiele zu ana­ly­sieren?
Ja, das klappt ganz gut. Wenn sich zum Bei­spiel zeit­gleich beide Außen­ver­tei­diger auf den Weg nach vorne begeben, habe ich schon das Bedürfnis rein­zu­rufen, aber mit ein, zwei Bier wird das auch weniger (Lacht.).