Manchmal erhielt das Opfer noch eine letzte War­nung. Katho­li­schen Mäd­chen, die sich in der Disko mit einem pro­tes­tan­ti­schen Jungen ein­ge­lassen hatten, zer­schoss man eine Knie­scheibe, im umge­kehrten Fall ver­fuhr man selbst­re­dend genauso. Der 21-jäh­rige Samuel Boyde schien glimpf­li­cher davon­zu­kommen, ihm schickte man nur einen Roman zu. Tom Moody, ein Pro­tes­tant, hei­ra­tete die Katho­likin Aileen O’Meara. Eine Woche nach der Hoch­zeit wird Moody getötet“, fasste der Klap­pen­text dessen Inhalt zusammen. Bis der eben­falls pro­tes­tan­ti­sche Boyde, der nach seiner Ehe­schlie­ßung zum Glauben seiner katho­li­schen Frau kon­ver­tiert war, ermordet wurde, dau­erte es dann keine Woche. Spie­lende Kinder fanden seine Leiche, nie­der­ge­streckt von zwei gezielten Kugeln in Kopf und Brust, früh mor­gens in einem Vor­garten. Anwohner hatten zwar, wie so oft, in der Nacht Schüsse gehört, aber nach Ein­bruch der Dun­kel­heit wagte sich damals schon längst nie­mand mehr nach draußen, auch die Polizei nicht. Will­kommen im Bel­fast des Jahres 1972.

Kriege waren in den frühen Sieb­zi­gern für Kon­ti­nen­tal­eu­ro­päer weit weg, sie fanden in Süd­ost­asien oder Afrika statt, meist als Stell­ver­tre­ter­kampf der von den Super­mächten USA und UdSSR ange­führten Macht­blöcke, in die die Welt gespalten war. Anders als Frank­reich hatten die wirt­schaft­lich aus­ge­brannten Eng­länder nach dem Zweiten Welt­krieg weite Teile ihres eins­tigen Welt­rei­ches ohne großen Wider­stand in die Unab­hän­gig­keit ent­lassen und sich schweren Her­zens mit dem Status einer Mit­tel­macht beschieden. Und den­noch hatten sie um 1970 herum mitten im eigenen Land plötz­lich einen ebenso fana­tisch wie opfer­be­reit kämp­fenden Feind am Hals, der sich mit den Mit­teln der asym­me­tri­schen Kriegs­füh­rung gegen Jahr­hun­derte der Unter­drü­ckung wehrte. Die Nach­bar­insel Irland war der erste Bro­cken gewesen, den die Eng­länder ihrem viel später Empire genannten Kolo­ni­al­reich ein­ver­leibt hatten – die voll­stän­dige Unter­wer­fung gelang Hein­rich VIII im Jahr 1541 – und ihr nord­öst­li­cher Teil, die Pro­vinz Ulster, wird viel­leicht irgend­wann einmal die letzte Region sein, die sich aus dieser Abhän­gig­keit löst.

Immer ent­hemm­tere Gewalt

Pro­tes­tanten gegen Katho­liken. Um die Kon­fes­si­ons­zu­ge­hö­rig­keit ging es also im Nord­ir­land-Kon­flikt, zumin­dest vor­der­gründig. Der pro­tes­tan­ti­sche Norden Irlands, die sechs Graf­schaften Uls­ters, die 1922, nach dem iri­schen Unab­hän­gig­keits­krieg, einen Son­der­status erhalten hatten, wollten in einer Union mit Eng­land ver­bunden bleiben, die katho­li­sche Min­der­heit suchte den Anschluss an den Süden der Insel, den Frei­staat Eire.

Doch ebenso fun­da­mental wie die kon­fes­sio­nellen waren die poli­ti­schen, sozialen und wirt­schaft­li­chen Span­nungen, die die wahre Trieb­kraft aller krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zungen sind. Die pro­tes­tan­ti­sche Mehr­heit, die bisher den Katho­liken kaum par­la­men­ta­ri­sche Reprä­sen­tanz zuge­standen, sie rigoros in ihren wirt­schaft­li­chen Ent­fal­tungs­mög­lich­keiten ein­ge­schränkt hatte und zudem noch die stark bewaff­nete Polizei auf ihrer Seite wusste, wollte ihre Vor­macht­stel­lung mit allen Mit­teln behaupten. Eine alte Geschichte also, deren neues Kapitel am 5. Oktober 1968 begann, dem Tag von Derry“. Nach einer Demons­tra­tion kam es zu schweren Stra­ßen­schlachten. Von nun an fielen die para­mi­li­tä­ri­schen Kom­mandos – auf pro­tes­tan­ti­scher Seite die der PAF (Pro­tes­tant Action Force) und der UFF (Ulster Freedom Figh­ters), auf katho­li­scher die der ver­bo­tenen IRA (Irish Repu­blican Army, die als bewaff­neter Arm der natio­na­lis­ti­schen Partei Sinn Fein agierte) – immer ent­hemmter in die geg­ne­ri­schen Stadt­viertel ein, um Ver­treter der jeweils anderen Kon­fes­sion zu drang­sa­lieren. Wenige Monate später wurden bri­ti­sche Truppen nach Ulster ver­legt, was zur end­gül­tigen Eska­la­tion führte.

Samuel Boyde hatte sich seine Frau on the wrong side of town gesucht und so sein Todes­ur­teil unter­zeichnet, womit das Motiv, so irra­tional es auch anmuten mag, klar schien. 

Doch da war noch etwas, das ihn aus der anonymen Masse der rund 3000 Opfer, die The Trou­bles“ ins­ge­samt for­derten, her­aushob: Boyde war Spieler des Ama­teur­fuß­ball­klubs Bank­more Star, bei dem Ange­hö­rige beider Kon­fes­sionen aktiv waren. Und er war bereits der dritte Kicker, der für diese Ver­eins­phi­lo­so­phie, die weniger ein bewusst gesetztes Fanal gegen wütenden Reli­gi­ons­terror als bloßer Aus­druck von Kame­rad­schaft war, mit dem Leben bezahlen musste.