Fans von über 70 Ver­einen haben beim jähr­li­chen Treffen der Foot­ball Sup­por­ters’ Fede­ra­tion (FSF) eine Erklä­rung ver­ab­schiedet, in der sie den lan­des­weiten Boy­kott der Bou­le­vard­zei­tung The Sun“ erklären. Die FSF reprä­sen­tiert die Fans aller Pre­mier League Ver­eine und ver­schie­dener Klubs aus nied­ri­geren Ligen. Ins­ge­samt gehören ihr mehr als eine halbe Mil­lion Men­schen an. 

Die FSF ver­steht den Schmerz und die Qual, die die in der Sun abge­druckten Lügen und Ver­leum­dungen den Men­schen von Mer­sey­side und der grö­ßeren Fuß­ball­fa­milie zuge­fügt haben und wird diese nicht ver­gessen, ins­be­son­dere die Qualen, den die Fami­lien der 96 aus­ge­setzt wurden.“ Der ein­stimmig ange­nom­mene Beschluss besagt, dass die FSF-Mit­glieder alle Ein­zel­händler und Ver­k­aus­stellen von Zei­tungen in ihren Gegenden auf­rufen, die Sun nicht mehr zu ver­kaufen.“ 

Der Beschluss baute auf die Arbeit der Initia­tive Total Eclipse oft he S*n“, die sich seit Jahren für den Boy­kott ein­setzt. Ein­ge­bracht wurde der Antrag von der Liver­pooler Fan­gruppe Spirit of Shankly“ mit Unter­stüt­zung der Lokal­ri­valen von Everton. Beide Ver­eine hatten Sun“-Journalisten bereits in der Ver­gan­gen­heit kate­go­risch von Pres­se­kon­fe­renzen aus­ge­schlossen und den Ver­kauf der Zei­tung ein­ge­stellt. Hin­ter­grund ist die Bericht­erstat­tung des Blattes über die Hills­bo­rough-Kata­strophe 1989, bei der 96 Fans des FC Liver­pool ums Leben kamen. 

Dreiste Lügen

Nur vier Tage danach hatte die Sun“ den Fans die Schuld an den schreck­li­chen Vor­komm­nissen im Hills­bo­rough Sta­dion in Shef­field gegeben, nachdem beim FA-Cup-Halb­fi­nale Liver­pool gegen Not­tingham Forest über­füllte Steh­blöcke für eine Mas­sen­panik mit 766 Ver­letzten und eben jenen 96 Toten sorgten. Heute steht jedoch fest, dass die Polizei für die Mas­sen­panik ver­ant­wort­lich war.

Als wäre das noch nicht genug, schrieb die Zei­tung weiter, dass Liver­pool-Fans Opfer bestohlen“, auf mutige Poli­zisten uri­niert“ und Poli­zisten bei der Mund-Zu-Mund-Beatmung ver­prü­gelt“ hätten. Alles dreiste Lügen“, wie die Erklä­rung fest­stellt. Lügen, die end­lich auch offi­ziell als solche gelten.

Nur wenige Tage vor dem Beschluss der FSF hatte der Crown Pro­se­cu­tion Ser­vice“ bekannt­ge­geben, dass sechs für die Kata­strophe Ver­ant­wort­liche sich vor Gericht ver­ant­worten werden müssen. Unter anderem der dama­lige Ein­satz­leiter der Polizei David Ducken­field, dem 95-facher Tot­schlag vor­ge­worfen wird. Zuvor hatten Polizei und poli­ti­sche Ver­ant­wort­liche jahr­zehn­te­lang an der ursprüng­li­chen Ver­sion der Fan-Schuld fest­ge­halten und das Streben nach Gerech­tig­keit der Ange­hö­rigen unter­drückt. 

Wir sind begeis­tert, dass der Antrag ein­stimmig ange­nommen wurde“, sagte Roy Bentham, Spirit of Shankly“-Mitglied und der Antrags­steller nach dem Beschluss. Nor­ma­ler­weise sorgt so ein Antrag für eine Debatte oder Ergän­zungen, aber dieser ging direkt durch ohne eine ein­zige Gegen­stimme.“ Jetzt gehe es darum, den in Liver­pool schon eta­blierten Boy­kott weiter zu tragen. Dem bri­ti­schen Blog The Canary“ sagte er: Wir werden ihn überall hin­bringen, in jeden Winkel, in jede Stadt und jedes Dorf, in Eng­land und in Wales.“

Und das könnte für die Sun“ herbe Kon­se­quenzen haben. Chris Horrie, Autor des Buches Stick It Up Your Punter!“ über die Geschichte der Zei­tung, schätzt, dass der Liver­pooler Boy­kott des Bou­le­vard­blatts deren Mut­ter­un­ter­nehmen News Inter­na­tional“ von Medi­en­mogul Rupert Mur­doch seit 1989 monat­lich rund 15 Mil­lionen Pfund, also mehr als 17 Mil­lionen Euro gekostet hat. Wohl­ge­merkt kal­ku­liert in den Preisen von damals. 

Wenn nun mehr als eine halbe Mil­lion FSF-Mit­glieder in ihren Rollen als Fans von 70 Ver­einen im ganzen Land Ein­zel­händler unter Druck setzen, wird das wei­tere Gewinn­ein­bußen zur Folge haben und könnte den Anfang vom Ende der Sun“ bedeuten.

Aus den Feh­lern nichts gelernt

Dass die Sun“ sich 2012 ent­schul­digte, spielt dabei für die Fans keine Rolle. Damals bezeich­nete die Chef­re­dak­tion in einem Leit­ar­tikel die Bericht­erstat­tung über die Kata­strophe als unseren schwersten Fehler“ und schrieb Heute ent­schul­digen wir uns unein­ge­schränkt bei den Opfern von Hills­bo­rough, ihren Fami­lien, den Liver­pool-Fans, der Stadt Liver­pool und allen unseren Lesern für unsere Fehl­ein­schät­zungen.“ 

Die Bericht­erstat­tung sei unzu­tref­fend, schwer unsen­sibel und belei­di­gend“ gewesen. Dagegen steht in der Peti­tion geschrieben: Die FSF wird auch nicht die Ver­wei­ge­rung der Sun einer ange­mes­senen Ent­schul­di­gung für das von ihr ver­ur­sachte Leiden ver­gessen. Eben­falls erkennt die FSF an, dass in diesem Fall Liver­pool-Fans leiden mussten, aber dass es jede Fan­ge­mein­schaft hätte treffen können.“

Denn die Sun“ hat aus ihren Feh­lern offen­sicht­lich nichts gelernt. Nach dem Ter­ror­an­schlag in Man­chester am 22. Mai, bei dem ein Selbst­mord­at­ten­täter wäh­rend eines Kon­zerts 22 Men­schen tötete, zeigte sie auf der Titel­seite den Angreifer neben seinem jüngsten Opfer, der acht­jäh­rigen Saffie Rose Roussos. Und als am 3. Juni in London sieben Men­schen bei einem wei­teren Anschlag starben, titelte sie Jihadi Killer in an Arsenal shirt“. Es kann also wirk­lich jeden treffen. Gut, dass die FSF ent­schieden hat, sich zu wehren.

Auf der nächsten Seite gibt es eine Über­set­zung der gesamten Erklä­rung der FSF.

Die FSF ver­steht den Schmerz und die Qual, die die in The Sun abge­druckten Lügen und Ver­leum­dungen den Men­schen von Mer­sey­side und der grö­ßeren Fuß­ball­fa­milie zuge­fügt haben und wird diese nicht ver­gessen, ins­be­son­dere die Qualen, den die Fami­lien der 96 aus­ge­setzt wurden. Die FSF wird auch die Ver­wei­ge­rung einer ange­mes­senen Ent­schul­di­gung für das von ihr ver­ur­sachte Leiden durch The Sun nicht ver­gessen. Eben­falls erkennt die FSF an, dass in diesem Fall Liver­pool-Fans leiden mussten, aber dass es jede Fan­ge­mein­schaft hätte treffen können.

Aus diesen Gründen rufen die FSF und die mit ihr ver­bun­denen Fan­ver­ei­ni­gungen und ‑stif­tungen alle Ein­zel­händler und Ver­käufer in (Name der Region) auf, The Sun nicht mehr zu ver­kaufen. Wir loben die Gruppe Total Eclipse of the Sun“ für ihre Bestre­bungen die Straßen und die Fuß­ball­com­mu­nities von dieser Zei­tung zu befreien.

Die FSF for­dert ihre und die ihr ver­bun­denen Fan­grup­pie­rungen und ‑stif­tungen, alle Ein­zel­händler und Zei­tungs­ver­kaufs­stellen anzu­halten, The Sun nicht mehr zu ver­kaufen.“