Wayne Thomas, Sie sind gebür­tiger Eng­länder, leben seit 1978 in Deutsch­land und haben mehr­mals eine Ein­la­dung zur wali­si­schen Natio­nal­mann­schaft erhalten. Wen unter­stützen Sie bei der EM?
Der dama­lige wali­si­sche Natio­nal­trainer, der kurio­ser­weise Mike Eng­land hieß, hat mich zweimal ein­ge­laden, weil mein Vater und mein Groß­vater Waliser waren. Aber ich habe mich kurz vor den Län­der­spielen ver­letzt. Ich fie­bere natür­lich immer ein wenig mit der Mann­schaft, sie hat sich auch dieses Mal gut geschlagen, finde ich. In Deutsch­land habe ich mitt­ler­weile mehr Zeit meines Lebens ver­bracht als in Eng­land. Dabei habe ich meiner Mutter damals gesagt, dass ich nur ein paar Monate weg­bleibe. Sie hält es mir heute noch vor. Ich sage dann: Immerhin rufe ich dich ab und zu an. Andere sagen, sie gehen Ziga­retten holen und kommen nie wieder.“ Jeden­falls, ich mag Deutsch­land, trotzdem bin ich heute für Eng­land. Das müssen Sie auch ver­stehen: Wir haben seit 1966 nichts gewonnen. Ich tippe 3:2.

Nach Elf­me­ter­schießen?
Ich habe befürchtet, dass Sie das fragen.

Gareth Sou­th­gate macht angeb­lich seit Sep­tember 2020 ein spe­zi­elles Elf­me­ter­trai­ning.
Wie willst du das trai­nieren? Wir haben gute Schützen, jeder der Jungs kann einen Ball prä­zise schießen, und im Trai­ning zim­mern sie die Elfer bestimmt rei­hen­weise in den Winkel. Aber es ist alles Kopf­sache. Wenn du anfängst zu denken, hast du ein Pro­blem. So war es auch 1996. Da wussten die Spieler, dass die gesamte Nation und das gesamte Sta­dion auf sie schauen. Sie zit­terten, sie grü­belten, ein Fehl­schuss und du bist der Depp der Nation.

Ist ein Elf­me­ter­schießen im Heim­sta­dion also ein Nach­teil?
Vor allem für Eng­land. Die Spieler wissen, dass die Fans wissen, was im Sommer 1996 pas­siert ist.

Wird Gareth Sou­th­gate in einem mög­li­chen Elf­me­ter­schießen selbst antreten, um die Schmach zu tilgen?
Auf keinen Fall. Er wird vor einem Elf­me­ter­schießen aus dem Sta­dion in einen Pub flüchten und es dort gucken. Aber wie gesagt: Ich glaube, das Spiel wird vorher ent­schieden. Es gibt auch keine Aus­reden mehr, wir haben die beste Mann­schaft seit Jahr­zehnten, die Spieler gewinnen regel­mäßig große Titel mit ihren Klubs, der Kader ist so gut, dass ein Spieler wie Jadon Sancho nur auf der Bank sitzt.

Würden Sie ihn spielen lassen?
Die meisten Eng­länder wollen ihn sehen. Aber Sou­th­gate wird in der K.o.-Runde keine Expe­ri­mente mehr machen. Kon­trol­lierte Offen­sive. So hieß das jeden­falls zu meiner Zeit.

Hat Sou­th­gate zu viele Optionen?
Er hat ein ähn­li­ches Luxus­pro­blem wie Jogi Löw. Auch in Deutsch­land gibt es viele gute Talente. Einige sitzen nur auf der Bank, andere sind nicht mal Natio­nal­spieler. Denken Sie an Niklas Dorsch, der bei Gent in Bel­gien eine tolle Saison gespielt hat. Auch Sancho spielt in Dort­mund gut, aber im ersten EM-Spiel gegen Kroa­tien war er nicht mal im Kader, im zweiten kam er nicht rein. Gegen Tsche­chien durfte er dann fünf Minuten spielen, weil Ben Chil­well und Mason Mount in Qua­ran­täne waren und Phil Foden wegen einer mög­li­chen Gelb­sperre aus­setzen sollte. Ich bin mir sicher: Gegen Deutsch­land wird Sancho am Anfang wieder draußen sein. Erst das Spiel­ge­schehen wird die Taktik ändern. Erst ein Rück­stand könnte eine Chance für Sancho sein.

Spre­chen wir über Ihre Kar­riere. Wie sind Sie 1978 in Deutsch­land gelandet?
Ich war damals 19 Jahre alt und spielte in der dritten eng­li­schen Liga für Peter­bo­rough United. Ich wollte Profi werden so wie mein Vater, der für Coventry City gespielt hatte. Es gab auch ein paar Ange­bote aus Eng­land. Aber eines Tages machten wir mit einer Aus­wahl­mann­schaft eine Reise nach Deutsch­land, wo wir gegen eine hes­si­sche Kreis­aus­wahl antraten. Dort waren Spieler des KSV Bau­natal dabei, damals zweite Bun­des­liga. Nach der Partie kamen wir ins Gespräch, und die Leute machten mir einen Wechsel schmack­haft.

Kevin Keegan war als erster eng­li­scher Fuß­ball­profi 1977 nach Deutsch­land gekommen und schlug beim HSV ein. Hofften andere Ver­eine, den nächsten Keegan zu ent­de­cken?
Auf jeden Fall. Ich will mich nicht ver­glei­chen, aber der Kicker“ nannte mich mal den Keegan der Zweiten Liga“. Ein paar Jahre später kam Tony Wood­cock. Ich habe auch meinen Bruder Dean vom FC Wim­bledon zu Ale­mannia Aachen gelotst, danach spielte er noch für For­tuna Düs­sel­dorf. Einmal haben wir gegen­ein­ander gespielt. Er war über­mo­ti­viert und bekam die Rote Karte.

Hatte er Sie gefoult?
Nein, dann hätte ich ihn aus meinem Tes­ta­ment gestri­chen.

Sie haben in Ihrer Kar­riere über 300 Spiele in den ersten zwei Bun­des­ligen gemacht. Sie liefen unter anderem für Ale­mannia Aachen, Han­nover 96, Kickers Offen­bach und Bayer Uer­dingen auf. Gab es später nie mehr die Chance, zurück nach Eng­land zu gehen? Ihre Mutter war­tete ja noch.
Doch, immer wieder. In den Winter- und Som­mer­pausen bin ich auch oft heim. Das erste Mal im Winter 1978/79. Da habe ich ein wenig mit den Klubs aus Coventry und Bir­mingham trai­niert, bei Aston Villa zum Bei­spiel. Dort haben sie gesagt: Bleib doch hier. Aber wenn du einmal das Leben in Deutsch­land ken­nen­ge­lernt hast, merkst du schnell, es ist sehr ange­nehm.

Was war Ihr erstes Wort auf Deutsch?
Bier.

Und Ihr erster Satz?
Ein Bier, bitte. Und wenn ich in der Kneipe drei Bier bestellen wollte, sagte ich dreimal hin­ter­ein­ander: Ein Bier, bitte. Ein Bier, bitte. Ein Bier, bitte.

Heute sind die Mann­schaften sehr inter­na­tional, wie haben Sie damals mit Ihren Mit­spie­lern gespro­chen?

Wir waren maximal drei Aus­länder in der Mann­schaft. Aber das war egal, denn auf dem Platz musste man kein Deutsch können, man musste nicht mal spre­chen können, ein paar Geräu­sche, dann kriegst du den Ball. Aber es stimmt: In der Kabine und sonst auch wurde quasi nur Deutsch gespro­chen, ich habe die Sprache daher schnell gelernt. Das war einer­seits gut, denn ich fand Anschluss, ande­rer­seits merkte ich auch, dass die Presse nicht nur Posi­tives schreibt.

Max Merkel urteilte in der Bild“ über Sie: Grad­linig und nicht zim­per­lich. Manchmal könn­test du denken, er hätte ein Bügel­eisen im Fuß.“
Ich war ein rus­ti­kaler Spieler, hart, aber nicht unfair. Ganz ehr­lich: Ich hätte nicht gerne gegen mich gespielt.

Sie waren ein Sechser.
Meine Auf­gabe war die Jagd auf die Nummer Zehn. Uwe Bein, Asgeir Sigur­v­insson oder Marcel Raducanu haben mich gehasst. Edle Fili­gran­tech­niker, gute Typen. Mit Uwe Bein habe ich später eine Fuß­ball­schule gemacht. Ich erin­nere mich, dass Raducanu tech­nisch extrem gut war. Der hat einen so schwin­delig gespielt, dass man den Weg in die Kabine nicht mehr gefunden hat.

Bekam man in Eng­land mit, wie gut Sie in Deutsch­land waren?
Damals konnte man froh sein, wenn das eigene Spiel in der Sport­schau“ gezeigt wurde. Man wusste gene­rell recht wenig über Fuß­ball und so gut wie nichts über aus­län­di­schen Fuß­ball. Heute ist alles aus­ge­leuchtet, jedes Spiel wird wis­sen­schaft­lich ana­ly­siert. Und auch die Ver­gan­gen­heit wird immer weiter erforscht. Nicht immer zu meinem Vor­teil.

Wie meinen Sie das?
Ich wurde in meiner Kar­riere oft aus­ge­wech­selt, und das steht nun in den Daten­banken. Einige Leute fragen mich also: Wayne, warum muss­test du so oft runter? Was man dazu wissen muss: Es gab damals die Aus­län­der­regel. Das heißt, es durften nur zwei Aus­länder gleich­zeitig auf dem Platz stehen, und wenn der Trainer einen wei­teren Aus­länder bringen wollte, musste ein anderer runter. Das war oft ich.

Bei Ihrem größten Erfolg, dem Pokal­sieg 1985 mit Uer­dingen, wurden Sie erst acht Minuten vor Ende ein­ge­wech­selt. Warum eigent­lich? Sie waren doch Stamm­spieler.
Ich hätte eigent­lich gar nicht im Kader stehen dürfen, denn ich hatte mir ein paar Tage zuvor die Bänder ange­rissen. Was für ein großer Scheiß, dachte ich, denn ich hatte alle Pokal­spiele mit­ge­macht. Das Finale wollte ich auf keinen Fall ver­passen. Zumal es zum ersten Mal im Ber­liner Olym­pia­sta­dion statt­fand, dann noch gegen die Bayern. Mit unserem Mas­seur traf ich eine Absprache: Kalli Feld­kamp sollte denken, es sei alles nicht so schlimm. Ich fuhr dann nach Hol­land zu einem Spe­zia­listen. Ich weiß noch, dass der Fuß ange­schwollen war und er einen gips­ar­tigen Ver­band drum­herum wickelte. Alte Medi­zin­schule. Aber irgendwie ging es, ich saß immerhin auf der Bank.

Kurz nach Ihrer Ein­wechs­lung hatten Sie sogar das 3:1 auf dem Fuß.
Danke, dass Sie mich dran erin­nern. Es war wirk­lich keine gute Szene von mir. In Kurz­form: Peter Loo­n­tiens passt den Ball in die Mitte, ich ver­schieße aus sieben Metern kläg­lich. Vor einiger Zeit machten ein paar Fil­me­ma­cher eine Doku­men­ta­tion über den Pokal­sieg. Zur Pre­miere kamen alle Spieler, dazu noch etwa 1000 Fans. Ich saß weit hinten im Kino, mein Sohn war auch dabei. Bei der Szene drehte sich der gesamte Saal um und schaute mich mit einer Mischung aus Ent­setzen, Scha­den­freude und Mit­leid an. Auch ich war leicht geschockt, denn ich hatte die Szene in den ver­gan­genen Jahr­zehnten sehr gut ver­drängt.

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Da ist das Ding! Wayne Thomas trank später noch Cham­pa­gner draus. Und Stürmer Wolf­gang Schäfer nahm den Pokal später mit ins Bett.

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Sie bewahren viele Erin­ne­rungs­stücke aus der dama­ligen Zeit auf: Poster, Bälle, Medaillen. Hat das Trikot des Pokal­end­spiels einen Ehren­platz?
Hose und Stutzen habe ich noch, aber das Trikot habe ich leider auf dem Platz ver­schenkt – an eine der Spie­le­rinnen des Damen-End­spiels zwi­schen Frank­furt und Duis­burg, das vor dem Män­ner­fi­nale statt­ge­funden hatte. Ich war sehr eupho­ri­siert und hatte zu viel aus dieser rie­sigen Magnum­fla­sche getrunken. Aber Sie wissen, wie es ist: Heute tau­schen die Spieler die Tri­kots beim Warm­laufen, damals hat man eins bekommen, das man bis zum Ende der Saison tragen musste. Und wenn man es ver­loren hatte, gab’s Ärger. Einmal haben die mir in Han­nover 100 Mark vom Gehalt abge­zogen, weil mein Trikot im Tri­kot­koffer fehlte. Ich sagte noch, sag mal, glaubt ihr wirk­lich, ich klaue mein eigenes Trikot? Was das auch für Dinger waren! Nicht atmungs­aktiv wie heute, son­dern schwerer nasser Stoff, den du wie ein Gewicht über den Platz schleppen muss­test. In der Kabine lief der Schweiß direkt in die Schuhe. Und manchmal gab’s im Winter bei minus fünf Grad Kurz­arm­tri­kots. Wenn wir uns beschwerten, sagte der Zeug­wart: Trainer hat gesagt, mehr laufen, dann wird euch schon warm.“

Wie war denn die Feier nach dem Pokal­sieg?
Sie ging meh­rere Tage. Blöd war nur, dass wir drei Tage nach dem Finale zu einem Bun­des­li­ga­spiel nach Kai­sers­lau­tern mussten. Der Bus hat jeden ein­zelnen Spieler von zu Hause abge­holt, wir waren alle noch etwas, nun ja… müde. Also, wir fuhren hin, gingen wie durch ein Wunder mit 1:0 in Füh­rung – und ver­loren dann 1:6. War trotzdem schön, denn auch die FCK-Fans fei­erten uns als Bay­ern­be­zwinger. Danach sind wir wieder in den Bus gestol­pert. Wei­ter­ge­feiert haben wir aber nicht mehr, denn im Bus erfuhren wir von dem Heysel-Unglück, das an jenem Abend pas­siert war.

Sie hätten im kom­menden Jahr auch Euro­pa­pokal spielen und beim Wunder von der Gro­ten­burg gegen Dynamo Dresden dabei sein können. Warum haben Sie Uer­dingen nach der Saison ver­lassen?
Es gab ein paar inter­es­sante Ange­bote, auch aus dem Aus­land. Dann kam der Anruf aus Han­nover, ich fuhr hin, das Sta­dion, die Stadt, die Fans, das gefiel mir alles sofort. Die Zweit­li­ga­meis­ter­schaft iin der Saison 1986/87 war gran­dios. Wir waren die Bayern der Zweiten Liga und sind regel­mäßig mit 5000 Leuten zu den Aus­wärts­spielen gefahren, fast jedes Spiel musste mit Ver­spä­tung anfangen, weil nie­mand darauf vor­be­reitet war. Klar, Euro­pa­pokal wäre toll gewesen, immerhin war ich Co-Kom­men­tator für die BBC bei den inter­na­tio­nalen Uer­dingen-Spielen.

Welche Teams ver­folgen Sie heute noch?
Vor der Corona-Pan­demie bin oft nach Han­nover gefahren, das ist nicht weit ent­fernt von meinem Wohnort in Nord­hessen. Meine Hei­mat­be­suche in Eng­land ver­binde ich gerne mit Spielen von West Ham United, dort ist meine Schwester Mit­glied. Gerade die Derbys gegen die anderen Lon­doner Ver­eine sind intensiv. Es ist ein biss­chen rauer, schön old­school. Herr­lich. Wenn ich bei meiner Mutter in Coventry bin, gibt es hin­gegen nur Coventry City. Die sind nach Jahren in der Dritt- und Viert­klas­sig­keit wieder in zweite Liga auf­ge­stiegen und haben sich sogar gehalten. Ich hätte dort am Ende meiner Kar­riere noch spielen können, die haben mir ein Angebot gemacht. Ich habe damals kurz über­legt, aber dann gemerkt, ich möchte gar nicht mehr weg aus Deutsch­land. Ich mag’s hier.