Es ist mir bewusst, dass an dieser Stelle Spieler wie Kat­sche Schwar­zen­beck, Jürgen Kohler oder Uli Borowka erwartet werden und viele werden mir vor­werfen, dass ich es mir mit meiner Aus­wahl allzu ein­fach gemacht habe. Doch in der Rubrik Mein Lieb­lings­spieler“ kann kein Zer­störer seinen Platz finden, nein, es muss ein Künstler sein. Und somit kann es zu Diego Armando Mara­dona keine Alter­na­tive geben. Diese Ent­schei­dung hat auch wenig mit einem viel gezeigten Tor aus dem Jahr 1986 zu tun, denn als Mara­dona in der sen­genden Hitze im Azte­ken­sta­dion zum Solo ansetzte, zählte ich noch nicht einmal zwei Lenze. 

Das erste, an das ich mich in meinem Leben über­haupt erin­nern kann, war Italia 90, die WM am Stiefel. Schon damals strahlte der kleine Dribbler auf einen Fünf­jäh­rigen wie mich eine unge­heure Anzie­hungs­kraft aus. Mat­thäus, Brehme, Ill­gner und Bert­hold wirkten dagegen irgendwie blass. Heute sagt man, Mara­dona war 1990 bereits über dem Zenit. Wiki­pedia schreibt, er war weitaus weniger domi­nant, als noch vier Jahre zuvor. Schaut man sich ein paar Video­schnipsel dieser WM an, ist es schwer ver­ständ­lich, was die Online-Enzy­klo­pädie damit eigent­lich meint. Hat er denn den Ball 1986 wirk­lich noch ele­ganter ange­nommen? Hat er die Pässe wirk­lich noch fili­graner gespielt? Hat er mit seinen dyna­mi­schen Dribb­lings noch mehr Gegen­spieler ver­zwei­feln lassen? 

Unmög­li­cher Pass auf Caniggia

An genialen Momenten man­gelte es ihm in diesem Tur­nier bei­weilen nicht. Eine Aktion im Ach­tel­fi­nale war dabei vom Niveau des Solo­laufs von Mexiko-City. Die Bra­si­lianer hatten Argen­ti­nien lange Zeit am Rande einer Nie­der­lage. Bis sich Mara­dona zehn Minuten vor Schluss in der eigenen Hälfte den Ball schnappte, vier Gegen­spieler stehen ließ, um dann im Fallen einen nahezu unmög­li­chen- wie genialen Pass auf Caniggia zu spielen, der nur noch zum 1:0 End­stand ein­schieben musste. 

Natür­lich hat Mara­dona 1990 kein Jahr­hun­derttor erzielt und im Finale nahm ihm Guido Buch­wald mit der Per­fek­tion deut­scher Ver­tei­di­gungs­tu­gend auch den letzten Spaß am Fuß­ball. Deutsch­land wurde Welt­meister. Ich habe mich trotzdem gefreut. Ich weiß nicht mehr, wie der Kaiser nach­denk­lich über den Platz geschlen­dert ist, aber ich weiß noch genau, wie der kleine Argen­ti­nier geweint hat. 

Wie ein Kind am Geburts­tags­tisch

Es war der Wen­de­punkt seiner Kar­riere. Kurze Zeit danach wurde er fett, dro­gen­ab­hängig, pflegte Kon­takte zur Mafia und schoss mit einem Luft­ge­wehr auf Jour­na­listen. Ich habe ihn lange aus den Augen ver­loren. Erst als ich mich vor einigen Jahren in einem Tou­ris­ten­laden in Buenos Aires eine DVD mit den 120 schönsten Toren Diegos kaufte, wurde mir die kom­plette Trag­weite dieses Genies bewusst. Vor allem, wäh­rend seiner Zeit beim SSC Neapel, wirkten alle Gegen­spieler wie unbe­tei­ligte Sta­tisten in einer bil­ligen Komödie. Mara­dona war seiner Zeit mei­len­weit voraus. Er hat sich selbst bei jedem ver­wan­delten Elf­meter gefreut wie ein kleines Kind am Geburts­tags­tisch. 

Nach Italia 90 habe ich meine beschei­dene Ver­eins­lauf­bahn beim FV Hau­en­eber­stein gestartet. Ob es Zufall war, dass ich nie eine andere Posi­tion wie Mara­dona gespielt habe? Im Jahr 2004 ging plötz­lich ein Raunen durch die Welt. Der Argen­ti­nier wurde mit Herz­in­farkt in eine Klinik ein­ge­wiesen, unklar, ob er über­leben würde. Es war an der Zeit, meine aktive Kar­riere zu beenden.