Seite 2: Selbst der alte Gegenbauer sagt aus!

Denn die ver­gan­genen Tage fühlten sich so an, als stünde ein alter Freund vor Gericht. Ein alter Freund, von dem alle wissen, dass er schuldig ist. Von dem man selbst aber genau weiß oder zumin­dest zu wissen glaubt, dass er dieses ver­dammte Ver­bre­chen doch eigent­lich gar nicht hatte begehen wollen. Eigent­lich ist er für so was über­haupt nicht der Typ, im Gegen­teil, er ist da irgendwie rein­ge­rutscht, die fal­schen Freunde, die fal­schen Feinde, die fal­schen Vor­bilder, das fal­sche Milieu, Fehler, die zu wei­teren Feh­lern führten, bis er mit­ten­drin war im Schla­massel, so tief, dass kein Richter der Welt ihn nun würde frei­spre­chen können, zu erdrü­ckend die Beweis­last, zu rach­süchtig das Publikum, zu glaub­würdig die Zeugen, selbst sein alter Kumpel Gegen­bauer sagt jetzt aus. Man sieht ihn, also Preetz, vorne im Gerichts­saal sitzen, kno­chige Wangen, fal­tige Stirn, zusam­men­ge­presste Lippen. Einer gegen alle. Dann wird er – fol­ge­richtig – ver­knackt. Und alle jubeln laut los. Selbst die Kerle, die früher mit ihm zusammen um die Häuser gezogen sind. Wie konnte es nur so weit kommen?

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Ein frus­trierter Manager – Michael Preetz auf einer der zahl­rei­chen Krisen-PKs seiner Amts­zeit.

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Nun fährt Michael Preetz nicht ein, im Gegen­teil, eigent­lich wurde ihm am Wochen­ende die Frei­heit geschenkt. Mehr als 40 Jahre lang bestimmte der Pro­fi­fuß­ball sein Leben, Trai­ning, Spiele, Trans­fers, Pres­se­kon­fe­renzen, Stress, Druck, Ärger, Miss­erfolg, Erklä­rungsnot, miese Laune. Und dann genau die gleiche Scheiße wieder von vorne, Woche für Woche. Er kannte es nicht anders, und trotzdem ließ sich gut beob­achten, wie sehr ihm der Job über die Jahre zusetzte. Zumal für mich durch meinen Beruf nun ab und zu die Lauf­bahn ver­schwand, die früher für die Distanz gesorgt hatte, die es braucht, um Men­schen für Helden zu halten. Bei Inter­views oder bei Pres­se­kon­fe­renzen etwa. 

Dann konnte ich ihm Fragen stellen, ihn aus der Nähe sehen, seine mal mehr, mal weniger kno­chigen Wangen, seine meist fal­tige Stirn, seine quasi immer zusam­men­ge­pressten Lippen. Er sah aus, als sei das alles furchtbar anstren­gend. Er wirkte dau­er­haft in die Defen­sive gedrängt. Fragen beant­wor­tete er weniger, als dass er sie parierte. Dem kicker ver­riet er einst, da war er noch Spieler, was sein Lieb­lings­buch sei: Sorge Dich nicht, lebe!“, sagte er, von Dale Car­negie“. Ich weiß nicht, was genau in dem Buch steht, aber es klingt so, als hätte er es gründ­li­cher lesen sollen. Denn Michael Preetz, der Manager, wirkte wie die Sorge in Person. Einer, der viel zu lange über Ent­schei­dungen nach­grü­belte, statt sie zu treffen, einer, der zögerte oder gar bremste, statt zu leben. Am Ende ist er als Manager wohl vor allem daran geschei­tert.

Das ist traurig – aber so ist es eben

Der Fuß­baller Michael Preetz hat, so kam mir das früher vor, selbst mit Kör­per­teilen Tore erzielt, die anderen Stür­mern nicht mal wuchsen, Über­beine, Kno­chen­hö­cker, diese Kate­gorie. Es sah nicht schön aus, aber es funk­tio­nierte. Danach jubelte er, als sei er erlöst worden. Weit geöff­neter Mund, leuch­tende Augen, zur Seite aus­ge­streckte Arme. In den ver­gan­genen Jahren fehlten diese Momente, in denen alles von ihm abfallen konnte, seine Arbeit sah nun nicht nur nicht schön aus, sie funk­tio­niere auch nicht. So hatte er sich das ver­mut­lich nicht vor­ge­stellt, als er im Sommer 2009 die Last eines ganzen Ver­eins auf seine Schul­tern nahm. 

Aber so ist das im Leben, es läuft nicht immer so, wie man sich das wünscht, und manchmal läuft es auch über­haupt nicht, dann klemmt man fest in diesem Leben oder im Alltag, zu dem das Leben geworden ist, und kann sich kaum noch bewegen. Preetz ist kein Held mehr und ich kein kleiner Junge, ihm wird nicht mehr zuge­ju­belt, meinen Paten­onkel und meinen Opa kann ich nicht mehr ungläubig anschauen, weil sie gestorben sind. Das ist traurig, aber so ist es eben. Und wer weiß: Viel­leicht findet Preetz ja jetzt die Zeit, sein Lieb­lings­buch noch mal in Ruhe zu lesen. Und viel­leicht, wenn ein biss­chen Gras über die Sache gewachsen ist, in ein paar Jahren oder auch in ein paar Jahr­zehnten, wird im Sta­dion auch wieder geju­belt werden, wenn sein Gesicht auf der Lein­wand zu sehen ist. Und viel­leicht schaut meine Paten­tochter dann ungläubig hoch zu mir, weil sie keine Ahnung hat, wer der Typ ist. Dann werde ich ihr von Michael Preetz erzählen, der einst ein großer Spieler bei Hertha war. Nur Spieler?, wird irgendein Idiot, der neben uns steht, pro­vo­kant fragen. Er war auch Manager, werde ich sagen. Aber das ist nicht so wichtig.