Thomas Hitzl­sperger, sechs spär­liche Ein­sätze in der Rück­runde bei Lazio Rom. Mussten Sie sich das Aben­teuer Ita­lien wirk­lich antun?

Dass es nicht ein­fach wird, war mir klar. Es dauert seine Zeit, in einer Mann­schaft anzu­kommen. Nach dem gelun­genen Wechsel von Eng­land nach Deutsch­land dachte ich aber, dass ich es schneller schaffe – ein Fehler. Nach einer Woche war dann auch noch der Coach weg, der mich geholt hatte…



Auf Davide Ball­ar­dini folgte Edu­ardo Reja, mit dem Sie nicht klar­kamen.

Wir kamen sogar sehr gut mit­ein­ander klar! Da gab es keine Miss­ver­ständ­nisse. Er sagte mir ganz ehr­lich, er müsse für meine Posi­tion auf Ste­fano Mauri setzen. Offi­ziell wurde das mit dessen Erfah­rung in der Serie A erklärt. Ich wusste ja schon bald, dass die Fan­gruppen massiv Druck machten. Situa­tione par­ti­cu­lare nannte er das, was da im Umfeld abging. Es gibt zu wenig Zuschauer. Da liest man den Fans jeden Wunsch von den Augen ab. Er hätte das nicht mehr erklären müssen.

Den­noch wirkt Ihre Zeit bei Lazio wie ein ein­ziges Miss­ver­ständnis.

So sah das jeden­falls für Außen­ste­hende aus. Nach der Saison riefen die Ver­ant­wort­li­chen bei mir in Mün­chen an, ich solle doch bleiben und die Zeiten auf der Bank ver­gessen. Es habe sich eben um eine Aus­nah­me­si­tua­tion gehan­delt. Was denn das für eine Aus­nahme gewesen sein sollte, wollte aber keiner offi­ziell sagen. Das ist eben die Diplo­matie. Sehr höf­lich und ange­nehm, aber leider am Ende unver­bind­lich.

Wie haben Sie auf den Anruf reagiert?

Ich habe direkt ange­spro­chen, dass das für mich nicht zusam­men­passt – die Praxis und die Avancen hin­terher. Das war nicht diplo­ma­tisch von mir. Aber ich war ja schließ­lich nicht nach Rom gekommen, um die Stadt zu genießen, son­dern um Fuß­ball zu spielen.

Sie beschreiben es so rational, dabei klingt es wie ein Hor­ror­sze­nario. Finden Sie?

Ich bin zwar mit zu viel Vor­freude nach Rom gegangen, den­noch war es eine gute Zeit. Die Kol­legen waren kame­rad­schaft­lich sehr in Ord­nung. Wir sind öfter zusammen aus­ge­gangen – eine gute Gruppe mit cha­rak­ter­starken Leuten. Die haben sich von nie­mandem die Butter vom Brot nehmen lassen. Das war wirk­lich eine gute Erfah­rung.

Gab es denn keinen Zoff? Sie steckten schließ­lich mitten im Abstiegs­kampf.

Mann­schaft und Prä­si­dium waren öfter unter­schied­li­cher Mei­nung. Wir wurden bei­spiels­weise einmal zwei Stunden von Rom ent­fernt in ein Trai­nings­lager beor­dert. Der Prä­si­dent Claudio Lotito wollte, dass ein Psy­cho­loge uns begleitet. Mit dem konnte das Team aber nichts anfangen. Die Spieler sagten sinn­gemäß: Wir haben keinen an der Waffel, und wenn es Pro­bleme gibt, werden wir die auch ohne Psy­cho­logen klären. Im Trai­nings­lager wurde dann gut gegessen und getrunken – und dabei kamen auch unsere Themen auf den Tisch. Das wurde ein Mann­schafts­abend der beson­deren Art. Der Psy­cho­loge hätte nichts zu tun bekommen. Er fuhr wieder nach Hause.

Konnten Sie sich an diesen Dis­kus­si­ons­abenden auch ein­bringen?

Als der Neue und beson­ders als Ersatz­spieler hält man sich da eher zurück. Sowieso steckte mein Ita­lie­nisch in den Anfängen. Trotzdem wollten sie hören, was ich zu sagen hatte. Da hat wirk­lich jeder den letzten Bro­cken Eng­lisch aus­ge­graben, um mir das zu erleich­tern.

Über die Serie A kur­sieren viele Vor­ur­teile. Hat Sie das bei Ihrem Wechsel nicht abge­schreckt?

Es wird viel geschrieben und geredet. Ich musste selber her­aus­finden, wie es wirk­lich ist. Was mir das Wich­tigste war: Es wird guter Fuß­ball gespielt, mit ganz über­durch­schnitt­li­chem Enga­ge­ment.

Wel­ches Kli­schee trifft denn zu? Dass die Klubs hohe Gehälter anbieten, aber am Ende gar nicht oder nur sehr spät bezahlen?

Die Zah­lungs­ziele ent­spre­chen nicht unbe­dingt dem deut­schen Arbeits­recht oder dem Beam­ten­ka­lender, das stimmt. Von den Kol­legen hat aber keiner geme­ckert. Ob es dann am Ende beim Zahlen ernst­hafte Pro­bleme gibt? Da warte ich mal ab.

Die Sta­dien sind leer, weil die Leute den Glauben an die Ehr­lich­keit des Fuß­balls ver­loren haben.

Es gibt viele Gründe dafür, dass weniger Zuschauer kommen als in Deutsch­land oder Eng­land. Ich tippe eher auf das schwache Karten- und Sta­di­on­ma­nage­ment. Man sieht ja schon im Fern­sehen, dass es viele leere Plätze gibt – auch bei sehr guten Spielen. Des­wegen haben ja auch die Fan­gruppen viel mehr Gewicht als bei uns.


Lazio steht im Ruf, über ein hohes rechts­ra­di­kales Fan­po­ten­tial zu ver­fügen.

Das klingt jetzt aber wie aus dem Ver­fas­sungs­schutz­be­richt. Fehlt nur noch Gewalt­be­reit­schaft“. Also: Natür­lich ist Lazio alles andere als ein Salon­verein. Ich hatte davon schon gehört, all­ge­mein in der Serie A und spe­ziell bei Lazio. Ich wollte aber selber her­aus­finden, wie es in Wirk­lich­keit ist. Mir war es wichtig, dort unvor­ein­ge­nommen anzu­fangen und mir erst mal anzu­sehen, wie der Klub mit diesem Pro­blem umgeht.

Zu wel­chem Ergebnis sind Sie gekommen?

Ganz ehr­lich: Ich kann bis heute nicht wirk­lich beur­teilen, wie der Klub seine Fan­pro­bleme managt. Er reagiert offen­sicht­lich sehr fle­xibel. Auch wenn es um die Poli­tical Cor­rec­t­ness geht.

Haben Sie denn in Ihrer Zeit dort nichts davon mit­be­kommen? Schließ­lich enga­gieren Sie sich aktiv gegen Frem­den­feind­lich­keit.

Wenn man mit­ten­drin steckt, bekommt man wenig mit. Die Afri­kaner im Team machen schon mal ihre Witze dar­über, dass sie beim Ein­kaufen gefragt würden, ob sie über­haupt bezahlen könnten. Das ist der All­tags­ras­sismus, den es in Deutsch­land wohl auch gibt. Aber beim Aus­wärts­spiel in Livorno kam es dann mal ziem­lich dras­tisch: Da schrien die Lazio-Fans schon beim Warm­ma­chen Duce! Duce!“ und hoben den Arm zum Faschis­ten­gruß. Ich saß auf der Bank. Die Kol­legen sagten, so was komme öfter vor. Der Klub nahm dieses Ver­halten auch ohne Kom­mentar hin. Das fand ich jeden­falls merk­würdig und inter­es­sant.

Inter­es­sant oder viel­mehr scho­ckie­rend?

Man merkt sehr schnell, dass man solche Rituale wohl nicht so ein­fach ändern kann. Als Spieler auf der Bank denkt man natür­lich dar­über nach. In ita­lie­ni­schen Sta­dien ticken die Uhren auch sonst anders. Wie soll man sich das erklären: Da ist der Klub zuhause in Rom gegen Inter ange­treten. Als Inter ein Tor schießt, steht das ganze Sta­dion auf und jubelt gegen die eigene Mann­schaft. Da muss man eben wissen, dass die Fans den AS Rom – für den es noch um die Meis­ter­schaft ging – im Ver­gleich zu Inter für den grö­ßeren Rivalen halten. So eine Logik hat man nicht so schnell drauf.

Ist das etwa ein Milieu, in dem Sie sich als Fuß­baller gerne auf­halten?

Milieu“ ist ein großes Wort. Das ent­steht ja erst durch die Gemenge­lage von Pro und Contra. Klar war nur: Lazio tole­riert ras­sis­ti­sches Ver­halten seiner Fans. Ob das jemand im Verein sogar unter­stützt oder warum die Leute das kom­men­tarlos hin­nehmen, das findet man als Ein­zelner nicht so bald heraus.

Noch mal: Bereuen Sie den Schritt nach Ita­lien im Nach­hinein?

Nein, der Wechsel war sorg­fältig abge­wogen, und die Lazio-Leute hatten mir vorher signa­li­siert, dass sie mich wirk­lich haben wollen. Von allen Optionen, die ich hatte, war Lazio die beste. Mir war über­dies klar: Ich habe nur drei Monate, um mich für die WM zu emp­fehlen.

Die haben nicht gereicht. Gab es eine per­sön­liche Absage von Bun­des­trainer Joa­chim Löw?

Die gab es. Anfang März rief er an und wollte wissen, wie es läuft. Er riet mir, ich solle mich rein­hängen und ver­su­chen, so viel Spiel­praxis wie mög­lich zu bekommen. Aber da gab es bei Lazio eben Grenzen. Am Tag vor der vor­läu­figen Kader­no­mi­nie­rung mel­dete er sich dann, um mir zu sagen, dass es für mich mit der WM nichts wird.

Hatten Sie das erwartet?

Natür­lich macht man sich Hoff­nungen. Immerhin hätte ich ja einige Erfah­rung mit­ge­bracht. Er hätte mich auch in den erwei­terten Kader berufen können, um zu sehen, wie ich drauf bin. Aber die Gründe, die er für seine Absage nannte, waren nach­voll­ziehbar. Ich hatte schließ­lich drei Monate fast gar nicht gespielt. Und dazu noch die schwache Vor­runde in Stutt­gart – er hat richtig ent­schieden.

Keimte bei Ihnen noch einmal Hoff­nung auf, als Michael Bal­lack sich vor der WM ver­letzte?


Ganz klar: nein. Ich hatte schon zwei, drei Wochen abge­schaltet, und Löw hatte ja auch nicht gesagt: Halte dich fit, es kann immer etwas pas­sieren.“ Außerdem blieb ja die Tat­sache unver­än­dert, dass ich wenig gespielt hatte. Ich wusste also, dass die Sache gelaufen war.

Wenig Ein­satz­zeiten hatten auch andere. Miroslav Klose und Mario Gomez etwa.

Der Unter­schied ist auch nach Löws Erfah­rung, dass man einem Stürmer durchaus einen Kalt­start zumuten kann. Ich aber spiele im Mit­tel­feld. Da weiß ich so gut wie der Bun­des­trainer: Man muss viel gespielt haben, um den Wett­kampf­rhythmus rasch zu finden.

Sie können Löw ver­stehen, der Sie nicht mit nach Süd­afrika nimmt, Sie akzep­tieren es, wenn Lazio-Trainer Reja Sie nicht ein­setzt. Wann platzt Ihnen mal der Kragen?

Soll ich den Macho spielen? Das empörte Ein­zel­kind? Ich habe fünf ältere Brüder. So was härtet ab. Mich stört es über­haupt nicht, für geduldig und umgäng­lich gehalten zu werden. Um das zu ändern, müsste ich mir eine andere Sprache, ein anderes Auf­treten regel­recht antrai­nieren. Das wäre dann eine bloße Show. Ich bin nun mal so, wie ich bin. Ob mir mal der Kragen platzt? Warten wir’s ein­fach mal ab.

Als Sie in Stutt­gart Ihren Stamm­platz ver­loren hatten, sagten Sie: Wenn meine Kol­legen im defen­siven Mit­tel­feld weiter so gut drauf sind, werde ich auf der Bank bleiben.“ Stefan Effen­berg hätte die Kon­kur­renten im Trai­ning wohl umge­nietet.


Den Namen Effen­berg habe ich oft gehört, als ich Kapitän wurde. Markus Babbel erzählte gern davon, Effen­berg habe es für wichtig gehalten, auch mal Zei­chen zu setzen. Solche Zei­chen sind aber nicht selten nur ein Alibi. Effe war als Kapitän ein­fach super, ein beson­derer Mensch, den ich aber nicht nach­ahmen kann und will. Ich würde nie­mandem vor­sätz­lich die Kno­chen polieren. Aber glauben Sie mir: Wenn es denn sein muss, kann ich durchaus grob werden. Zum Fair Play gehört eben auch, dass man die Vor­fahrt nicht ver­schenkt.

Ist es über­haupt mög­lich, sich zu sagen: Ab heute bin ich nicht mehr nett, son­dern ein Schwein?

Man muss nicht unbe­dingt zum Schwein mutieren, wenn man wei­ter­kommen will. Man kann nett sein und kon­se­quent zugleich. Wenn ich aber auf der Bank sitzen müsste und zugleich von allen nett gefunden werden wollte, wäre das alles andere als kon­se­quent.

Welche Mittel hat ein Spieler wie Sie da? Ein Inter­view in der Bild“?

Und hin­terher in der BamS“, damit das auch jeder mit­be­kommt? Nein, es geht ja nicht darum, wie ich etwas emp­finde und aus­drücke, son­dern um das, was sich auf dem Platz abspielt. Trainer und Mit­spieler lesen mein Spiel direkt auf dem Platz. Wenn sie dazu erst eine Zei­tung auf­schlagen müssten, wäre das schon seltsam.

Das heißt, die Spieler stehen gar nicht so sehr unter dem Ein­fluss der Medien, wie man annimmt?

Doch, doch, jeder regis­triert seine Noten. Das ist die natür­liche Eitel­keit. Wer mir sagt, es inter­es­siere ihn nicht, was über ihn in der Zei­tung steht, muss mich für ziem­lich blau­äugig halten. Ich habe so was früher auch selber gesagt – aber dann doch mit einem Klick im Internet gecheckt, was da über mich in Umlauf ist.

Dann erklären Sie uns doch mal, wie es zu Ihrem rasanten Absturz in Stutt­gart kam.

Das ist jetzt für mich eine harte Übung. Also gut: Es begann am Anfang der ver­gan­genen Saison. Markus Babbel setzte mich schon im zweiten Spiel auf die Tri­büne. Er trös­tete mich damit, dass er mich schonen wolle, weil die Saison noch lang sei. Das wollte ich nicht ver­stehen. Denn ich hatte zwar zu Sai­son­auf­takt nicht gut gespielt – aber des­wegen gleich auf die Tri­büne? Dann stürzte auch noch der Klub erkennbar ab, und Markus selber wurde immer unsi­cherer.

Babbel war mehr auf der Auto­bahn zum Trai­ner­lehr­gang in Köln als bei den Übungs­ein­heiten.

Daran hat es defi­nitiv nicht gelegen. Er hat in Wirk­lich­keit nur sehr wenige Tage gefehlt. Und wenn er nicht da war, gab der Co-Trainer Rainer Wid­mayer noch extra Gas. Aber uns fehlte ein­fach die Ord­nung.

Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“.

Ich war ja nicht der Ein­zige, der die am Fuß hatte. Wir kamen mit den hohen Erwar­tungen nicht zurecht. Da fehlte die Über­set­zung zur Rea­lität. Auch im Team gab es Unwuchten. Wir hatten uns ver­stärkt mit Pavel Pogreb­nyak und Aljak­sandr Hleb. Wie diese Trans­fers plat­ziert wurden, das ver­ur­sachte Fragen, viel­leicht auch Neid. Ich habe als Kapitän ver­sucht, im Hin­ter­grund zu mode­rieren. Aber es war schwierig. Es bewegte sich zu wenig. Jeder hatte mit seinem eigenen Pro­blem zu tun.


Was haben Sie den Mit­spie­lern gesagt?

Sinn­gemäß in allen mög­li­chen Varia­tionen: Haltet euch an die Regeln! Es kommt auf die Dis­zi­plin jedes Ein­zelnen an. Nur so können wir uns aus dieser Situa­tion befreien.

Aber Hleb ließ sich nicht auf Linie bringen?

Die Erwar­tungen an ihn waren fraglos enorm hoch. Wenn ein Spieler aus Bar­ce­lona zum VfB Stutt­gart kommt, glauben manche, er würde den Klub allein zur Meis­ter­schaft schießen. Das geht natür­lich nicht. Auch er konnte sich nicht ent­falten, weil die Mann­schaft frem­delte. Über­dies hat sein Transfer wohl auch den einen oder anderen nei­disch gemacht. Kann sein, dass er das nicht so schlimm fand. Jeden­falls hat er nicht viel dagegen unter­nommen.

Fuhr Hleb in einem Luxus­schlitten vor?

Um so was ging es über­haupt nicht. Wie Sie sich vor­stellen können, stehen in Stutt­gart viele schöne Autos auf dem Trai­nings­park­platz. Sein Ver­halten in der Gruppe war aber unge­wohnt domi­nant. Einmal hat er sogar einen Arzt atta­ckiert. Wir hätten ihn gemeinsam packen und zurück in die Spur bringen müssen. Ich habe es ver­sucht, er hat zuge­hört, aber nicht reagiert. Er hat sich eben benommen wie einer, der vom besten Klub der Welt in die Pro­vinz kommt. Natür­lich: Bar­ce­lona ist zwei­fels­ohne Welt­klasse. Trotzdem muss man die Aner­ken­nung dafür nicht täg­lich ein­for­dern.

Warum gelang es dem erfah­renen Jens Leh­mann nicht, für Dis­zi­plin zu sorgen?


Natür­lich hatte Jens das Zeug dazu, und er hat defi­nitiv als Ein­ziger von uns immer seine Leis­tung gebracht. Aber als dienst­äl­tester Profi hatte er viel um die Ohren. Des­wegen war er sicher öfter auf der Auto­bahn unter­wegs als der Trainer.

Oder im Hub­schrauber.

Den habe ich jetzt nicht so oft gesehen. Aber es stimmt: Er brauchte das Gefühl, viel frei zu haben. Es war schon ein Thema in der Mann­schaft, dass er Son­der­rechte bekommt und sonn­tags früh auch nach einem schlechten Spiel als Ein­ziger nicht zum Trai­ning muss. Das war natür­lich ein Pri­vileg. Dafür hat er den Klub immer schön in den Medien gehalten – solche Geschichten sind auch wichtig.

Mit anderen Worten: Ein Showtyp wie Leh­mann hilft einem kri­selnden Verein auch, weil er mit seinen Eska­paden ein wenig vom schwa­chen Spiel ablenkt?

Weiß ich nicht, aber so war und ist er nun mal. Jetzt hat er auch noch ein Buch geschrieben, so ein auf­schluss­rei­ches Ich-Buch, in dem er sich erklärt. Viel­leicht ver­steht man ihn nach der Lek­türe besser.

Wie reagieren denn Profis, wenn sie mit­be­kommen, dass ein Kol­lege seine Bio­grafie schreibt?

So laut hat er das nicht ver­kündet. Aber ich hatte es mit­be­kommen und ihn immer wieder nach dem Stand der Dinge gefragt. Ich warte noch darauf, dass er mir ein Exem­plar schickt – am liebsten mit einer schönen Wid­mung.

Haben Sie von Jens Leh­mann etwas gelernt?

Bestimmt.…

Ver­raten Sie auch, was?

Sie mussten die Frage jetzt natür­lich stellen. Also gut: Ich habe von ihm viel über Pro­fes­sio­na­lität gelernt. Er war ein Athlet, hat auf seine Ernäh­rung geachtet, arbei­tete oft im Kraft­raum und wusste, wie man seine Leis­tung auf den Punkt bringt. Aber jetzt hat er die här­teste Her­aus­for­de­rung noch vor sich: Er muss her­aus­finden, wie es wei­ter­gehen soll.

Gab es im Dezember von Markus Babbel eine offi­zi­elle Erklä­rung dafür, warum er Ihnen das Kapi­tänsamt entzog?

Er hat es mir erst mit­ge­teilt, als es fest­stand. Er sagte, dass er mit dem Prä­si­dium gespro­chen und erfahren habe, dass man ihn nicht raus­zu­schmeißen gedenke, aber von ihm erwarte, dass er etwas ändert. Also hatte er einige Ver­bes­se­rungs­ideen ein­ge­reicht – eine davon war, dass er mich vom Kapi­tänsamt ent­binden würde.

Aus wel­chem Grund?

Das hat er mir nicht gesagt. Im Gegen­teil. Er meinte, er könne sich auch keinen bes­seren Kapitän vor­stellen. Aber durch die Aktion erhoffe er sich, dass ich mich wieder mehr auf mich kon­zen­trieren könne. Es ist mir natür­lich klar, dass so etwas nicht leicht ver­mit­telbar ist, dass ich viel­leicht auch zu nett bin oder was weiß ich. Aber mir die Binde abzu­nehmen ohne einen Kri­tik­punkt – das machte mich dann doch etwas ratlos.

Babbel sagt: Ich kann mir keinen bes­seren Kapitän vor­stellen als dich“ – und im selben Atemzug nimmt er Ihnen die Binde weg. Haben Sie da nicht vor Wut den Tisch durch­ge­hauen?

Ich hätte ja auch gera­deaus hauen können (lacht). Ich habe beides nicht getan. Ich denke näm­lich, dass so was eher zur Büh­nen­rou­tine eines Machos gehört. Ein Fuß­ball­spieler, der sich nicht beherr­schen kann und unter Gefühls­aus­brü­chen leidet, ist jeden­falls ein erheb­li­ches Risiko für seine Mann­schaft.

Sie hätten mit einem Aus­raster den Beweis antreten können, dass Sie der rich­tige Kapitän sind.

Ja, genau: Zei­chen setzen! Fragt sich nur: Kapitän auf wel­chem See­len­ver­käufer? Also: Ein Profi rastet nicht aus.

Was für eine Schlag­zeile: Hitzl­sperger schlägt Trainer nieder!“

„… und wird Spie­ler­trainer!“ Im Ernst: Ich habe ver­sucht, mit Markus Babbel zu dis­ku­tieren und her­aus­zu­finden, was sich ändert, wenn Mat­t­hieu Del­pierre das Amt über­nimmt.

Was hat Babbel geant­wortet?


Er sagte, dass er mir helfen wolle, wieder besser Fuß­ball zu spielen. Dabei wussten wir beide, dass es ein popu­lis­ti­scher Schachzug war. Der Vor­stand und das Umfeld waren extrem nervös. Sie wollten eben Zei­chen sehen. Und Babbel ließ ja schon zweimal täg­lich trai­nieren. Da blieb ihm nur noch übrig, den Kapitän zu wech­seln. Damit alle denken: Der Trainer meint es ernst!“

Hat Bab­bels Nach­folger Chris­tian Gross Ihnen mit­ge­teilt, dass er nicht mehr mit Ihnen plant?

Ich hatte schon im Dezember ein Gespräch mit Manager Horst Heldt. Ich war ver­letzt, was die Situa­tion ver­kom­pli­zierte. Er fragte mich, wie ich mir meine Zukunft vor­stelle. Ich war ver­wun­dert und fragte zurück: Könnt ihr mir nicht sagen, wie ihr euch meine Zukunft vor­stellt?“ Dar­aufhin wollte er sich mit dem Trainer zusam­men­setzen und sich bei mir melden.

Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an“ – ein klares Zei­chen.

Ich wusste zumin­dest: Das kann eng werden. Ich suchte dar­aufhin das Gespräch mit Gross und sagte ihm, dass das kom­mende halbe Jahr sehr wichtig für mich werde. Nach einer Woche Bedenk­zeit erklärte er mir, er sei mit seiner Mann­schaft zufrieden und lege mir keine Steine in den Weg. Das war eine klare Ansage.


Mit Horst Heldt haben Sie noch zusam­men­ge­spielt. Warum hat er so plötz­lich das Ver­trauen in Ihre Fähig­keiten ver­loren?

Da müssen Sie ihn selbst fragen. Nur so viel: Seine Kar­riere war eher beendet, als er es wollte. Wir haben übri­gens damals auf der­selben Posi­tion gespielt.

Sie haben ihn also quasi in den Ruhe­stand beför­dert. Eine alte Rech­nung, die Sie jetzt bezahlen mussten?

Das ist ein inter­es­santer Ein­fall! Als Horst dann Manager wurde, hat er mich häufig kri­ti­siert. Es lief ja in der Tat nicht beson­ders gut, ich wurde ziem­lich oft ein- oder aus­ge­wech­selt. Doch dann wurde es immer besser, bis hin zu der über­ra­genden Rück­runde 2006/07, in der wir die Meis­ter­schaft gewannen. In der Folge war unser Ver­hältnis von gegen­sei­tigem, auf­rich­tigem Respekt geprägt.

Was geschah dann?

Gegen Ende 2009 hat sich unser Ver­hältnis wieder abge­kühlt. Irgendwie wollte er nicht mehr mit mir reden, ging dem Gespräch aus dem Weg – er hat sich nie dazu geäu­ßert. Als ich zu Ver­hand­lungen nach Rom flog, rief er an: Das war ein guter Schritt, alles Gute!“ Als hätte er gewusst, dass ich unter­schreiben würde…

Gab es keine offi­zi­elle Ver­ab­schie­dung nach vier­ein­halb Jahren beim VfB?

Nein. Ich wollte ja auch keine Ehren­runde oder so was. Ich bin dann noch mal in die Kabine gegangen und habe mich von meinen Kol­legen ver­ab­schiedet. Sami Khe­dira hat ein Trikot rum­gehen lassen, auf dem alle unter­schrieben haben, und dazu noch ein paar Sätze gesagt. Das war alles ganz normal und unauf­ge­regt – schließ­lich wurde durch meinen Abschied ja auch ein Kader­platz frei.

Ist der Fuß­ball ein undank­bares Geschäft?

Das ist wie mit dem Dank des Vater­landes. Den gibt es nur zum Begräbnis. Wie gesagt, mein Abschied war völlig undra­ma­tisch.

In Stutt­gart schaut man nicht richtig, wen man gehen lässt, in Rom schaut man nicht richtig, wen man holt. Laufen Trans­fers immer so ab? Es geht schon bei der Frage los: Wer ver­pflichtet einen Spieler?

Manchmal wird da gründ­lich ges­coutet und hin und her gerechnet. Aber manchmal ent­deckt ein Prä­si­dent auf einer Geschäfts­reise jemanden und setzt ihn dem Trainer vor, nach dem Motto: So, jetzt mach mal was mit dem!“ Das ist die Band­breite. Auch in der Wirt­schaft soll das nicht viel anders sein.

2005 waren Sie als Youngster auf dem Cover von 11 FREUNDE. Wie hat sich der Nach­wuchs­star von Aston Villa seither ver­än­dert?

Nach einer WM und einer Meis­ter­schaft nimmt man sich als Fuß­baller ganz anders wahr. Meine Leis­tung wird inzwi­schen öffent­lich dis­ku­tiert. Und heute würde ich jeden­falls vor dem Druck genau fragen, was für ein Motiv 11 FREUNDE von mir aus­wählt (lacht).

Denken Sie auch dar­über nach, dass Ihr Markt­wert gesunken ist?

Ganz klar: Fuß­bal­le­risch hat mich der Wechsel zu Lazio erst mal gebremst, und trotz meines neuen Ver­trages bei West Ham United: Ich muss mir die Posi­tion, die ich in Stutt­gart hatte, wieder ganz von vorn erar­beiten.

Kränkt es Sie, wenn das öffent­liche Inter­esse abnimmt?

Von der Nach­frage auf dem Spie­ler­markt bekomme ich so oder so immer nur sehr wenig mit. Aber ich merke natür­lich, dass sich manche Leute nicht mehr melden. Was hätte ich schon groß erzählen können – als Ersatz­spieler in Ita­lien? Da war ich sogar froh, dass ich in den letzten Monaten ein biss­chen abtau­chen konnte.

Haben Sie sich in Ihrem Kar­rie­re­tief noch mal ihre größten Szenen ange­schaut – die Vor­lage auf Philipp Lahm im EM-Halb­fi­nale 2008 etwa, Hammer“-Tore für Aston Villa oder die Meis­ter­feier mit dem VfB?


Mir hat tat­säch­lich jemand einen Link geschickt, und ich habe mir die Bilder ange­schaut. Es ist schön, sich an solche Erleb­nisse zu erin­nern. Natür­lich ist es auch eine Bestä­ti­gung: Ja, ich kann es. Aber als zusätz­liche Moti­va­tion bin ich darauf nicht ange­wiesen.

Was war der schönste Moment Ihrer Kar­riere?

Ich habe mal für Aston Villa in der 91. Minute das 2:1 im Spiel gegen West Brom­wich gemacht. Oder das 2:0 im Derby gegen Bir­mingham City. Die Fans sind gera­dezu aus­ge­rastet, ein abso­luter Gän­se­h­aut­mo­ment. Oder das Tor gegen Cottbus am letzten Spieltag der Meis­ter­saison. Das war auch noch ein richtig schönes Tor! Dann weißt du: Es hat sich alles gelohnt.

Und was war am Schlimmsten?

Das letzte halbe Jahr in Stutt­gart. Gerade weil ich als Kapitän ganz vorn stand. Die Presse, die Fans, alle wollten wissen, warum es nicht lief. Und ich musste Ant­worten geben – ohne sie genau zu kennen. Sonst hätte ich sie ja auf dem Platz gegeben.

Wie nah sind Ihnen die Fans auf die Pelle gerückt?
Wurden Sie mor­gens beim Bäcker beschimpft?

Bröt­chen habe ich nur noch online bestellt (lacht). Nein, die meisten Fans sind, zumin­dest in der direkten Begeg­nung, sehr höf­lich. Doch als wir im Pokal gegen Fürth raus­ge­flogen waren, rief die füh­rende Ultra­grup­pie­rung Com­mando Cann­statt“ an und ver­langte: Wir wollen den Manager und den Kapitän spre­chen!“ Auf Geheiß des Pres­se­spre­chers sind wir dann in dieses Klub­heim gefahren.

Muss gut ankommen, wenn die Stars so viel Volks­nähe zeigen.

Ich war auf eine eher lockere, gesel­lige Atmo­sphäre ein­ge­stellt. Doch dann kamen wir in einen fins­teren Keller, dort saßen an die 30 Leute, keiner hat Alkohol getrunken, keiner hat geraucht. Es war total ruhig und gleich­zeitig aggressiv. Und dann kam es: Warum bist du ges­tern nicht gelaufen? Wie sollen wir noch Hoff­nung haben? Was macht ihr, wenn wir nicht mehr ins Sta­dion kommen?“

Was haben Sie ent­gegnet?

Ich habe ver­sucht, den Gemein­schafts­sinn anzu­spre­chen: Wir brau­chen euch, sonst haben wir keine Chance gegen die Bayern.“ Und ich habe zuge­sagt, dass wir nach den Spielen in die Kurve gehen, um uns zu bedanken. Ich weiß, wie schnell sich so eine Geste ver­braucht. Aber in dem Fall war es richtig.

Sie ver­wei­gern sich popu­lis­ti­schen Aus­sagen. Im Cann­statter Keller mussten Sie aber Dinge sagen, die man hören wollte.


Ganz so war es nicht. Die Ultras sind ja keine Hohl­köpfe, son­dern hoch­enga­gierte Fans, die ein Recht auf den Dialog haben. Ich habe ver­sucht, meine Sicht der Dinge dar­zu­legen. Und im Laufe der 90 Minuten, die wir dort waren, wurden einige der Anwe­senden auch ver­söhn­li­cher. Nur einer, aus­ge­rechnet der, der direkt neben mir saß, war nicht zu beru­higen. Ich konnte sagen, was ich wollte – er wäre mir am liebsten an die Gurgel gegangen.

Die Ultras haben durch Bus­blo­ckaden und ben­ga­li­sche Feuer einen Druck erzeugt, der die Ver­eins­ver­ant­wort­li­chen zu irra­tio­nalen Ent­schei­dungen ver­leitet hat. Ein Bären­dienst.

Horst Heldt und der Vor­stand waren ent­schlossen, an Markus Babbel fest­zu­halten und damit auch ein Zei­chen gegen diesen Trend zu setzen, Trainer reflex­artig zu ent­lassen. Doch im Herbst wurde die Atmo­sphäre so heiß, dass es nicht mehr ging. Da sieht man die Macht der Fans. Sie wollen nicht als Leute wahr­ge­nommen werden, die in der Kurve stehen und dummes Zeug reden. Sie wollen mit­be­stimmen.

Wün­schen Sie sich manchmal, Fuß­ball unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit zu spielen?

Nein. Das würde bedeuten, kom­plett auf Emo­tionen zu ver­zichten. Auch als wir mit dem VfB am Tabel­len­ende fest­saßen, sind die Leute ins Sta­dion gekommen. Sie haben zwar gepfiffen, aber wenn nie­mand mehr da wäre – das wäre dann doch wesent­lich schlimmer.

Als wir Sie vorhin nach den schönsten Momenten Ihrer Kar­riere fragten, haben Sie die WM 2006 gar nicht erwähnt.

Es war nicht beson­ders ange­nehm für mich, das gesamte Tur­nier von der Bank aus zu ver­folgen. Rund­herum freuten sich alle, sechs Wochen lang herrschte die totale Har­monie. Man will ja auch kein Mie­se­peter sein. Aber es war schon anstren­gend.

Haben Sie Angst, dass Sie in die Geschichte ein­gehen als der­je­nige, der das Zeug hatte, aber es nie ganz gepackt hat?

Ich wurde schon damals bei der WM 2006 gefragt, ob ich der neue Günter Her­mann sei. Dabei habe ich schon 51 Län­der­spiele gemacht! Viel­leicht nimmt man das nicht so wahr, weil ich nicht der Typ Schrei­hals bin. Aber das werde ich bestimmt nicht ändern.