Seite 3: „Wir haben es echt gelebt“

Wie haben Sie eigent­lich den Fuß­ball­lehrer-Lehr­gang erlebt?
Das war ein­fach eine geile Zeit. Wir hatten eine sehr gute Gruppe mit Marco Rose, Flo­rian Koh­feldt oder Rüdiger Rehm. 

Dabei besitzt dieser Lehr­gang ja den Ruf, dass er den Fuß­ball aka­de­mi­siert.
Für mich waren das zehn inten­sive Monate. Ich habe viel im struk­tu­rellen Bereich gelernt. Damals war Frank Wormuth noch der Leiter. Ich kann nur sagen: Toller Lehr­gang.

Bevor Sie nach Pader­born kamen, haben Sie in Ros­tock, Mag­de­burg und beim Ber­liner AK trai­niert. Alle­samt Ost-Ver­eine… 
Ne, stop! Der Ber­liner AK kommt aus Moabit. Also aus dem Westen. 

Stimmt. Aber geo­gra­phisch gesehen: Eher Ost­deutsch­land.
Klar, hat ja auch keinen Unter­schied gemacht. Meine Kar­riere hat sich größ­ten­teils im Osten abge­spielt. Aber das ist auch eine Frage von Angebot und Nach­frage. Als ich begonnen habe, gab es für mich nur die DDR. Dann kam die Bun­des­re­pu­blik hinzu und später Europa. Wer sich heute über den Fuß­ball unter­hält, meint den ganzen glo­balen Markt. Das hat also mit Osten und Westen nichts zu tun. 

Machen Sie selbst eigent­lich noch einen Unter­schied zwi­schen Ost- und West-Fuß­ball? 
Nicht zwi­schen dem Fuß­ball, aber ich glaube schon, dass es Unter­schiede zwi­schen den neuen und alten Bun­des­län­dern gibt. Schauen Sie, West­deutsch­land wird immer in Bun­des­länder unter­teilt. Der Osten ist hin­gegen immer die DDR“. Es gibt keine Tren­nung zwi­schen Ost und West, aber schon noch Unter­schiede – und an denen wird zu wenig gear­beitet. 

Sie sind im April 2017 hier rüber… 
Eben nicht! Ich bin nicht rüber“. Ich bin nach Pader­born gegangen. 

Der Verein war zu diesem Zeit­punkt am Boden. Nach den Erfolgs­jahren stand der SC vor dem Abstieg in die Regio­nal­liga. Was haben Sie hier am ersten Tag vor­ge­funden? 
Wichtig war das Spiel im West­fa­len­pokal gegen Sprock­hövel. Das war gleich an meinem zweiten Tag, da sind wir in der Ver­län­ge­rung wei­ter­ge­kommen und haben nicht gut gespielt – kurzum: Es war das Beste, was mir pas­sieren konnte. Danach konnten wir in eine ganz nor­male Ana­lyse gehen und erstmal jedem Spieler auf­zeigen, welche Fehler er macht und was er besser machen kann. 

Was für Fehler waren das?
Es lag ja nicht daran, dass sie etwas nicht konnten, es waren reine Kopf­ge­schichten. Und des­halb haben wir uns in den ersten Wochen auf die ein­fa­chen Dinge kon­zen­triert: Lauf­be­reit­schaft, Men­ta­lität, Kampf. Dann haben wir wei­tere Spiele gewonnen. 

Wie funk­tio­niert das? 
Das Wich­tigste war, dass sich die Jungs ver­traut haben.

Aber es ist doch ein schmaler Grat zwi­schen der For­de­rung, dass sich mental etwas ändern muss und reinen Lip­pen­be­kennt­nissen. Wie hält man da die Balance?
Spieler wie Chris­tian Stroh­dieck, Thomas Ber­tels oder Michael Rata­jczak sind richtig gute Fuß­baller. Die haben etwas vor­zu­weisen. Aber wenn die Woche für Woche auf die Fresse kriegen, so deut­lich muss man das sagen, gibt es irgend­wann nie­manden mehr, der sagt: Ich halte das Gesicht noch einmal hin. Des­halb habe ich gesagt, dass wir alles auf Null stellen. Was zählte, was nur noch das, was wir errei­chen konnten. Und ich habe den Jungs gesagt: Wenn ihr unsi­cher seid, schaut zu mir an den Sei­ten­rand. Solange ich positiv bin, solange ich pushe, ist alles gut. Und mit den ersten Erfolgen kam dann auch die Sicher­heit zurück.

Wann hat sich das zum ersten Mal aus­ge­zahlt?
Gegen For­tuna Köln am 35. Spieltag 2016/17. Das war erst mein zweites Liga­spiel und wir standen auf einem Abstiegs­platz. Nach 90 Minuten stand es 0:0, wir waren ein Mann weniger und dann zog Aykut Soyak ein­fach mal ab, der Ball ging in den Giebel – Tor des Monats! Danach kam Thommy Ber­tels zu mir und meinte: Trainer, wenn Sie nicht da wären, hätten wir zu dem Zeit­punkt schon 0:3 zurück­ge­legen.“ Dann hätte uns dieses Traumtor gar nichts mehr genutzt. Das war der Unter­schied. Die Jungs haben noch nicht viel besser Fuß­ball gespielt, aber sich gewehrt.

Und dann? 
Haben wir häufig knapp gewonnen. Wir haben zu der Zeit nie­manden an die Wand gespielt. Aber wir haben uns in alles rein­ge­worfen. Wir haben es echt gelebt.