Seite 2: „Der macht uns kaputt!“

Hätte es Ihnen viel bedeutet, für die Natio­nalelf zu spielen?
Defi­nitiv. So eine Beru­fung gibt dem Selbst­ver­trauen einen enormen Push. Die Natio­nalelf kann einen Profi enorm beflü­geln. Denn die Wahr­neh­mung eines Spie­lers poten­ziert sich, sodass sich auch für eine Kar­riere nochmal ganz neue Mög­lich­keiten eröffnen.

Nach der sehr erfolg­rei­chen Zeit in Frank­furt kün­digten Sie im Sommer 2007 ihren Wechsel zum FC Schalke 04 an.
Ich wollte den nächsten Schritt gehen und nicht mit ver­deckten Karten spielen. Also gab ich meinen Abschied bekannt, was mir einige krumm nahmen. Dann konnten sich die Klubs nicht auf die Ablö­se­summe einigen, was meinen Wechsel noch bis zum Winter ver­zö­gerte. Als ich end­lich auf Schalke ankam, hatte ich mit Menis­kus­pro­blemen zu kämpfen, was den Start erschwerte. Zudem war die ganze Situa­tion sehr ver­worren.

Sie meinen die stän­digen Trai­ner­wechsel.
Mirko Slomka ver­ließ den Verein, dann kam inte­rims­mäßig Mike Büs­kens, gefolgt von Fred Rutten. Dar­über hinaus wurden ständig neue Spieler im offen­siven Bereich geholt: Jef­ferson Farfan und Kevin Kuranyi waren gesetzt, es gab Ivan Rakitic, Vicente San­chez, Peter Löven­krands – eine ganze Reihe sehr guter Spieler, die um ein, zwei Posi­tionen kon­kur­rierten.

Sie ließen sich also zum HSV aus­leihen. Auch dort fanden Sie nicht zurück in die Spur?
Ich war mental nicht stabil in dieser Phase. Vor Schalke hatte ich mir nie Gedanken gemacht, was die Leute auf der Tri­büne denken könnten. Ich habe ein­fach laufen gelassen, hatte immer Lust zu spielen, am liebsten vor aus­ver­kauftem Haus. Aber in Schalke fing der Kopf an zu arbeiten. Ich machte mir immer mehr Gedanken, was pas­siert, wenn ich den Ball ver­liere. In Ham­burg fühlte ich mich eigent­lich sehr wohl, aber ich habe zu sehr zurück­ge­zogen.

Im Sommer 2009 kehrten Sie nach Schalke zurück. Warum haben Sie sich nicht nach einem neuen Klub umge­sehen?
Ich hatte zuvor eine viel­ver­spre­chende Anfrage gehabt, aber Schalkes Manager, Andreas Müller, wollte mich nicht gehen lassen. Der Ver­trag wäre auf­ge­löst worden – und ich hätte nie­manden auf der Tasche gelegen. Kurz darauf kam Felix Magath und ich fand mich bei den Ama­teuren wieder.

Magath sagte, er habe bei Ihnen die Ein­stel­lung ver­misst.
Zu dieser Beur­tei­lung kam er inner­halb weniger Wochen. Anfangs hatte er sich sehr positiv über mich geäu­ßert und ich war bei ihm auch regel­mäßig im Bun­des­liga-Kader.

Was war das Pro­blem zwi­schen Magath und Ihnen?
Bei einem Trainer wie Felix Magath fällt es jedem schwer, das zu tun, was er ver­langt. Es gab Spieler, die nach dem Trai­ning sagten: Das geht so nicht weiter, der macht uns kaputt.“ Aber sie waren auch so clever, der Presse zu erzählen, wie fit er uns gemacht hatte. Damit hatte ich Pro­bleme.

Sie bekamen in dieser Phase auch ein Angebot vom FC Augs­burg?
Felix Magath sagte, wenn ich woan­ders spielen wolle, müsste ich auf Geld ver­zichten. Das sah ich nicht ein. Ich war fast 30, es war klar, dass ich nie mehr so viel Geld ver­dienen würde wie mir der Vier-Jahres-Ver­trag auf Schalke garan­tierte.

In einem Inter­view sagten Sie: Ich habe den besten Ver­trag meines Lebens unter­schrieben. Wer ver­zichtet schon auf so viel Geld?“ In einem emo­tio­nalen Milieu wie dem Fuß­ball keine For­mu­lie­rung, die bei Fans beson­ders gut ankommt.
Ich erin­nere mich bis heute, wie ich den Tele­fon­hörer nach dem Gespräch mit dem Jour­na­listen auf­legte. Keine Frage: Den Satz hätte ich anders for­mu­lieren müssen.

Ab dieser Aus­sage waren Sie als Abzo­cker“ gebrand­markt.
Mein Vater hat oft gesagt: Albert, ver­such ein biss­chen diplo­ma­ti­scher zu sein.“ Aber so war ich schon als Kind, wenn ich von etwas über­zeugt, war es schwer, mich von meiner Mei­nung abzu­bringen. Ich habe mir noch wochen­lang den Kopf zer­bro­chen, wie ich es hätte for­mu­lieren sollen, aber ich kam immer wieder zu der­selben Über­zeu­gung: In der Sache lag ich richtig.

Bereuen Sie es?
Es waren zwei Sätze, ich kann die Zeit nicht zurück drehen. Wenn die Leute mich in zwanzig Jahren immer noch damit ver­bringen, kann ich nichts daran ändern.

Wann ist Ihnen das Ausmaß Ihrer Aus­sage bewusst geworden?
Die Zeit danach war die schwie­rigste in meinem Leben. Als ich für die Schalke-Ama­teure gegen Waldhof Mann­heim auf­lief, wurde ich behan­delt wie Frei­wild.

Schalke-Fans spuckten Sie an, einige sollen sogar ver­sucht haben, von der Tri­büne auf Sie zu uri­nieren.
Letz­teres habe ich erst im Nach­hinein gehört. Ange­spuckt zu werden, finde ich per­sön­lich schlimmer, als von jemandem geschlagen zu werden. In dieser Situa­tion habe ich jeg­liche Rücken­de­ckung ver­misst. Fans ver­gessen manchmal, dass Fuß­ball immer noch ein Spiel ist, etwas, bei dem es nicht um Leben und Tod geht.

Felix Magath sagte später sinn­gemäß, das mit dem Spu­cken sei nicht gut gewesen, aber gene­rell könne er die Reak­tion der Fans ver­stehen.
Die Bou­le­vard­presse sta­chelte die Situa­tion noch an, indem vor dem Waldhof-Spiel eine Schlag­zeile erschien. Tenor: Der größte Abzo­cker der Liga spielt am Wochen­ende bei den Ama­teuren.“ Das hat die Leute noch mehr auf­ge­heizt.

Wie gingen Sie mit der Situa­tion um?
Bis heute frage ich mich, wie sich Men­schen fühlen, die so etwas schreiben und damit einen anderen zum Abschuss frei­geben. Überall, wo ich damals auf­ge­taucht bin, wurde ich ange­pö­belt. In dieser schweren Zeit hat mir meine Frau sehr geholfen.

Die Schalke-Ära ver­setzte Ihrer hoff­nungs­vollen Lauf­bahnen einen nach­hal­tigen Knick. Danach waren Sie der Abzo­cker“, der Auf­rüher“, der Faul­pelz“ Albert Streit.
Mein Ruf ist in dieser Zeit den Bach runter gegangen. Zur Frank­furter Zeit tru­delten ständig Ange­bote ein, die Kölner und Frank­furter hätten gerne mit mir ver­län­gert. Aber nach Schalke hielten sich die meisten Ver­eine zurück. Es gab Klubs, die glaubten auf­grund der Bericht­erstat­tung, ich würde auf irgend­je­manden los­gehen. Andere fürch­teten, die Fans würden auf die Bar­ri­kaden gehen, wenn ich ver­pflichtet würde. 

Gab es keine Ange­bote aus dem Aus­land?
Das kam für mich nicht in Frage. Wir hatten ange­fangen, in Köln ein Haus zu bauen, ich war froh, dass wir nach all den Jahren ein Zuhause gefunden hatten.

Wo tragen Sie eine Mit­schuld an Ihrem ram­po­nierten Image?
Ich habe mich überall, wo ich gespielt habe, immer voll rein­ge­hängt. Mal ehr­lich: Wie habe ich sonst den Sprung zu einem Top-Klub wie Schalke 04 geschafft? Durch Faul­heit? Das passt doch nicht zusammen. Sie werden außer Magath keinen Coach finden, der sagt, dass ich nicht bereit sei, hart zu trai­nieren.