Albert Streit, sind Sie ein zufrie­dener Mensch?
Ich denke schon.

Auch wenn Sie über Ihre Kar­riere als Profi nach­denken?
Natür­lich mache ich mir Gedanken, was ich hätte anders machen können. Wenn ich am Wochen­ende Spiele schaue, wenn ich die Jungs sehe, die heute Welt­meister sind, mit oder gegen die ich früher gespielt habe, denke ich auch dar­über nach, ob ich mehr hätte errei­chen können. Aber es ist eine Kunst, mit dem zufrieden zu sein, was man hat.

Gelingt Ihnen das?
Ich kam kurz nach der Geburt mit meinen Eltern aus Rumä­nien. Wir hatten fast nichts, als wir im Aus­sied­ler­heim bei Nürn­berg ankamen. Dass ich mir heute ein Haus leisten kann, Bun­des­liga gespielt habe und ein Leben im Wohl­stand führe, ist mehr, als ein Mensch vom Leben erwarten darf.

Haben Sie den­noch eine Erklä­rung, warum sind Sie bei vielen Klubs im Unfrieden geschieden?
Ich bin ein ehr­gei­ziger Mensch. Wenn ich von etwas über­zeugt bin, ver­suche ich meinen Kopf durch­zu­setzen und neige zur Stur­heit. Und dann ist es mir egal, ob ich einen Mit­spieler, den Trainer oder den Vor­stands­chef vor mir habe.

Was im Fuß­ball­ge­schäft nicht immer ratsam ist.
Im Nach­hinein wäre es sicher schlauer gewesen, meine Gedanken nicht immer auf der Zunge zu tragen. Ich habe oft Dinge aus­ge­spro­chen, die andere nur gedacht haben.

An wel­cher Stelle wurde Ihnen das erst­mals bewusst?
Am 33. Spieltag der Saison 2005/06 ver­loren wir mit dem 1.FC Köln mit 0:6 in Bremen. Auf der Rück­fahrt rief Manager Michael Meier im Bus an und for­derte uns Spieler auf, wir sollten den Aus­wärts­fans wegen der miesen Leis­tung die Fahrt bezahlen. Gerade für die jungen Profis wäre das mit enormen finan­zi­ellen Auf­wen­dungen ver­bunden gewesen.

Sie ent­schieden sich dagegen.
Alle 18 Spieler im Bus spra­chen sich spontan dagegen aus. Wir beschlossen, eine andere Aktion für einen guten Zweck zu ver­an­stalten. Bis zum nächsten Morgen waren wir uns alle einig, aber als wir nach dem Aus­laufen im Büro des Mana­gers antreten mussten, war ich plötz­lich der Ein­zige, der sich wei­gerte, dem Wunsch des Mana­gers nach­zu­kommen. Im Bei­sein des Mana­gers erin­nert sich keiner mehr an unsere Ver­ab­re­dung.

Im August 2007 ver­scherzten Sie es sich in einem Inter­view mit dem Bun­des­trainer, als Sie nach einem Freund­schafts­spiel, für das Sie trotz starker Leis­tungen nicht nomi­niert waren, zu Pro­to­koll gaben: In Eng­land haben viele Spieler gefehlt, ich war trotzdem nicht dabei. Das hat mir gezeigt, dass ich dort nicht gebraucht werde und meine Leis­tungen nicht aner­kannt werden.“ Ein Fehler?
Sicher, aber ich war unge­duldig. Bei Ein­tracht Frank­furt hatte ich eine Super­saison gespielt. Ich war über­zeugt, wenn es jetzt nicht mit der Natio­nalelf klappt, wird es nichts mehr.

Sie waren Teil des Team 2006“, der Nach­wuchs­of­fen­sive des DFB vor der WM in Deutsch­land gewesen.
Im Mai 2006 saß ich gerade beim Fri­seur, als Oliver Bier­hoff anrief. Es war kurz vor der Bekannt­gabe des WM-Kaders. Bier­hoff sagte, es würde jetzt noch nicht für die Nomi­nie­rung rei­chen, aber ich könne mich darauf ver­lassen, man hätte mich im Auge. Wenn ich so wei­ter­machte wie bisher, so Bier­hoff, würde ich meine Chance bekommen.

Im Kicker-Ran­king lan­deten Sie 2007 in der Kate­gorie Außen­bahn offensiv“ vor Bas­tian Schwein­s­teiger und Kevin Prince Boateng.
Aber wieder bekam ich keine Ein­la­dung. Das ent­täuschte mich. So kam es zu der Aus­sage, die ich mir im Nach­hinein ohne Frage hätte sparen können. Dann hätte es viel­leicht doch noch irgend­wann geklappt. Even­tuell war ich aber ein­fach nicht gut genug?

Meinen Sie das ernst?
Ich habe mir letzte Woche nach langer Zeit mal ein altes Spiel von mir mit dem FC ange­sehen – auf VHS-Cas­sette. Hin­terher habe ich zu meiner Frau gesagt: So schlecht, wie manche behaupten, war ich gar nicht.“ (Lacht.)

Hätte es Ihnen viel bedeutet, für die Natio­nalelf zu spielen?
Defi­nitiv. So eine Beru­fung gibt dem Selbst­ver­trauen einen enormen Push. Die Natio­nalelf kann einen Profi enorm beflü­geln. Denn die Wahr­neh­mung eines Spie­lers poten­ziert sich, sodass sich auch für eine Kar­riere nochmal ganz neue Mög­lich­keiten eröffnen.

Nach der sehr erfolg­rei­chen Zeit in Frank­furt kün­digten Sie im Sommer 2007 ihren Wechsel zum FC Schalke 04 an.
Ich wollte den nächsten Schritt gehen und nicht mit ver­deckten Karten spielen. Also gab ich meinen Abschied bekannt, was mir einige krumm nahmen. Dann konnten sich die Klubs nicht auf die Ablö­se­summe einigen, was meinen Wechsel noch bis zum Winter ver­zö­gerte. Als ich end­lich auf Schalke ankam, hatte ich mit Menis­kus­pro­blemen zu kämpfen, was den Start erschwerte. Zudem war die ganze Situa­tion sehr ver­worren.

Sie meinen die stän­digen Trai­ner­wechsel.
Mirko Slomka ver­ließ den Verein, dann kam inte­rims­mäßig Mike Büs­kens, gefolgt von Fred Rutten. Dar­über hinaus wurden ständig neue Spieler im offen­siven Bereich geholt: Jef­ferson Farfan und Kevin Kuranyi waren gesetzt, es gab Ivan Rakitic, Vicente San­chez, Peter Löven­krands – eine ganze Reihe sehr guter Spieler, die um ein, zwei Posi­tionen kon­kur­rierten.

Sie ließen sich also zum HSV aus­leihen. Auch dort fanden Sie nicht zurück in die Spur?
Ich war mental nicht stabil in dieser Phase. Vor Schalke hatte ich mir nie Gedanken gemacht, was die Leute auf der Tri­büne denken könnten. Ich habe ein­fach laufen gelassen, hatte immer Lust zu spielen, am liebsten vor aus­ver­kauftem Haus. Aber in Schalke fing der Kopf an zu arbeiten. Ich machte mir immer mehr Gedanken, was pas­siert, wenn ich den Ball ver­liere. In Ham­burg fühlte ich mich eigent­lich sehr wohl, aber ich habe zu sehr zurück­ge­zogen.

Im Sommer 2009 kehrten Sie nach Schalke zurück. Warum haben Sie sich nicht nach einem neuen Klub umge­sehen?
Ich hatte zuvor eine viel­ver­spre­chende Anfrage gehabt, aber Schalkes Manager, Andreas Müller, wollte mich nicht gehen lassen. Der Ver­trag wäre auf­ge­löst worden – und ich hätte nie­manden auf der Tasche gelegen. Kurz darauf kam Felix Magath und ich fand mich bei den Ama­teuren wieder.

Magath sagte, er habe bei Ihnen die Ein­stel­lung ver­misst.
Zu dieser Beur­tei­lung kam er inner­halb weniger Wochen. Anfangs hatte er sich sehr positiv über mich geäu­ßert und ich war bei ihm auch regel­mäßig im Bun­des­liga-Kader.

Was war das Pro­blem zwi­schen Magath und Ihnen?
Bei einem Trainer wie Felix Magath fällt es jedem schwer, das zu tun, was er ver­langt. Es gab Spieler, die nach dem Trai­ning sagten: Das geht so nicht weiter, der macht uns kaputt.“ Aber sie waren auch so clever, der Presse zu erzählen, wie fit er uns gemacht hatte. Damit hatte ich Pro­bleme.

Sie bekamen in dieser Phase auch ein Angebot vom FC Augs­burg?
Felix Magath sagte, wenn ich woan­ders spielen wolle, müsste ich auf Geld ver­zichten. Das sah ich nicht ein. Ich war fast 30, es war klar, dass ich nie mehr so viel Geld ver­dienen würde wie mir der Vier-Jahres-Ver­trag auf Schalke garan­tierte.

In einem Inter­view sagten Sie: Ich habe den besten Ver­trag meines Lebens unter­schrieben. Wer ver­zichtet schon auf so viel Geld?“ In einem emo­tio­nalen Milieu wie dem Fuß­ball keine For­mu­lie­rung, die bei Fans beson­ders gut ankommt.
Ich erin­nere mich bis heute, wie ich den Tele­fon­hörer nach dem Gespräch mit dem Jour­na­listen auf­legte. Keine Frage: Den Satz hätte ich anders for­mu­lieren müssen.

Ab dieser Aus­sage waren Sie als Abzo­cker“ gebrand­markt.
Mein Vater hat oft gesagt: Albert, ver­such ein biss­chen diplo­ma­ti­scher zu sein.“ Aber so war ich schon als Kind, wenn ich von etwas über­zeugt, war es schwer, mich von meiner Mei­nung abzu­bringen. Ich habe mir noch wochen­lang den Kopf zer­bro­chen, wie ich es hätte for­mu­lieren sollen, aber ich kam immer wieder zu der­selben Über­zeu­gung: In der Sache lag ich richtig.

Bereuen Sie es?
Es waren zwei Sätze, ich kann die Zeit nicht zurück drehen. Wenn die Leute mich in zwanzig Jahren immer noch damit ver­bringen, kann ich nichts daran ändern.

Wann ist Ihnen das Ausmaß Ihrer Aus­sage bewusst geworden?
Die Zeit danach war die schwie­rigste in meinem Leben. Als ich für die Schalke-Ama­teure gegen Waldhof Mann­heim auf­lief, wurde ich behan­delt wie Frei­wild.

Schalke-Fans spuckten Sie an, einige sollen sogar ver­sucht haben, von der Tri­büne auf Sie zu uri­nieren.
Letz­teres habe ich erst im Nach­hinein gehört. Ange­spuckt zu werden, finde ich per­sön­lich schlimmer, als von jemandem geschlagen zu werden. In dieser Situa­tion habe ich jeg­liche Rücken­de­ckung ver­misst. Fans ver­gessen manchmal, dass Fuß­ball immer noch ein Spiel ist, etwas, bei dem es nicht um Leben und Tod geht.

Felix Magath sagte später sinn­gemäß, das mit dem Spu­cken sei nicht gut gewesen, aber gene­rell könne er die Reak­tion der Fans ver­stehen.
Die Bou­le­vard­presse sta­chelte die Situa­tion noch an, indem vor dem Waldhof-Spiel eine Schlag­zeile erschien. Tenor: Der größte Abzo­cker der Liga spielt am Wochen­ende bei den Ama­teuren.“ Das hat die Leute noch mehr auf­ge­heizt.

Wie gingen Sie mit der Situa­tion um?
Bis heute frage ich mich, wie sich Men­schen fühlen, die so etwas schreiben und damit einen anderen zum Abschuss frei­geben. Überall, wo ich damals auf­ge­taucht bin, wurde ich ange­pö­belt. In dieser schweren Zeit hat mir meine Frau sehr geholfen.

Die Schalke-Ära ver­setzte Ihrer hoff­nungs­vollen Lauf­bahnen einen nach­hal­tigen Knick. Danach waren Sie der Abzo­cker“, der Auf­rüher“, der Faul­pelz“ Albert Streit.
Mein Ruf ist in dieser Zeit den Bach runter gegangen. Zur Frank­furter Zeit tru­delten ständig Ange­bote ein, die Kölner und Frank­furter hätten gerne mit mir ver­län­gert. Aber nach Schalke hielten sich die meisten Ver­eine zurück. Es gab Klubs, die glaubten auf­grund der Bericht­erstat­tung, ich würde auf irgend­je­manden los­gehen. Andere fürch­teten, die Fans würden auf die Bar­ri­kaden gehen, wenn ich ver­pflichtet würde. 

Gab es keine Ange­bote aus dem Aus­land?
Das kam für mich nicht in Frage. Wir hatten ange­fangen, in Köln ein Haus zu bauen, ich war froh, dass wir nach all den Jahren ein Zuhause gefunden hatten.

Wo tragen Sie eine Mit­schuld an Ihrem ram­po­nierten Image?
Ich habe mich überall, wo ich gespielt habe, immer voll rein­ge­hängt. Mal ehr­lich: Wie habe ich sonst den Sprung zu einem Top-Klub wie Schalke 04 geschafft? Durch Faul­heit? Das passt doch nicht zusammen. Sie werden außer Magath keinen Coach finden, der sagt, dass ich nicht bereit sei, hart zu trai­nieren.

Trotz des Eklats im Waldhof-Match spielten Sie weiter bei den Schalker Ama­teuren.
Ich hatte mich damit abge­funden, nie mehr im Pro­fi­be­reich zu spielen. Ich wollte ein­fach nur kicken – und mir keine Gedanken mehr machen. Aber dann kamen neue Nacken­schläge. Der U23-Trainer Michael Boris, der mich zum Kapitän machen wollte, ver­ließ den Verein. Sein Nach­folger nahm mich trotz guter Leis­tungen aus der Mann­schaft – er hatte wohl Anwei­sungen von oben – und es gab einige unschöne Aktionen. 

Was meinen Sie?
Wäh­rend die Mann­schaft auf dem Platz trai­nierte, wurde ich auf die Aschen­bahn zum Laufen geschickt. Ein anderes Mal hieß es, ich solle meine Lauf­schuhe anziehen und als ich darin ankam, wurde ich ange­mault, warum ich keine Fuß­ball­schuhe tragen würde.

Am Ende sollen Sie zu Boris’ Nach­folger Bern­hard Trares gesagt haben: Fick Dich“.
Das habe ich nie gesagt, diese Aus­sage wurde auch vor Gericht ver­han­delt. Keiner der befragten Zeugen konnte das bestä­tigen.

Aber sowas wird doch nicht erfunden?
In meiner Erin­ne­rung habe ich mit einem Mit­spieler nach der Ein­heit ein Tor vom Platz getragen – und einige junge Kol­legen darauf hin­ge­wiesen, dass ich es in Ord­nung fände, wenn sie uns helfen würden. Die waren auch sofort ein­ver­standen. Da war der Trainer gar nicht dabei. Am nächsten Tag hieß es: Albert, du sollst zu Horst Heldt kommen.“. Ich dachte, es ginge viel­leicht um ein neues Angebot. Aber Heldt teilte mir nur mit, dass ich frei­ge­stellt sei.

Darauf hatten Sie doch spe­ku­liert. Eine Frei­stel­lung garan­tiert schließ­lich die Fort­zah­lung des Lohns.
Als mein Berater sich die Frei­stel­lung schrift­lich geben lassen wollte, hieß es, ich hätte etwas falsch ver­standen: Ich sei nicht frei­ge­stellt, son­dern fristlos gekün­digt. Danach kam die Sache vor Gericht.

Eine trau­ma­ti­sche Erfah­rung, oder?
Ich habe es als sehr unge­recht emp­funden. Am Ende war ich froh, als wir den Ver­gleich geschlossen hatten. Ich war psy­chisch ziem­lich ange­schlagen.

Sie wurden die Seuche nicht los. Fried­helm Funkel holte Sie zu Ale­mannia Aachen in die zweiten Liga…
wo ich eine wun­der­bare Zeit erlebte, weil die Leute sich dort nicht beirren ließen. Sie haben mich von Beginn an nach Leis­tung beur­teilt.

Am Ende der Saison 2011/12 aber stieg die Ale­mannia ab und war bald darauf insol­vent. Auch Ihre Zeit bei Vik­toria Köln ab Januar 2013 in der vierten Liga war von Miss­ge­schi­cken begleitet. Bei einem Match gegen die U23 des VfL Bochum wurden Sie im Kabi­nen­gang in der Halb­zeit vom Platz gestellt, weil Sie angeb­lich Fabian Götze eine Ohr­feige ver­passt hatten. Das Sport­ge­richt sperrte Sie für vier Monate.
Ich kann nur sagen: Ich habe ihm keine gelangt!

Wie war es denn?
Es gab ein Gerangel, aber ich habe ihm keine gelangt. Ich gebe zu, dass ich die vierte Liga unter­schätzt habe.

Spie­le­risch?
Nein, nicht fuß­bal­le­risch, son­dern die Umgangs­formen. Schon in Aachen gab es wesent­lich mehr auf die Socken in der Bun­des­liga. Manchmal kam es mir vor, als würden die Spieler – viel­leicht auch wegen meines Rufs – regel­recht Jagd auf mich machen. Ich wurde da von den Schieds­rich­tern wenig geschützt. In der Regio­nal­liga wurde es noch unan­ge­nehmer. Was ich mir da teil­weise von 18-jäh­rigen Gegen­spie­lern anhören musste, war unglaub­lich.

War das der Aus­löser?
Gegen den VfL Bochum lagen wir zur Halb­zeit schon mit 0:2 hinten, was nicht unbe­dingt zu guter Laune bei mir bei­trug. Auf dem Weg in die Kabine kamen wei­tere Sprüche von einem Jung­spund, da habe ich dem natür­lich Kontra gegeben. Götze hat sich dann ein­ge­mischt und mich ange­fasst. Dann gab es ein Gerangel – aber nochmal: Geschlagen habe ich ihn nicht.

Am Ende wurden Sie bei Vik­toria ent­lassen, weil Sie nicht mit Pelé Wol­litz zurecht gekommen sind.
Auch das stimmt so nicht. Wol­litz hat mir mehr­fach gesagt, dass er nicht ver­stehen könne, dass ein Spieler mit meinen Qua­li­täten nicht wenigs­tens einen Klub in der zweiten Liga findet. Eines Tages aber hatten wir ein Trai­nings­spiel, in der Schluss­phase flog der Ball aufs Tor, es sah aus, als wenn er rein­gehen würde. Doch genau in dem Moment pfiff Wol­litz das Spiel ab. Hätte er zwei Sekunden länger spielen lassen, hätte unser Team das Match gewonnen. Da habe ich wortlos abge­wunken. Mehr nicht. Aber Wol­litz ging sofort hoch: Was denkst Du Dir? Du glaubst wohl, Du bist hier der große Star.“ Und wieder konnte ich meinen Mund nicht halten und ant­wor­tete: Ich glaube, du denkst, Du bist hier der Star.“ Das war’s. Eine Lap­palie. Am nächsten Tag wurde mir mit­ge­teilt, dass ich gehen könne.

Albert Streit, wieso geht es immer wieder daneben?
Ich weiß es nicht, wahr­schein­lich ziehe ich den Ärger auch an. Klar, dass die Medien auch diese Aktion wieder hoch­spielten, ohne hinter die Details zu recher­chieren. Ich kann nur sagen: Der Satz auf Schalke damals, der war unbe­dacht. Aber in allen anderen Fällen habe ich mir nichts vor­zu­werfen.

Waren Sie schon in der Jugend ein kom­pli­zierter Fall für Ihre Trainer?
Nein, damals war ich eher ein Ein­zel­gänger. Alles drehte sich um Fuß­ball für mich. Nachdem wir zwei Mal mit dem VfB Stutt­gart Deut­scher Jugend­meister geworden waren, ging es mir nur um eins: Ich wollte den Sprung zu den Profis schaffen.

Dafür ent­schieden Sie sich schon als 17-Jäh­riger für einen Ver­eins­wechsel.
Ich war mir immer bewusst, dass die Kar­riere schnell zu Ende sein kann. Als das Angebot der Ein­tracht kam, habe ich sofort zuge­griffen, weil ich nicht wusste, ob es immer so wei­ter­geht.

Dort machten Sie neben dem Fuß­ball eine Aus­bil­dung in der Hen­ninger Brauerei zum Indus­trie­kauf­mann.
Meiner Mutter war es sehr wichtig, dass ich mehr­gleisig fahre und nach der Mitt­leren Reife auch einen nor­malen Beruf lerne. Aber ganz ehr­lich: Den Schein habe ich mit Ach und Krach bekommen. Die Prüfer haben mehr als ein Auge zuge­drückt. (Lacht.)

Sie sagten damals, Sie hätten anfangs nicht ver­standen, dass Pro­fitum harte Arbeit bedeutet.
In der A‑Jugend war ich tech­nisch so stark, dass mir vieles, was andere durch Ein­satz erreichten, zufiel. Ich dachte anfangs, dass es für einen Profi aus­reicht, wenn er gut Fuß­ball spielen kann. Aber es braucht viel mehr.

Näm­lich?
Man braucht Biss, man braucht Fit­ness und Ein­satz­willen.

Hat es Ihnen in dieser Hin­sicht an etwas geman­gelt?
Nein. Zuge­geben, ich hatte in den ersten Trai­nings­ein­heiten bei den Profis der Ein­tracht meine Start­schwie­rig­keiten. Aber dann war mir klar, dass es nie mehr so ein­fach wie in der Jugend werden würde. Wenn ich das nicht kapiert hätte, wäre ich doch nie auf 118 Erst­li­ga­spiele gekommen.

In Frank­furt spielten Sie gemeinsam mit Jer­maine Jones, der bis heute von Ein­tracht-Fans sehr kri­tisch gesehen wird.
Jer­maine hat einen Fehler gemacht: Er hat den Fans ver­spro­chen, bei Ein­tracht zu bleiben, was sich im Nach­hinein als Unwahr­heit her­aus­stellte. Das habe ich nie gemacht. Ich habe am Sai­son­ende klipp und klar gesagt, dass ich die Ein­tracht ver­lassen werde und zu Schalke 04 wechsle. Ich fand es auch kor­rekt, in Köln bekannt­zu­geben, dass ich im Falle eines Abstiegs den FC ver­lassen würde. Andere haben damit lange hin­term Berg gehalten, aber am Ende war trotzdem ich der­je­nige, der auf die Fresse bekam.

Zählt im Fuß­ball die Wahr­heit nichts?
Schwer zu sagen. Aber wenn ich Sky“ schaue, weiß ich schon wäh­rend des Spiels, was Spieler und Trainer nach dem Spiel erzählen. Da sagt keiner mehr die Wahr­heit. Profis erzählen, dass ihr Herz an einem Klub hängt, aber kommt ein anderer, der besser bezahlt, zählt das alles nichts. Wie passt das zusammen?

Über Geld spricht man in Deutsch­land eben nicht.
Aber jeder weiß, welche Rolle die Finanzen gerade im Fuß­ball spielen.

Albert Streit, der schönste Moment Ihrer Lauf­bahn?
Das Gän­se­haut­spiel gegen Reut­lingen 2003, als wir in den letzten zehn Minuten das Spiel mit drei Toren drehten und in die Bun­des­liga auf­stiegen. Etwas Dra­ma­ti­scheres hatte ich noch nie erlebt. Und ein Uefa-Cup-Spiel mit der Ein­tracht bei Fener­bahce Istanbul im Dezember 2006, als man auf dem Rasen wegen der 50.000 Zuschauer sein eigenes Wort nicht ver­stand.

Zwei Spiele für Ein­tracht Frank­furt.
Ich hatte dort meine schönste und beste Zeit als Profi. Wer weiß, wie meine Kar­riere ver­laufen wäre, wenn ich dort geblieben wäre?

Im Team 2006“ kickten Sie gemeinsam mit Alex Meier.
Er hatte damals in Frank­furt einen schweren Stand bei den Fans. Er galt als Funkel-Lieb­ling. Erst als er die Ein­tracht mit Toren zurück in die Bun­des­liga schoss, wurde er zur Kult­figur.

Sie hätten auch so eine Kult­figur werden können.
Wahr­schein­lich. Aber ich habe mich nun mal 2007 ent­schieden, von der Ein­tracht, die mit­tel­fristig nur im Mit­tel­feld der Liga spielen würde, zum FC Schalke 04 zu wech­seln, einem Cham­pions League Teil­nehmer. Ich wollte den nächsten Schritt machen und die Sicher­heit, lang­fristig in der Bun­des­liga zu spielen. So ist das Leben.

Sie werden im März 35 Jahre alt. Wie geht es mit Ihrer Kar­riere weiter?
Ich habe mir im Februar 2014 in einem Zwei­kampf im Trai­ning bei For­tuna Köln einen Knor­pel­schaden vierten Grades zuge­zogen. Schlimmer geht es kaum. Ich könnte es ope­rieren lassen, aber große Hoff­nungen auf ein Come­back gibt es nicht. Des­wegen bevor­zuge ich eine kon­ser­va­tive Behand­lung.

Ihre Lauf­bahn ist von vielen Schick­sals­schlägen gekenn­zeichnet.
Ich ver­suche, es positiv zu sehen. Wenn mir diese Ver­let­zung vor zehn Jahren pas­siert wäre, hätte es mich viel schlimmer getroffen. Aber mir fehlt allein das Kicken mit Kum­pels auf dem Bolz­platz.

Mit Ihrem Ruf wird es nicht ein­fach, zukünftig einen Job im Pro­fi­fuß­ball zu finden?
Wer sagt denn, dass ich einen Job im Fuß­ball suche? Im Augen­blick freue ich mich, es mir leisten zu können, meinen Sohn auf­wachsen zu sehen.

In wel­cher Hin­sicht haben Sie sich in Ihrer Lauf­bahn cha­rak­ter­lich am stärksten ver­än­dert?
Seit ich eine Familie habe, führe ich ein anderes Leben. Früher drehte sich alles nur um Fuß­ball. Da war es fast egal, welche Freundin ich gerade hatte. Nun habe ich die Ver­ant­wor­tung für ein Kind, meine Frau bedeutet mir sehr viel. Das ist wich­tiger als alles andere.

Zurück zum Anfang: Albert Streit, sind Sie ein zufrie­dener Mensch?
Ich bin zumin­dest auf dem Weg dahin. Inzwi­schen weiß ich, dass ich es nicht allen recht machen kann. Meine Familie und Freunde müssen zu mir stehen, das ist wichtig. Ansonsten zählt nur Gesund­heit.

Wie würde der Trainer Albert Streit den Spieler Streit anpa­cken?
Er sollte ihn so lassen, wie er ist, weil er mit seiner Raf­fi­nesse und seiner Unbe­re­chen­bar­keit beson­ders wert­voll für ein Team ist. Aber er müsste ihn auch dazu bringen, sich seinen Mit­spie­lern mehr zu öffnen.

Was meinen Sie damit?
Jeder Mensch braucht das Ver­trauen und die Unter­stüt­zung seiner Umge­bung, um Selbst­be­wusst­sein auf­zu­bauen. Kriegt Mario Götze ständig nur auf die Fresse, wird er in der Ver­län­ge­rung des WM-Finals nicht den Kopf frei haben, um das Siegtor zu schießen. So ist es im Pri­vat­leben und auf dem Platz.