Sollten wir den gest­rigen EM-Abend irgend­wann mal als Comic dar­stellen, in einer der kom­menden Aus­gaben unseres Maga­zins etwa, wir könnten uns die Kohle für den Sprech­blasen-Texter sparen. KA-BOOM!“ BÄM!“, KNALL!“, WOW!“, PENG!“, ZACK!“, POW!“, UFF!“, SPLASH!“ – mehr bräuchte es nicht. Denn das, was wir ges­tern erlebt haben, war der spek­ta­ku­lärste, aben­teu­er­lichste, abwechs­lungs­reichste, span­nendste, kurzum schönste Fuß­ball­abend seit…, ja seit wann denn eigent­lich? Monaten? Jahren? Dem 3:1 von Frank­furt gegen Bayern? Dem 4:3 zwi­schen Liver­pool und Dort­mund? Dem 1:7 zwi­schen Bra­si­lien und Deutsch­land? Oder gar seit Jahr­zehnten? Schwer zu sagen, des­wegen for­mu­lieren wir es lieber anders: Ges­tern, da haben wir end­lich mal wieder – seit wann auch immer – so richtig was gespürt. Uns daran erin­nert, warum Fuß­ball der tollste Sport der Welt war und ist und immer bleiben wird, warum wir uns einst unsterb­lich in dieses Spiel ver­liebt haben. Sind für unsere Dumm­heit, jede noch so große Kröte zu schlu­cken, die uns FIFA, UEFA oder DFL vor­setzen, ent­schä­digt worden. 

Co-Kom­men­tator Sandro Wagner sagte irgend­wann, als es grade mal wieder irgendwo 3:3 stand: Das ist groß­ar­tige Wer­bung für unseren Fuß­ball­sport!“ Und weil der Abend so toll, die Wer­bung so gut war, können wir sogar über diese sper­rige Tweed-Sakko-Horn­brillen-Streber-For­mu­lie­rung hin­weg­sehen. Denn im Kern hatte er ja recht. Beide Spiele, das 5:3 zwi­schen Spa­nien und Kroa­tien und das 8:7 zwi­schen der Schweiz und Frank­reich, machten uns ganz scharf auf Fuß­ball. Was auch immer das kostet, wir wollen mehr davon! Gleich­zeitig hatten die Spiele etwas seltsam befrie­dendes. Zuletzt hatten wir gelitten, geflucht, uns geär­gert und gelang­weilt, waren teil­weise zynisch geworden. Die Spiele ges­tern, sie waren Brust­löser, Strei­chel­ein­heit, Wund­salbe. Sie rochen nach früher, nach einer Zeit, in der noch alles in Ord­nung war, und sie klangen wie ein von einer Sie­ger­faust beglei­tetes und durch den Raum geru­fenes Geht doch!“, wie ein erleich­tertes So näm­lich!“. Ergänzt viel­leicht noch von einem: Und nicht anders!“

Steven Zuber, ver­dammt!

Schon der Ver­such, die Gescheh­nisse der beiden Spiele zumin­dest eini­ger­maßen voll­ständig wie­der­zu­geben, muss schei­tern. Es ist ein­fach zu viel pas­siert: Das völlig bana­nige Eigentor von Pedri, das in einer fairen Welt Keeper Unai Simon schlecht­ge­schrieben werden würde. Die Auf­hol­jagd der Spa­nier, die Auf­hol­jagd der Kroaten, die Klasse und Hin­gabe von Luka Modric, das Tor der Marke Aus­ge­rechnet“ von Alvaro Morata, die Erlö­sung durch Oyarzabal. Und da war noch nicht mal die Sonne unter­ge­gangen. Dann Haris Sefer­ovic und die Läufe von Steven Zuber, Steven Zuber über­haupt, Steven Zuber, ver­dammt!!! Außerdem Sandro Wagner und die nackte Kanone, der Elf­meter von Ricardo Rodri­guez, die Ball­an­nahme von Karim Ben­zema, die einen eigenen 90-Minuten-Block­buster ver­dient hätte, das Tor von Pogba, das einen eigenen 90-Minuten-Block­buster ver­dient hätte, der Jubel von Pogba, der seinen Fol­lo­wern mit Sicher­heit mehr bedeutet als jeder 90-Minuten-Block­buster der ver­gan­genen zehn Jahre. Der in den Schwei­zern aber auch etwas aus­löste, das sie nochmal anrennen ließ. 

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Die Grät­schen von Granit Xhaka, die Pässe von Granit Xhaka, die Frisur von Granit Xhaka. Die Auf­hol­jagd der Under­dogs, das Last-Minute-Tor der Under­dogs, zu allem Über­fluss auch noch erzielt von einem Ex-Schalker. Dann das Hin und Her in der Ver­län­ge­rung, der melan­cho­li­sche Blick von Admir Meh­medi, die neun Elf­meter, einer besser und kalt­schnäu­ziger als der andere, bevor Kylian Mbappé zum Straf­raum schritt und sich, beob­achtet von der ganzen Welt, den Ball zurecht­legte. Der Fehl­schuss von ihm, schon wieder das Wort Aus­ge­rechnet“, die Parade von Yann Sommer, der doch eigent­lich viel zu klein ist für diesen Job, der Jubel­lauf seiner Mann­schaft, der erst wei­nende und dann ober­kör­per­freie Fan. Die Gewiss­heit, dass wir eben auch im Jahr 2021 noch nicht vorher mit Gewiss­heit sagen können, wie die Spiele aus­gehen werden. Das alles. Und noch viel mehr. Wir können nur inständig hoffen, dass auch Kran­führer Ronny ges­tern vor der Glotze saß. Denn für einen, der so sehr für Ver­dich­tetes brennt, müssen sich die zwei Spiele ange­fühlt haben wie eine ein­zige, große Beloh­nung.

Lasst uns hoffen, dass der Kater nicht so schlimm wird

Zuletzt wirkte der Fuß­ball auf uns wie ein alter Freund, der uns langsam abhanden kommt. Ein Ver­trauter, den wir seit der Kind­heit kennen, mit dem wir groß geworden sind, mit dem wir legen­däre Momente und Erfah­rungen nicht nur geteilt, son­dern gemeinsam erlebt haben. Und den wir nun langsam aus den Augen ver­lieren. Weil sein Lebens­ent­wurf so gar nicht mehr zu unserem passt. Weil er mit Leuten rum­hängt, die wir öde finden oder sogar nur schwer ertragen können. Weil er schon immer seine Macken hatte – mitt­ler­weile aber, zumin­dest manchmal, ein rich­tiges Arsch­loch sein kann. Wir bleiben zwar halb­wegs auf dem Lau­fenden, wissen, wo er wohnt, was er arbeitet, mit wem er so rum­hängt, aber eigent­lich inter­es­siert uns das alles nur noch, weil wir das Gefühl haben, dass es uns inter­es­sieren sollte, inter­es­sieren müsste. Zu beson­deren Anlässen sehen wir uns zwar, doch diese kurzen Treffen ent­fernen uns nur noch weiter von­ein­ander. Weil wir merken, dass uns mitt­ler­weile mehr trennt als ver­bindet, wir uns nicht mehr viel zu sagen haben. Bis wir uns dann doch mal wieder gemeinsam besaufen. Und uns im Rausch ein­fällt, warum es einst so lustig und schön war mit­ein­ander. Warum es viel­leicht auch in Zukunft wieder so lustig und schön werden könnte. Den Rausch ges­tern, wir hatten ihn alle bitter nötig. Lasst uns gemeinsam hoffen, dass der Kater nicht allzu schlimm wird.

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