Andrea Pirlo und Mario Balo­telli haben den Unter­schied gemacht. Das ist nach vier Siegen in Folge natür­lich sehr bitter, aber im ent­schei­denden Spiel hat uns die Qua­lität gefehlt. Nicht die spie­le­ri­sche Qua­lität, son­dern die men­tale Stärke. Und auf keinen Fall das berühmte Quänt­chen Glück – das kann ich nicht mehr hören!

Seit sechs Jahren, also der WM 2006, wird von einer Ent­wick­lung der Natio­nal­mann­schaft gespro­chen. Doch Deutsch­land ist eine Fuß­bal­ler­na­tion und muss sich an Titeln messen lassen. Unsere Mann­schaft hat Qua­lität. Aber in den Spielen, in denen man weiß, dass sie den Status eines End­spiels haben, hat sie sich wieder nicht durch­setzen können. Wir haben jetzt zweimal gegen Spa­nien und zweimal gegen Ita­lien ver­loren – es kam viermal hart auf hart, und viermal haben wir den Kür­zeren gezogen. Man kann diese Spiele ja nicht mit dem Halb­fi­nale von 2008 ver­glei­chen, als wir gegen die Türkei klarer Favorit waren. Sobald wir gegen eine starke Mann­schaft antreten, die ein sehr starkes Tur­nier gespielt hat und viel Qua­lität besitzt, sind wir bisher immer aus­ge­schieden.

In unserem Team hatte ges­tern jeder zu viel mit sich selbst zu tun, als dass er die Spieler hätte mit­reißen können. So einer stand auf der anderen Seite: Andrea Pirlo. Und auch in den Spielen gegen Spa­nien vor zwei, bezie­hungs­weise vier Jahren, haben Spieler wie Xavi und Iniesta den Unter­schied aus­ge­macht. Solche Spieler fehlen uns noch. Der ein­zige Spieler bei uns, der ges­tern eine gewisse Kör­per­sprache ver­mit­telt hat, war der Tor­hüter, doch der ist zu weit weg vom Geschehen.

Immerhin müssen wir uns vor der Zukunft keine Sorgen machen. Wir haben eine tolle Aus­bil­dung von Jugend­spie­lern in den Ver­einen, es wird immer Qua­lität nach­kommen, und wir werden immer oben dabei sein.“ 

Diesen Hype, der nach den Siegen gegen Däne­mark gegen Grie­chen­land um die deut­sche Natio­nal­mann­schaft ent­standen ist, habe ich ohnehin nie ver­standen. Ges­tern haben wir ver­dient ver­loren. Wir haben schwere tak­ti­sche Fehler gemacht, zudem haben uns der Mut und der Biss gefehlt. Dann kann man auf diesem Niveau nicht bestehen.

Man muss nur auf die Kar­ten­sta­tistik schauen: Ita­lien 4, Deutsch­land 0. Haben wir etwa gedacht, wir spielen Ita­lien locker an die Wand? Ich weiß nicht, was für eine Selbst­wahr­neh­mung die Spieler hatten. Da rela­ti­viert sich dann so einiges.

Die rich­tigen Spieler, um Ita­lien zu besiegen, haben ges­tern leider zu lange auf der Bank gesessen. Ganz ehr­lich: Wenn Ita­lien noch ein biss­chen abge­klärter spielt, ver­lieren wir das Spiel mit 0:4. Der Elf­meter war ohnehin nur noch ein Geschenk.

Gegen Ita­lien standen wir viel zu hoch. Das kann man gegen eine Spit­zen­mann­schaft wie Ita­lien nicht machen. Da steht ein Balo­telli auf dem Platz, kein Gekas. Nichts gegen Gekas, aber das ist dann doch ein anderes Kaliber. Wenn man 0:1 hinten liegt, muss man aber zumin­dest mit einem 0:1 in die Pause gehen, um sich wieder zu sam­meln. Fatal, dass das nicht geklappt hat.

Diese Gegen­tore waren auch ein Beleg dafür, dass unsere Ver­tei­diger Mats Hum­mels und Holger Bad­stuber nicht so gut sind, wie sie gemacht wurden. Um es kurz zu machen: Wir brau­chen bes­sere Abwehr­spieler. Wir haben einen starken Tor­hüter. Aber das war es dann auch. Dort­mund ist in dieser Saison früh in der Cham­pions League aus­ge­schieden, Bayern hat seit zwei Jahren keinen Titel geholt – da muss man bei der Bewer­tung dieser Spieler die Kirche auch mal im Dorf lassen. Außerdem haben wir keinen rich­tigen rechten Außen­ver­tei­diger. Lahm wird immer hin- und her­ge­schoben. Das kann nicht die Lösung sein und ist auch ein Thema, das jetzt drin­gend bear­beitet werden muss.

Es wird immer schwie­riger, einen Tur­nier­sieg zu holen. In Bra­si­lien 2014 oder Frank­reich 2016 wird es sicher­lich nicht ein­fa­cher. So langsam errei­chen Schwein­s­teiger und Lahm ihren Zenit.

Was soll man dazu noch groß sagen? Die Euphorie war groß, und das zurecht, denn unsere Mann­schaft hat eine große Qua­lität. Von daher war es auch legitim, im Vor­feld vom Titel zu spre­chen. Man darf aber nicht ver­gessen, dass ein starker Gegner auf dem Platz stand. Es war ein­fach nicht der Tag der Deut­schen, kaum ein Spieler konnte die Leis­tung abrufen, zu der er eigent­lich in der Lage ist. Beson­ders bitter ist das alles, weil wir bis zum Halb­fi­nale die kon­stan­teste Mann­schaft waren. Aber die Mann­schaft ist jung, sie wird sich wei­ter­ent­wi­ckeln und auch zukünftig um Titel mit­spielen.“

Man hatte vor dem Spiel den Ein­druck, dass wir Ita­lien ja eigent­lich schon geschlagen haben, zumin­dest haben das einige Aus­sagen aus den Pres­se­kon­fe­renzen ver­mit­telt. Das hat die Ita­liener sicher­lich zusätz­lich moti­viert. Letzt­lich hat Ita­lien ver­dient gewonnen, weil es cle­verer gespielt hat.

Man darf in einem Halb­fi­nale in der ersten Halb­zeit keine zwei Tore dieser Art kas­sieren. Klar kann in einem Spiel immer mal wieder ein Fehler pas­sieren und man liegt plötz­lich mit 0:1 zurück. Aber zwei solche Tore dürfen auf diesem Niveau nicht pas­sieren.

Beson­ders bitter ist das alles, weil – so ehr­lich muss man sein – Ita­lien eigent­lich keine Top­mann­schaft hat. Da gibt es vier über­ra­gende Spieler, Pirlo und Mon­t­o­livo im Mit­tel­feld und vorne Cassano und Balo­telli, die ein Spiel ent­scheiden können. Der Rest hat tapfer gekämpft und ver­tei­digt. Das hat gereicht, obwohl ich immer noch davon über­zeugt bin, dass Deutsch­land eigent­lich mehr Qua­lität besitzt als Ita­lien.

In so einem Spiel muss man aller­dings in jeden Zwei­kampf rein­gehen, als ob es der letzte wäre. Diesen Ein­druck hatte ich nicht bei unseren Spie­lern. Viel­leicht hat man es in Begeg­nungen vorher auch zu ein­fach gehabt, gerade im Spiel gegen Grie­chen­land. Die letzte Kon­se­quenz habe ich ver­misst.

Natür­lich ist es drin, dass wir in den kom­menden Jahren einen Titel holen. Die Spieler werden reifer. Aller­dings schieben wir diesen Plan seit 2006 munter vor uns her – und jetzt sind wir schon bei 2014 ange­langt. Dann steht die WM in Bra­si­lien an – es wäre sicher­lich in diesem Jahr leichter gewesen, den Titel zu holen.“

Der ent­schei­dende Grund für die Nie­der­lage war, dass wir nicht die rich­tige Auf­stel­lung hatten. Jogi hat das glück­liche Händ­chen diesmal leider gefehlt. Von der Geschwin­dig­keit her konnten wir nicht über­zeugen.

Was die deut­sche Mann­schaft unter­schätzt hat, ist die Rolle von Bas­tian Schwein­s­teiger. Er hat nie zu seiner Form gefunden. Ein Schwein­s­teiger in WM-Form hätte die Mann­schaft ganz anders führen können. Diesmal hat man geglaubt, dass er noch zu 100 Pro­zent fit wird, was nicht mehr mög­lich war. Schwein­s­teiger hat immer nur Fünf-Meter-Pässe gespielt, außer im Spiel gegen Hol­land. Da hat er zwei Tore vor­be­reitet. Doch das war es dann auch schon.

Es gab bei dieser EM meh­rere Pro­blem­fälle. Podolski war ein Total­aus­fall. Gegen Ita­lien war es extrem. Er hatte viel­leicht fünf Ball­kon­takte, über seine Seite ging keine Gefahr aus. Über Mario Gomez kann man dis­ku­tieren, er hat immerhin drei Tore gemacht. Ges­tern hat er drei Bälle ver­stol­pert. Man ihn in Lauf­du­elle geschickt, die er nicht gewinnen kann, und einen Dop­pel­pass mit ihm zu spielen, ist auch schwierig. Toni Kroos die Ver­ant­wor­tung zu über­tragen, ist eben­falls total in die Hose gegangen. Spä­tes­tens jetzt sollte jedem klar geworden sein, dass man Spie­lern wie Schürrle, Reus oder Bender dau­er­haft eine Chance geben muss.

Dass die Mann­schaft Qua­lität hat, steht außer Frage. Doch wenn man sie mit Ita­lien ver­gleicht, fehlen ein­deutig die Schwei­ne­hunde. Nur mit Schwie­ger­mütter-Typen gewinnst du keine Schlachten. Bei Ita­lien hat man vier Tage lang nur dar­über dis­ku­tiert, was für schwie­rige Typen Cassano und Balo­telli sind. Ges­tern hat man gesehen, dass sie sehr schwierig sind – schwierig zu stoppen.“