Seite 2: „Da bist du ja immer noch, alter Junge!“

Dass die Blu­men­farm kurz darauf ver­kauft wurde und Kleff nun ohne Früh­rente in Afrika und einen Arbeit­geber dastand? Dass er dann doch bis 1987 für Rot-Weiß Ober­hausen, Bochum und dem FSV Salm­rohr das Tor hüten musste? Dass er, der Euro­pa­po­kal­held von einst, im 900-Seelen-Kaff Salm­rohr auf Asche trai­nierte und ein Jahr lang im Hotel schlief? Dass eine von ihm eröff­nete Herren-Botique mehr Schulden als ver­kaufte Hemden hin­ter­ließ? Dass er Jahre später am Herzen erkrankte, und 2009 auf­grund eines Schlag­an­falls haar­scharf am Tod vorbei schrammte? Dass all das schöne Geld, ver­dient mit vielen tau­send Paraden und mör­de­ri­schen Zwei­kämpfen, drauf ging, weil Kleff weder eine Kran­ken­ver­si­che­rung abge­schlossen, noch nach dem Ende der Lauf­bahn Arbeits­lo­sen­geld bean­tragt hatte? Dass er nur über­lebte, weil die Ärzte einen Herz­schritt­ma­cher ein­setzten und Wasser aus seiner Lunge saugten?

Einen 500er Mer­cedes werde ich mir nicht mehr leisten“

Wie denkt er heute dar­über?

Nun“, beginnt Wolf­gang Kleff, der durch das Leben gese­gelt ist wie früher durch den Straf­raum. Tja“, räus­pert sich dieser Glücks­ritter der Fuß­ball­szene, das waren zum Teil schon teuf­li­sche Zeiten.“ Aber soll er sich jetzt dar­über beklagen, dass die Kohle weg ist und ich mir in diesem Leben bestimmt keinen 500er Mer­cedes mehr kaufen werde“? Dass bei einem, der früher nach jedem Heim­spiel einen 30 Zen­ti­meter langen Her­ren­streifen“ in seinem Mön­chen­glad­ba­cher Lieb­lings­café ver­putzte, die Pumpe heute nur noch 60 Pro­zent Leis­tung schafft? Macht es Wolf­gang Kleff, diesen unver­bes­ser­li­chen Opti­misten, nicht fertig, dass er alt geworden ist?

Soll ich ihnen sagen, was ich mache, wenn ich mor­gens in den Spiegel schaue?“, kon­tert der Ex-Tor­wart mit einer Gegen­frage und beant­wortet die gleich selbst: Dann sehe ich mich kleinen Scheißer im Spiegel und sage mir: Da bist du ja immer noch, alter Junge!“ Was Wolf­gang Kleff sagen will: Ich freue mich über jeden Tag.“ Sogar noch mehr als früher, als er jung und fit und berühmt war. Die Geburt seiner Kinder – eine Tochter, ein Sohn – haben den nach eigener Aus­sage intro­ver­tierten und fein­füh­ligen Mann ein noch bes­seres Gespür für die schönen Momente im Leben ver­schafft. Die Krank­heiten, Ope­ra­tionen und Tänze auf der Rasier­klinge des Lebens haben ihn irgendwie devoter“ gemacht. Er glaubt nicht unbe­dingt an Gott, aber an eine höhere Macht, bei der sich bei seinen sel­tenen Besu­chen in der Kirche bedankt. Und er hat sich eine eigene Lebens­phi­lo­so­phie gebas­telt, die irgendwie sehr zu einem passt, der früher sein Geld damit ver­diente, Tore zu ver­hin­dern in einem Spiel, das von Toren lebt. Der Fuß­ball­profi war und Profis nun mal damit umgehen müssen, das es nicht nur große Siege, son­dern auch große Nie­der­lagen gibt.

Das Leben“, sagt Wolf­gang Kleff, besteht daraus, zu akzep­tieren.“ Er tut das. Und beschreibt sich selbst als weich, gut­gläubig, fast naiv“. Ein kleiner Junge sei er immer gewesen, immer geblieben. Heute wird er 75 Jahre alt. Man kann ihm nur gra­tu­lieren. Viel­leicht ja mit Fla­min­go­blumen.