Horst Ehr­man­traut, am besten wir bringen die Sache mit dem Gar­ten­stuhl gleich hinter uns. Haben Sie damals geahnt, was der für eine Kar­riere machen würde?
Das nicht, aber ich habe mir schon etwas dabei gedacht. Damals spielte Ein­tracht Frank­furt, dieser stolze Verein, nur in der zweiten Liga. Frank­furt ist ja die deut­sche Ban­ken­me­tro­pole, und in dieser Branche sind Men­schen tätig, die anders denken und han­deln als das gemeine Volk. Da ging es mir darum, einen Kon­tra­punkt zu setzen: Schluss mit Ban­kerstadt und Den­ker­stadt, statt­dessen hart arbeiten.

Also …

bat ich unseren Lizenz­spiel­leiter, in den Bau­markt zu gehen und mir den güns­tigsten Stuhl zu besorgen, den es dort gab. Mit dem habe ich mich bei den Spielen an den Spiel­feld­rand gesetzt. Es hat nicht lange gedauert, bis das Ding in aller Munde war.

Heute steht der Stuhl im Ein­tracht-Museum.
Darauf bin ich im Nach­hinein stolz. Damals war mir nicht bewusst, was solch ein Stuhl aus dem Bau­markt bewirken kann. Der hatte noch andere Vor­teile: Man konnte ihn als Trainer richtig schön quälen. Er wurde getreten und weg­ge­worfen, aber auch geliebt, gestrei­chelt und geküsst.

Sie stammen aus Einöd, einem win­zigen Ort im Saar­land.
Mein Weg in den Fuß­ball war ziem­lich unge­wöhn­lich. Noch in der D‑Jugend hatte ich es nicht mal in die D1 meines Hei­mat­ver­eins geschafft. Und als ich mit 19 für ein Grund­ge­halt von 300 Mark brutto im Monat zum ört­li­chen Zweit­li­gisten FC Hom­burg wech­selte, hatte ich bis dahin nur Kreis­klasse gespielt.

Wie kamen Sie in Hom­burg zurecht?
Ich schmales Kerl­chen war rein kör­per­lich nicht der gebo­rene Pro­fi­fuß­baller. Als Stürmer hatte ich anfangs keine Chance, bis sich der linke Ver­tei­diger in einem Spiel gegen Röch­ling Völk­lingen das Schien­bein brach. Trainer Uwe Kli­ma­schewski hat mich auf dieser Posi­tion gebracht, es hat funk­tio­niert, und damit war ich ers­tens Stamm­spieler und zwei­tens für den Rest meines Lebens linker Ver­tei­diger. Irgend­etwas muss Klima damals in mir gesehen haben.

Hat er es nicht erklärt?
Nein, das war nicht so ein­fach. Klima war ja ein ker­niger Kerl, der nicht ganz leicht zu hän­deln war.

Es heißt, er habe mal den Platz­wart zum Tor­schuss­trai­ning an den Pfosten gebunden.
Oh ja, ich war dabei. Heute lacht man dar­über. Klima hat damals noch ganz andere Sachen gemacht. Wenn Gast­spieler zum Pro­be­trai­ning da waren, hat er sie mit der beton­schweren Hand­walze um den Platz rennen lassen und die Zeit gestoppt. Oder die Pro­be­spieler mussten unter der Dusche bei erschwerten Bedin­gungen mit dem Ball jon­glieren. Die haben natür­lich alles mit­ge­macht, weil sie unbe­dingt einen Ver­trag wollten.

Mit 23 Jahren heu­erten Sie bei Ein­tracht Frank­furt an.
Die 160 Kilo­meter von Hom­burg nach Frank­furt waren für mich wie der Schritt in eine andere Welt. Gra­bowski. Pezzey. Körbel. Nickel. Höl­zen­bein. Bum Kun Cha. Ronnie Bor­chers. Nor­bert Nacht­weih. Leider kam ich anfangs über­haupt nicht zurecht.

Warum nicht?
Trainer Friedel Rausch und Manager Udo Klug hatten mich geholt, trotzdem habe ich vom ersten Tag an Ableh­nung gespürt. Heute kann ich es viel­leicht ein biss­chen erklären. Mög­li­cher­weise lag es daran, dass ich das Trai­ning nicht richtig ver­standen habe. In Hom­burg haben wir sehr ein­fach trai­niert, und nun ging es auf einmal um Taktik und moderne Trai­nings­in­halte. Allein das ganze Stret­ching hatte ich bis dahin nicht gekannt. Wenn man nur mal den Bum Kun Cha nahm: ein Ästhet vor dem Herrn. Ich habe mich selbst dabei erwischt, wie ich gar nicht dehnte, son­dern Bum Kun Cha dabei zusah. Der hatte eine Mus­ku­latur und ein Dehn­ver­halten, das war ein Genuss! Wie auch immer: Ich war ein eta­blierter Zweit­li­ga­spieler und habe im ersten halben Jahr ein ein­ziges Mal auf der Bank gesessen und ansonsten auf der Tri­büne.

Das hat sich in der Rück­runde schlag­artig geän­dert.
Ich habe trai­niert, als ob jeder Tag für mich ein End­spiel wäre. Damals sahen bei jedem Ein­tracht-Trai­ning 100 oder 200 Rentner zu, und die machten irgend­wann Sprüche in Rich­tung Rausch: Friedel, jetzt musst du aber mal den Ehr­man­traut bringen!“ In der Rück­runde habe ich fast alle Bun­des­li­ga­spiele und die Euro­pa­po­kal­spiele absol­viert, inklu­sive der End­spiele gegen Mön­chen­glad­bach.

War der Tri­umph im UEFA-Cup bereits Ihr Kar­rie­re­hö­he­punkt?
Im Grunde ja. Aber ich habe dann eines gemacht: Obwohl ich einen Zwei­jah­res­ver­trag hatte, sagte ich mit dem für mich bril­lanten halben Jahr im Rücken: Liebe Leute, ich will den Verein ver­lassen!“ Weil ich immer noch sauer war, dass ich zuerst so ver­kannt wurde.

Warum sind Sie aus­ge­rechnet zu einem Zweit­li­gisten gegangen?
Heute klingt es ver­rückt, aber damals war es für mich nach­voll­ziehbar, weil Hertha BSC wie auch Ein­tracht Frank­furt ein Tra­di­ti­ons­verein war. Dass Hertha Zweit­li­gist war, hat mir nichts aus­ge­macht. Eher hab ich gedacht: In einer Stadt wie Berlin mit solch einem Verein den Auf­stieg zu schaffen, muss gigan­tisch sein.

War es gigan­tisch? 
Anfangs war es schwierig. Als ich nach meiner Unter­schrift nach Berlin flog, habe ich erst­mals dar­über nach­ge­dacht, ob das wirk­lich richtig war: von einer deut­schen Top­mann­schaft zu einem Zweit­li­gisten zu wech­seln. Ich weiß noch, es war der letzte Flug an einem Sonn­tag­abend, und ich kam um halb elf oder elf in Tegel an. Der Mann, der mich abholen sollte, war zu spät, und da saß ich mit meinen Kof­fern. In Tegel war ja um die Uhr­zeit auch nichts mehr los. Ich war völlig demo­ra­li­siert und auf einmal schoss es mir durch den Kopf: Was habe ich da nur gemacht? Da floss auch die eine oder andere Träne.

Trotzdem sind Sie fünf Jahre geblieben. 
In der Rück­schau war die Zeit bei Hertha die schönste meiner Spie­ler­kar­riere. Den Auf­stieg haben wir tat­säch­lich geschafft, außerdem kamen mir die Men­schen in Berlin viel auf­ge­schlos­sener und drauf­gän­ge­ri­scher vor als die, die ich bis dahin ken­nen­ge­lernt hatte. Die können aus­teilen, das schon, aber auch ein­ste­cken. Und allein schon den Kai­ser­damm run­ter­zu­fahren, mit seinen vier Spuren auf jeder Seite. Da habe ich geguckt: Fahren die wirk­lich alle in eine Rich­tung?

Zum Ende Ihrer Lauf­bahn sind Sie zum FC Hom­burg zurück­ge­kehrt und mit dem Klein­stadt­verein tat­säch­lich in die Bun­des­liga auf­ge­stiegen. 
Irre, nicht wahr? 25 000 Ein­wohner und dann so was! Das waren Glücks­mo­mente.

Der FC Hom­burg war damals bun­des­weites Gesprächs­thema durch seine Tri­kot­wer­bung für eine Kon­dom­marke. 
Wir waren in allen Gazetten. Dass die Gesell­schaft noch nicht so weit war, so etwas anzu­nehmen, und dass der DFB es nicht gestat­tete, ist heute unfassbar. So ein Kondom hat ja nur posi­tive Eigen­schaften! Unser Prä­si­dent Man­fred Ommer war so klug, den Schriftzug mit einem schwarzen Balken zu über­kleben. Der Wer­be­ef­fekt war immer noch da, weil ohnehin jeder wusste, was sich dar­unter befand.

Kata­ly­sator Ihrer anschlie­ßenden Trai­ner­kar­riere war das Zweit­li­ga­aben­teuer des SV Meppen. 
Die Zeit in Meppen hat mich als Per­sön­lich­keit sehr geprägt. Solch einen Verein fünf Jahre in der zweiten Liga zu halten, war das Größte. Erst­mals war ich allei­niger Chef und konnte machen, was ich wollte, natür­lich im Rahmen des vor­ge­ge­benen Bud­gets. Einmal hätte ich fast Carsten Jancker ver­pflichtet.

Wieso nur fast? 
Jancker kam aus der zweiten Mann­schaft des 1. FC Köln und wollte da weg, weil er in der ersten keine Chance bekam. Er absol­vierte ein Pro­be­trai­ning bei uns und ich war zu zöger­lich. Der Junge hatte tech­nisch seine Pro­bleme, aber er war ein Tor­jäger und sehr flink für seine Größe. Danach zog er weiter zum nächsten Pro­be­trai­ning bei Rapid Wien, wir hatten ein Aus­wärts­spiel in Jena, und auf dem Rückweg denke ich plötz­lich: Wir müssen den Carsten holen!“ Wir riefen ihn noch aus dem Bus an, doch er sagte: Trainer, es tut mir leid, aber ich habe schon in Wien unter­schrieben.“ Als er später bei Bayern Mün­chen lan­dete, habe ich mich noch mehr geär­gert. Der wäre ja gekommen, auch für das Geld! Da kriegst du die Voll­krise, inner­be­trieb­lich.

Haben Sie davon geträumt, mit Meppen in die Bun­des­liga auf­zu­steigen? 
Wir waren ja zweimal nah dran. Letzt­lich hat es aber an der Qua­lität gefehlt, das muss man fai­rer­weise zugeben. Doch auch so ist etwas Unglaub­li­ches pas­siert, näm­lich dass mich, den Trainer, der bis dahin nur kleine Ver­eine trai­niert hatte, auf einmal Ein­tracht Frank­furt haben wollte. So bin ich mit meinem alten, an­thra­zitfarbenen BMW dahin gefahren und sah mich auf einmal einem Podium mit 15 bis 20 hono­rigen Leuten gegen­über. Ich war so per­plex, dass ich nur in kurzen Sätzen ant­worten konnte. Trauen Sie sich die Auf­gabe zu, Herr Ehr­man­traut?“ – Na klar.“

War Frank­furt die inten­sivste Zeit Ihrer Trai­ner­kar­riere? 
Die mar­kan­teste. Anspruchs­vollste. Ver­rück­teste. Vorher war Dra­goslav Ste­pa­novic Trainer gewesen, der aber trotz Spie­lern wie Mau­rizio Gau­dino keinen Erfolg mehr hatte. Die Ein­tracht war aus der ersten Liga abge­stiegen und stand in der zweiten unten drin. Als ich im Januar 1996 kam, trai­nierten wir in der Halle, weil das Wetter zu schlecht war. Ich rief die Spieler zusammen, setzte mich auf einen Ball und tat meine Vor­stel­lungen kund. Da hast du förm­lich gespürt, wie die Spieler dachten: Was will der denn? Und der soll uns in die erste Liga bringen?“

Wor­über haben Sie gespro­chen? 
Über das, was ich vorhin erzählt habe: Frank­furt als Ban­kerstadt, Den­ker­stadt. Wenn du so eine Stadt hast, bleibt es nicht aus, dass auch die Spieler davon infi­ziert werden. Die emp­fanden Fuß­ball nicht mehr als Arbeit, son­dern wollten ihn nur noch zele­brieren. In der zweiten Liga musste Fuß­ball aber gear­beitet werden. Jemandem wie Gau­dino, zwei­fellos ein gran­dioser Fuß­baller, war das nicht unbe­dingt in die Wiege gelegt.

Sie hatten bald den Ruf eines Pedanten. 
Das bleibt nicht aus, wenn man alles hyper­genau machen will. Meine Spe­zia­lität war die Ein­zel­kritik nach jedem Spiel. Für mich bedeu­tete das: Wenn ich nach einem Nach­mit­tags­spiel um 19 Uhr nach Hause kam, hab ich was gegessen und dabei schon auf Video­kas­sette das Spiel geguckt. Bin mit dem Gedanken ein­ge­schlafen, was man ver­bes­sern kann und habe mir um vier, halb fünf den Wecker gestellt, Kaffee gemacht und das ganze Spiel noch einmal geguckt. Weil du ja keinen Fehler machen darfst und alles richtig zuordnen musst, wenn du um zehn vor der Mann­schaft stehst. Und dann habe ich jeden ein­zelnen kri­ti­siert, vom Tor­wart bis zum Links­außen. Das war eine Arbeit, das können Sie sich nicht vor­stellen. Sich das alles in den Kopf zu häm­mern!

Waren Sie damals zu penibel?
Heute ist der Umgang ein völlig anderer. Ich kann das auf einen Nenner bringen: Bis vor acht oder zehn Jahren hat der Trainer gesagt und die Spieler haben gemacht. Heute sind die Hier­ar­chien viel fla­cher, da kann man nicht mehr alles von oben herab dik­tieren. Du musst die Spieler mit­nehmen und das hat auch seine Berech­ti­gung.

Man­ches schien den Leuten damals ein biss­chen eso­te­risch. Die Rede war von Voodoo-Horst“ oder Strahlen-Horst“. 
Das hat ein Fern­seh­jour­na­list auf­ge­bracht und seitdem bin ich das nicht mehr los­ge­worden. In einem Inter­view habe ich gesagt: Jeder Mensch hat ein Ener­gie­feld um sich herum.“ Das kann Ihnen jeder Phy­siker bestä­tigen, das ist messbar. Die Sache hat mich maßlos geär­gert. Fester als ich kann man gar nicht auf dem Boden stehen.

Einmal sollen Sie Ihren Co-Trainer aus der Kabine ver­bannt haben, weil er eine schlechte Aura ver­strömte. 
Völlig falsch. Ich habe ihn raus­ge­schickt, aber nur weil wir ver­mu­teten, dass Späher vom KSC vor der Tür waren, um unsere Taktik zu belau­schen.

Ihr letztes Enga­ge­ment hatten Sie 2005 beim 1. FC Saar­brü­cken, danach haben Sie keinen Job mehr über­nommen. Eine bewusste Ent­schei­dung? 
Ich war ins­ge­samt 30 Jahre im bezahlten Fuß­ball, davon 13 als Spieler. Und wie gesagt, schauen Sie meinen Körper an, ich musste immer viel dafür tun. Auch als Trainer habe ich jedes Pro­zent aus mir raus­ge­kit­zelt. Irgend­wann bist du aus­ge­laugt.

Heute nennt man das Burn-out. 
Damals gab es den Begriff nicht, aber ich wollte auf jeden Fall einen Punkt setzen und eine Pause machen. Seit dem Tag, als ich in Saar­brü­cken auf­hörte, habe ich zwölf Ange­bote erhalten. Ich habe zu allen nein gesagt.

Sind Sie fertig mit dem Fuß­ball­ge­schäft? 
Weiß ich nicht. Viel­leicht gibt es noch mal spontan den Ent­schluss, einen klei­neren Verein mit Fun­da­ment und Struktur zu über­nehmen, um ihn nach oben zu bringen.
Womit ver­bringen Sie Ihre Tage? Ich stehe gegen halb sieben, sieben auf, kann es mir leisten, mor­gens eine Stunde Tee zu trinken und denke dar­über nach, was ich machen will. Ich spiele Tennis, gele­gent­lich Golf, und betreibe Land­wirt­schaft.

Als Brot­er­werb? 
Nein, als Hobby. Wissen Sie, wie schön es ist, früh mor­gens auf den Acker zu fahren und zu pflügen? Sich einen Kaffee und ein Stück Kuchen mit­zu­nehmen, den Motor vom Traktor aus­zu­stellen und sich an den Ack­er­rand zu legen? Über Ihnen steht die Sonne, die Lerche singt Ihnen ein Lied. Wenn ich gesund bleibe, kann mir nichts pas­sieren.

Sind Sie finan­ziell unab­hängig?
Ich war nie der Groß­ver­diener, aber ich hatte von Anfang an ein kon­ser­va­tives Denken, was meine Geld­an­lage betraf. Ich brauchte keine dicken Autos und bin auch nie an den Rou­let­te­tisch gegangen. Des­halb befinde ich mich jetzt in einer Lage, wo ich sagen kann: Wenn in der Wirt­schaft nichts Blödes pas­siert, komme ich bis an mein Lebens­ende klar.