Stefan Aigner, müssen sich die Ein­tracht-Fans nach den letzten Spielen Sorgen machen, dass die sen­sa­tio­nelle Hin­runde noch ver­spielt wird?
Keine Angst, wir hatten in der Hin­runde auch eine Phase, in der es nicht so gut lief. Die haben wir auch über­wunden. Und gene­rell kann nie­mand erwarten, dass wir hier die Gegner aus dem Sta­dion schießen oder mal eben nach Han­nover fahren und die weg­hauen. Das sind Europa-League-Teams, gegen die wir in den letzten Wochen gespielt haben. Aber klar: Es wäre mal wieder Zeit für einen Sieg.
 
Die Medien beschwören schon eine Tor-Krise. Ist es ein Thema inner­halb der Mann­schaft, dass seit fünf Spielen nicht mehr getroffen wurde?
Absolut nicht. In Han­nover hat Alex Meier ja ein Tor gemacht – das leider nicht gegeben wurde. Außerdem spielen wir uns genug Chancen heraus. In Han­nover, auch zuvor gegen Glad­bach, wo ich eine Hun­dert­pro­zen­tige ver­sem­melt habe und auch Takashi Inui zwei gute Chancen hatte.
 
Inui sprang gegen Glad­bach über eine Grät­sche seines Gegen­spie­lers, die mit Sicher­heit einen Elf­meter bedeutet hätte. Ganz ehr­lich: Hätten Sie sich fallen lassen?
Das weiß ich nicht, das geht alles so schnell. Es war fair von ihm, sich nicht fallen zu lassen. Ich hatte direkt im Anschluss eine Chance. Wenn ich die rein­ge­macht hätte, würden wir da jetzt gar nicht drüber reden. Jetzt müssen wir eben gegen Stutt­gart wieder treffen.
 
Die Hin­runde der Ein­tracht war teil­weise berau­schend. Was war da los?
Ich habe selber oft kaum glauben können, was wir für einen attrak­tiven und auch noch erfolg­rei­chen Fuß­ball spielen. Die ersten Spiele der Hin­runde waren mit ent­schei­dend. Letzt­lich gingen wir dann als Sieger vom Platz.. Das hat Selbst­ver­trauen gegeben und eine gewisse Leich­tig­keit erzeugt. Mitt­ler­weile nehmen uns die Gegner nicht mehr auf die leichte Schulter ­– wahr­schein­lich mit ein Grund, dass wir uns schwerer tun. Aber trotzdem spielen wir eine sen­sa­tio­nelle Saison.
 
Es heißt, die gute Stim­mung im Team sei mit ein Grund für den Erfolg.
Der Zusam­men­halt ist wirk­lich gut. Wenn wir Mit­tag­essen gehen, sind immer gleich acht, neun Jungs dabei und nicht nur kleine Grüpp­chen. Wir treffen uns auch privat oft, gehen ins Kino oder gucken Cham­pions-League.
 
Die gute Stim­mung dringt auch nach außen. Diese Woche war Heiko But­scher gut gelaunt am Schlag­zeug zu bewun­dern, ver­gan­gene Woche gab es einen Harlem Shake in der Ein­tracht-Kabine. Waren Sie dabei?
Ja, hinten links in der Ecke. Ver­kleidet mit einem Bade­mantel und einer albernen Maske. Ich weiß schon gar nicht mehr, was das eigent­lich für eine Maske war.
 
Sie spielen mit 25 Jahren Ihre erste rich­tige Bun­des­li­ga­saison. Warum so spät?
Ich bin bereits mit 18 Jahren von Burg­hausen nach Bie­le­feld in die Bun­des­liga gewech­selt – nach nur einer guten Saison in der zweiten Liga. Im Nach­hinein war das zu früh. Aber wenn ein Angebot aus der Bun­des­liga kommt, nimmst du das wahr. In der ersten Liga zu spielen war ein Kind­heits­traum von mir. In Bie­le­feld hat es dann nicht gut funk­tio­niert. Ich war oft ver­letzt, habe mich nicht wohl gefühlt und letzt­lich nur fünf Spiele gemacht. Trotzdem war es lehr­reich für mich. Nach ein paar Jahren bei meinem Hei­mat­verein 1860 Mün­chen, wo es wieder sehr gut lief, war es an der Zeit, es nochmal in der Bun­des­liga zu pro­bieren. Aber ganz im Ernst: So alt ist 25 jetzt auch wieder nicht.
 
Zwi­schen­durch wären Sie fast mal beim VfB Stutt­gart, dem Gegner des 26. Spiel­tags, gelandet.
Das stand kurz zur Debatte, als 1860 mal wieder Geld brauchte. Aber mir ging das zu schnell. Der VfB ist sicher­lich ein toller Verein, aber ich wollte nicht schon wieder über­stürzt wech­seln.
 
1860 Mün­chen ist Ihr Hei­mat­verein. Ver­folgen Sie noch, was die Sechzger machen?
Natür­lich, Sechzig ist meine sport­liche Heimat, ich habe alle Jugend­mann­schaften durch­laufen und lange bei den Profis gespielt. Jetzt bin ich so eine Art Fan. Wenn ich in Mün­chen bin, gehe ich auch mal zum Trai­nings­ge­lände oder schaue mir ein Spiel an. 1860 muss bald mal wieder auf­steigen. Ein sol­cher Tra­di­ti­ons­verein gehört ein­fach in die Bun­des­liga.
 
Ein Tra­di­ti­ons­verein, der sehr chao­tisch daher­kommt.
Ach, das Chaos gehört bei Sechzig schon fast dazu, ohne geht es da ja nicht (lacht). Aber natür­lich ist es schade, wenn ständig Unruhe herrscht und dar­unter auch die Leis­tung der Mann­schaft leidet.
 
Vom chao­ti­schen 1860 zur Lau­ni­schen Diva – Sie waren auf das lei­den­schaft­liche Umfeld in Frank­furt gut vor­be­reitet.
Zur Zeit ist es hier gar nicht so lau­nisch, aber im Erfolg ist es ja sowieso immer ruhig. Ich lasse mich aber ohnehin nicht ver­rückt machen. Ich lese auch kaum Zei­tung und bekomme kaum mit, wenn es im Umfeld drunter und drüber geht.
 
Auch eine Art Selbst­schutz nach schwä­cheren Spielen?
Mit Sicher­heit. Aber wenn ich am Wochen­ende gut spiele und ein Tor schieße muss ich auch keine Zei­tung lesen, nur um mir die Bestä­ti­gung zu holen. Das ist alles sehr flüchtig, was in den Medien pas­siert. Schießt man ein Tor, ist man der Größte. Schießt man daneben, ist man der Depp. Dem ganzen zu viel Bedeu­tung bei­zu­messen, bringt einen nur aus dem Tritt.
So langsam machen sich die Schat­ten­seiten der erfolg­rei­chen Saison bemerkbar. Stamm­spieler wie Sebas­tian Rode und Sebas­tian Jung sind begehrt, auch ist nicht klar, wie es mit Trainer Armin Veh wei­ter­geht. Wohin geht die Reise mit der Ein­tracht?
Es ist doch ganz natür­lich, dass die Jungs mit ihren Leis­tungen Begehr­lich­keiten wecken. Sie sind beide jung und spielen eine starke Saison. Für das Team ist das nicht stö­rend. Es ist ja nicht so, dass die beiden nicht mehr alles für die Mann­schaft geben würden. Seppl Rode ackert, macht und tu genauso wie vorher. Ob da jetzt andere Ver­eine dran sind, ist doch egal.
 
Und der Trainer? Kapitän Pirmin Schwegler sagte unlängst, er habe kein gutes Gefühl, dass Armin Veh über die Saison hinaus in Frank­furt bleibt.
Ich denke, der Mann­schaft täte es sehr, sehr gut, wenn der Trainer bleiben würde. Wir sind sehr erfolg­reich mit ihm und er mit uns. Aber letzt­lich muss er die Ent­schei­dung treffen.
 
Frank­furt hat eine sehr lei­den­schaft­liche Fan­szene, die schnell ins Träumen gerät. Werden Sie des Öfteren mal auf den Euro­pa­pokal ange­spro­chen?
Man merkt die Euphorie in der Stadt. Überall hängen Fahnen und jedes Auto hat einen Wimpel am Spiegel. Auch dass die Fans uns feiern, wenn es mal nicht so läuft, zeigt, dass sie von der Saison begeis­tert sind und dass die Sehn­sucht nach Europa da ist. Aber das ist ja auch normal als Fan. Wenn die Mann­schaft so dasteht wie zur Zeit, wollen die Fans natür­lich auch das Maximum.
 
Aber Ihr Bäcker for­dert nicht die Qua­li­fi­ka­tion zur Europa-League, wenn Sie mor­gens Ihre Bröt­chen holen gehen?
Nein. Aber wahr­schein­lich nur, weil ich mor­gens nicht zum Bäcker gehe (lacht).
 
Wie kommt man wieder auf den Boden, wenn man vor 50.000 Zuschauern gespielt und viel­leicht sogar ein Tor geschossen hat?
Nach Punkt­spielen lieg ich bis drei Uhr früh wach. Da ist man so brutal unter Adre­nalin und auf­ge­dreht, dass man nicht schlafen kann, obwohl man hun­de­müde ist.
 
Haben Sie einen Aus­gleich? Eine Art Ventil?
Motorrad fahren ist mein Hobby. Im Sommer fahre ich viel, nach der Saison geht es auf dem Motorrad für ein paar Tage nach Ita­lien.
 
Waren Sie eigent­lich mal im Ein­tracht-Ver­eins­mu­seum?
Ja, das habe ich mir schon ange­sehen. Sehr inter­es­sant.
 
Haben Sie ein Lieb­lings­ex­ponat?
Spontan fällt mir keins ein.
 
Steht dort irgend­wann etwas von Ihnen?
Das weiß ich nicht. Wahr­schein­lich nicht.
 
Viel­leicht der Schuh, mit dem Sie einst im Jahr 2013 das ent­schei­dende Tor zur Cham­pions-League-Qua­li­fi­ka­tion schossen?
Naja, ein Holz­schuh viel­leicht (lacht).