Seite 4: „Es war alles umsonst, weil sich alles gegen uns verschworen hat“

Schicksal.
Pla­tini: Wir Fran­zosen konnten damals ein Spiel nur gewinnen, wenn wir wirk­lich, wirk­lich gut spielten. Die Deut­schen mussten nicht zwin­gend gut sein, um am Ende zu gewinnen. Das war das Pro­blem meiner Genera­tion.

Sie hadern schon ein biss­chen.
Pla­tini: Bei Tur­nieren geht es nur um den Pokal. Es sind Zufälle, die ent­scheiden. Wenn der Referée 1982 Schu­ma­cher vom Platz gestellt hätte, wäre das Spiel anders ver­laufen. Und 1986 habe ich ein Tor zum Aus­gleich geschossen, aber der öster­rei­chi­sche Lini­en­richter – kein Deut­scher, aber ein halber – ent­schied auf Abseits. Das sind Momente, die bei Spielen zwi­schen großen Teams ent­scheiden.

Kurz bevor das Halb­fi­nale 1986 endet, kommen Sie einen Augen­blick zu spät, um vor Schu­ma­cher den Ball ins Tor zu schieben. Als er vor Ihnen am Boden liegt, deuten Sie mit dem Fuß an, dass Sie ihm am liebsten treten würden.
Pla­tini: Ich erin­nere mich. Ein dumme Aktion! Aber ich war so ent­täuscht. Einer dieser Momente, in dem einem bewusst wird: Es war alles umsonst, weil sich alles gegen uns ver­schworen hat. Gegen Deutsch­land hatte ich dieses Gefühl leider oft.

Dabei beteu­erte Team­chef Franz Becken­bauer mehr­fach, dass er gar nicht ver­stehen könne, wie der DFB-Kader 1986 soweit kommen konnte. 
Rum­me­nigge: Franz war wirk­lich lustig. Ich war damals Kapitän und er kam abends öfter zum Reden auf mein Zimmer. Vor dem Vier­tel­fi­nale gegen Mexiko sagte er: Wenn wir uns da gut ver­kaufen und aus­scheiden – kein Pro­blem.“ Und wir besiegten Mexiko in einem schwa­chen Spiel im Elf­me­ter­schießen. Vor dem Match gegen Frank­reich sagte er: Mit der Mann­schaft ins Halb­fi­nale – mehr geht nicht! Unter nor­malen Umständen haben wir gegen die Fran­zosen keine Chance!“ Aber das Spiel lief von Beginn an in unsere Rich­tung.

Es gibt keine häss­li­chen Gewinner“

Und Sie erreichten das Finale, wo Sie knapp mit 2:3 gegen Argen­ti­nien unter­lagen.
Rum­me­nigge: Das Pro­blem war, dass Franz nach dem Halb­fi­nale auf­hörte, uns klein zu reden. Nach dem Halb­fi­nal­sieg hatten plötz­lich alle das Gefühl, dass wir auch Argen­ti­nien schlagen können. Er hätte uns ruhig weiter klein­reden sollen, dann wären wir viel­leicht Welt­meister geworden. (Lacht.)

Karl Hein Rum­me­nigge, Michel Pla­tini, waren die Fran­zosen im WM-Halb­fi­nale 2018 gegen Bel­gien so etwas wie die Deut­schen der Acht­ziger?
Rum­me­nigge: Was meinen Sie?

Häss­liche Gewinner?
Rum­me­nigge: Es gibt keine häss­li­chen Sieger. Wer gewinnt, hat es auch ver­dient zu gewinnen.
Pla­tini: Unsere heu­tige Mann­schaft ist sehr kom­plett. Auch eine Folge der Ent­wick­lung, die wir in den Acht­zi­gern ange­stoßen haben. In Bel­gien sind sie noch nicht so weit.
Rum­me­nigge: Bel­gien war gut, aber Frank­reich war besser. Wenn Sie jeden ein­zelnen Spieler ver­glei­chen, hatte Frank­reich die Nase um fünf Pro­zent vorn. Und das macht in diesen Spielen den Unter­schied.
Pla­tini: Deutsch­land ist seit 1954 in der Lage, auf der großen Bühne Spiele für sich zu ent­scheiden. Frank­reich seit 1982. Und Bel­gien eben erst seit acht oder zehn Jahren.

Letzte Frage: Inwie­weit erkennen Sie noch den aktiven Spieler wieder, wenn Sie sich jetzt gegen­über sitzen?
Pla­tini:
Wir haben unter­schied­liche Wege ein­ge­schlagen. Ich wollte nach meiner Zeit als Natio­nal­trainer nicht mehr in einem Klub arbeiten, ich wollte den poli­ti­schen Weg ein­schlagen und Fuß­ball auf anderer Ebene prägen. Das bedeutet, dass ich sams­tags und sonn­tags andere Dinge mache als Kalle. Als Bayern gegen Chelsea 2012 das Cham­pions-League-Final verlor, spielte das Geschehen auf dem Rasen für mich eine unter­ge­ord­nete Rolle. Ich hoffte, dass die Ver­an­stal­tung gut läuft und sich 80 000 Fans im Sta­dion wohl fühlen. Es war keine Frage von Gewinnen oder Ver­lieren mehr.
Rum­me­nigge: Aber im Fuß­ball ist auch nicht immer ent­schei­dend, dass man gewinnt.

Son­dern?
Rum­me­nigge: Dass den Men­schen im Gedächtnis bleibt, wie ein Spiel gelaufen ist.
Pla­tini: Und dass wir uns auch in Zukunft fragen, wer den Rasen am Ende als Sieger ver­lässt.