Seite 3: „Ich schaue mir gern Niederlagen an“

Alain Giresse sagt, er kann die Nacht von Sevilla“ nur bis zu Rum­me­nigges Ein­wechs­lung anschauen. Patrick Bat­tiston traute sich erst 2014, die Auf­zeich­nung noch einmal anzu­sehen. Schauen Sie sich noch alte Spiele an?
Pla­tini: Nein.
Rum­me­nigge: Ich schaue mir gern Nie­der­lagen an.
Pla­tini: Er kann das sagen, er hat ja nicht so viele große Spiele ver­loren.
Rum­me­nigge: Nie­der­lagen sind zwar bitter, aber sie bringen einen Fuß­baller zurück auf den Boden – und sie gehören zum Fuß­ball dazu. Jedes Jahr im Sommer schaue ich mir in meinem Feri­en­haus die Nie­der­lage des FC Bayern im Finale dahoam“ 2012 an – und jedes Mal ent­decke ich neue Aspekte.

Klingt sehr rational.
Rum­me­nigge: Und ich erin­nere mich, wie Pierre Litt­barski nach der Final­nie­der­lage 1982 gegen Ita­lien wei­nend in der Kabine saß und ich zu ihm sagte: Litti, hör auf zu heulen, es bringt nichts. Du musst akzep­tieren, dass wir heute keine Chance hatten.“
Pla­tini: Auch weil ihr nach dem Halb­fi­nale erst um sechs Uhr mor­gens im Bett wart.
Rum­me­nigge: Nach dem Elf­me­ter­schießen gegen Frank­reich war bei unserem Flug­zeug ein tech­ni­sches Pro­blem auf­ge­treten. Daher konnten wir erst um vier Uhr morgen nach Madrid zurück­fliegen. Als ich dort gegen sechs Uhr mor­gens ein­ge­schlafen war, wurde ich gleich wieder von Lärm vor meinem Fenster geweckt. Direkt unter meinem Fenster im ersten Stock gab Toni Schu­ma­cher eine Pres­se­kon­fe­renz. Und als ich hörte, was er erzählte, dachte ich nur: Oh, Toni, lass es bleiben…“
Pla­tini: In der Nacht hat er bestimmt kein Auge zuge­macht.

Sie haben den euro­päi­schen Fuß­ball nach der aktiven Lauf­bahn auch auf offi­zi­eller Ebene geprägt: Karl-Heinz Rum­me­nigge ab 2008 neun Jahre lang als Chef der European Club Asso­cia­tion (ECA) und Michel Pla­tini seit 2007 als UEFA-Prä­si­dent.
Pla­tini: Und wir haben uns in diesen Funk­tionen gut ergänzt. Weil ich denke, dass bei unseren Ent­schei­dung stets im Vor­der­grund stand, was dem Fuß­ball hilft und ihn voran bringt.

Meinen Sie Fuß­ball als Spiel oder Fuß­ball als Geschäft?
Rum­me­nigge: Nur wenn die Qua­lität des Pro­dukts stimmt, nützt es auch dem Geschäft. Und da befinden wir uns momentan in einigen Berei­chen auf dem fal­schen Weg.

Was meinen Sie?
Rum­me­nigge: Es kann nicht sein, dass wir Dinge ein­führen, die geschäft­lich attraktiv erscheinen, aber das Pro­dukt ver­wäs­sern. Schauen Sie sich die Euro­pa­meis­ter­schaft an. Als Deutsch­land 1972 den Titel gewann, nahmen vier Teams am Tur­nier teil. Als ich 1980 die EM holte, waren es acht. Inzwi­schen treten 24 Mann­schaften dort an – und wenn es so weiter geht, bekommen dem­nächst alle 55 euro­päi­schen UEFA-Mit­glieds­ver­bände einen Start­platz.
Pla­tini: Das größte Pro­blem ist, dass die Ver­eine immer mehr Geld benö­tigen, um sich die besten Spieler leisten zu könnten. Ich glaube, da liegt das Kern­pro­blem des Fuß­balls. Beim Bosman-Urteil ging es darum, dass ein Spieler, dessen Ver­trag aus­läuft, in der Wahl seines Arbeits­ge­bers und ‑ortes frei ist. Die nega­tive Begleit­erschei­nung des Urteils aber war, dass die Profis nun grenz­über­schrei­tend frei zir­ku­lieren und sich reiche Ver­eine theo­re­tisch die elf besten Spieler der Welt zu einem Team zusam­men­kaufen können. Das ist schlecht! Denn so steigt die Bere­chen­bar­keit des Spiels. Des­wegen war es stets mein Anliegen als UEFA-Prä­si­dent, allen Ver­einen die Chance zurück­zu­geben, die Cham­pions League zu gewinnen. Das ist nicht ein­fach, aber es muss unser Ziel sein.

Mein Bauch­ge­fühl sagt: Ich habe Hunger!“

Sonst? 
Pla­tini: Werden die Leute irgend­wann nicht mehr zum Fuß­ball gehen, weil sie schon ahnen, wer gewinnt.
Rum­me­nigge: Die euro­päi­sche Politik hat uns hier einen Bären­dienst erwiesen. Als Michel ver­suchte, Finan­cial Fair­play ein­zu­führen, waren wir oft in Brüssel, um uns für Salary Caps ein­zu­setzen. Aber der Euro­päi­sche Gerichtshof wollte nicht ver­stehen, wie das Bosman-Urteil die Fuß­ball­welt ver­än­dert hat und dass Spieler längst irra­tional hoch bezahlt werden.

Den­noch plä­dieren Sie für die Ein­füh­rung der euro­päi­schen Super­liga.
Rum­me­nigge: Stimmt nicht! Die Idee zur Grün­dung einer sol­chen Liga stammt von einigen Klub­ver­tre­tern aus Süd­eu­ropa. Wir hatten noch vor zwei Jahren ein Mee­ting in Bar­ce­lona, bei dem ich irgend­wann in die Runde fragte: Gen­tlemen, glauben Sie wirk­lich, die Men­schen da draußen warten sehn­süchtig auf diese Super­liga?“ Alle blickten mich mit großen Augen an. Mein Bauch­ge­fühl sagt mir, dass so ein Pro­jekt alle natio­nalen Ligen beschä­digen würde. Denn alle würden von heute auf morgen nur noch zweit­klassig sein. Aber viele Ver­eine ver­folgen zu sehr ihre wirt­schaft­li­chen Eigen­in­ter­essen. Wie Michel schon sagte, es ist wichtig, dass wir das Spiel im Fokus behalten.

Sie meinen also, es wird am Ende nichts mit der Super­liga?
Rum­me­nigge: Ich ver­mute, dass diese Liga eines Tages kommen wird. Aber fragen Sie mich nicht, wann. Ich bin froh, dass die Grün­dung nicht mehr in meine Ver­ant­wor­tung als Chef der ECA fällt. Bei meiner Abschieds­feier 2017 habe ich zu Herrn Čeferin und zu Herrn Infan­tino gesagt, dass wir einen gesunden Mit­telweg unter den Ver­einen brau­chen – aber auch genug Geld für die Top-Klubs, denn sie sind der Motor des gesamten Fuß­balls.

Michel Pla­tini, was sagt Ihr Bauch­ge­fühl zur Super­liga?
Pla­tini: Mein Bauch­ge­fühl sagt: Ich habe Hunger! (Lacht.)
Rum­me­nigge: Michel, wir haben eine gute Küche im Haus.
Pla­tini: Wir brau­chen keine pri­vate, geschlos­sene Liga, mal ganz davon abge­sehen, dass die euro­päi­schen Gesetze eine pri­vate Liga bis­lang nicht zulassen. Wir brau­chen mehr Chan­cen­gleich­heit unter den Ver­einen. Denn wir haben bereits das Pro­blem in allen großen Ligen, dass nach spä­tes­tens fünf Spiel­tagen überall die­selben Ver­eine domi­nieren, die seit Jahren oben stehen. Die Fans ver­stehen das nicht mehr. Das wird ein Pro­blem werden.

Ver­loren habe ich nicht gegen die Deut­schen, son­dern gegen sehr gute Mann­schaften“

Das heißt?
Pla­tini: Ich weiß nicht, ob es die FIFA oder die UEFA in einigen Jahren in der bis­he­rigen Form noch gibt.
Rum­me­nigge: Die Klubs sind heute viel besser gema­nagt als vor zehn oder zwanzig Jahren – und die Ver­eine werden noch deut­lich an Bedeu­tung und Ein­fluss hin­zu­ge­winnen.
Pla­tini: Bedenken Sie, dass der UEFA-Prä­si­dent bis­lang nicht von den Ver­einen, son­dern von den Natio­nal­ver­bänden gewählt wird.
Rum­me­nigge: Aber ein Rückzug aus der UEFA würde bedeuten, den Frieden in der Fuß­ball­fa­milie zu beschä­digen. Und die Loya­lität und Har­monie in dieser Familie hat bis­lang immer noch dazu geführt, dass wir gemein­same Lösungen gefunden haben.

Karl Heinz Rum­me­nigge, fehlt Ihnen Michel Pla­tini in der Spitze der UEFA?
Rum­me­nigge: Wir hatten auf und abseits des Rasens stets ein gutes Ver­hältnis. Und ich stimme mit Michel überein, dass wir Ent­schei­dungen stets im Sinne des Fuß­balls getroffen haben.
Pla­tini: Wir haben getan, was wir tun mussten. Kalle war stets ein guter Partner. Nun müssen andere Leute die Ent­schei­dungen treffen – und Lösungen finden.

Fällt es Ihnen wirk­lich leicht los­zu­lassen, Michel Pla­tini?
Pla­tini: Ich bin kein Jour­na­list. Ich spreche nicht über Dinge, die aus meiner Sicht getan werden sollten, son­dern über Dinge, die ich tun kann. Als ich Prä­si­dent war, habe ich Dinge ent­schieden, die ich für richtig hielt, denn ich war der Boss. Nun bin ich nicht mehr in der Situa­tion zu ent­scheiden, also ist es besser, nicht dar­über zu spre­chen, was ich täte, wenn ich es könnte.

Zurück zum Fuß­ball: Sind die Deut­schen der Schatten, der über Ihrer aktiven Lauf­bahn liegt? Sie ver­loren zwei WM-Halb­fi­nals gegen die DFB-Elf und 1983 mit Juve auch das Lan­des­meis­tercup-End­spiel gegen den HSV.
Pla­tini: Aber ich habe das EM-Finale 1984 gegen Spa­nien gewonnen und ein Jahr später gegen Liver­pool den Euro­pa­pokal. Und wir haben den HSV mit St. Eti­enne im Volks­park­sta­dion 1980 mit 5:0 besiegt.

Punkt für Sie.
Pla­tini: Ver­loren habe ich nicht gegen die Deut­schen, son­dern gegen sehr gute Mann­schaften. Und ich habe ein wesent­lich grö­ßeres Pro­blem mit deut­schen Poli­ti­kern als mit deut­schen Fuß­bal­lern. Denn deut­sche Poli­tiker haben dafür gesorgt, dass ich aktuell nicht im Fuß­ball sein darf. (Lacht.)

Den­noch tut die Halb­fi­nal­nie­der­lage bei der WM 1986 bis heute weh.
Pla­tini: Wenn sie ein Spiel ver­lieren, das sie nicht ver­lieren müssen, ist oft der Schieds­richter Schuld. So war es 1986. Bei dieser WM hatten wir es ver­dient, ins Finale zu kommen. Wir hatten Ita­lien und Bra­si­lien besiegt, aber im Halb­fi­nale hatten wir einen schlechten Tag.