Seite 2: „Es könnte ein guter Tag werden“

Es werden den Spie­lern heute Unmengen von Daten über den Gegner zur Ver­fü­gung gestellt, neu­er­dings sogar auf einem Tablet am Spiel­feld­rand. An wel­cher Stelle auf dem Platz denken Sie daran, und wann reagieren Sie intuitiv?

Das heißt ja nicht, dass ich immer nur links an meinen Gegen­spieler vor­bei­gehe, weil ich gelernt habe, dass er rechtsrum stärker ist. Es geht mehr um die Lauf­wege. Gar nicht so sehr um den Laufweg des Spie­lers, der den Ball hat, son­dern um die Spieler und ihre Lauf­wege, die nicht den Ball haben. Das ist ent­schei­dend, gerade bei diesem Tur­nier.

Das müssen Sie uns erklären.

Das ist extrem wichtig, weil es darum geht, welche fünf Spieler den Ball bekommen könnten. Es geht um stän­dige Bewe­gungs­ab­läufe, auf die man einen Blick haben muss. Aber zu Ihrer Frage noch mal: Klar schaue ich mir einige Dinge und Daten über den Tor­wart bei­spiels­weise an, aber wenn du auf ihn zuläufst, dann denke ich nicht: Weil links seine bes­sere Seite ist, schieße ich den Ball rechts an ihm vorbei, obwohl links die kom­plette Ecke offen ist. Das ist alles situa­ti­ons­be­dingt. Man kann viel vor­be­reiten, aber am Ende sind wir dann auf­ge­for­dert, die rich­tigen Lösungen spontan zu finden.

Dienen die Daten also in erster Linie dem Gefühl der Sicher­heit?

Nein, die sind schon gut. Man sieht immer Stärken und Schwä­chen eines Geg­ners. Aber für den ball­füh­renden Spieler sind sie eher weniger von Bedeu­tung.

Wie hat sich über­haupt das Pro­fi­da­sein durch die mediale Technik gewan­delt in den letzten Jahren?

Sehr. Das ist auch echt ein hartes Thema für Sie als Jour­na­listen. Sie sind hier und letzt­end­lich müssen Sie berichten, obwohl nicht viel pas­siert. Ich kann das kom­plett nach­voll­ziehen, dass unsere schwache Chan­cen­ver­wer­tung im Spiel gegen Nord­ir­land daher wie ein Geschenk auf­ge­nommen wurde, weil drei Tage lang dar­über phi­lo­so­phiert werden konnte. Was gibt es sonst?

Sagen Sie es uns!

Nichts. Wir haben ein Super­team, es pas­siert da nichts. Alle ziehen an einem Strang, das sind alles gute Cha­rak­tere, jeder hat hier ein klares Ziel. Dass Ihr Jour­na­listen natür­lich immer wieder neue Dinge kre­ieren und neu erfinden müsst, das ist bestimmt unheim­lich schwer. Und das ist noch viel extremer als noch vor ein paar Jahren. Ich glaube auch nicht, dass das schon das Ende ist, das wird noch wei­ter­gehen.

Zum Bei­spiel?

Viele Spieler sind ja schon selber halbe Jour­na­listen, jeder bringt sich über seine Social-Media-Kanäle so in Posi­tion, wie er es gern hätte. Span­nend bleibt auf jeden Fall, wie das wei­ter­geht.

Im Unter­schied zu Ihrer Posi­tion auf dem Spiel­feld sind Sie in dieser Hin­sicht sehr defensiv aus­ge­richtet. In diesem Jahr haben Sie 13 Tweets abge­setzt.

Ja, defi­nitiv. Ich weiß nicht, ich habe dazu noch nicht so den Draht gefunden. Aber das ist jedem selbst über­lassen. Mitt­ler­weile ist das ja auch schon mehr als nur ein per­sön­li­cher Gebrauch. Das nennt man dann wohl Teil des Geschäfts, aber da bin ich zum Glück noch nicht ange­kommen. Ich bin gene­rell offen für diese Medien und auch aus­ge­gli­chener geworden, was das betrifft und weniger auf­ge­regt als vor ein paar Jahren. Aber man muss nicht alles mit­ma­chen.

Sie haben am Tag des EM-Finales Geburtstag und haben gesagt, dass Sie sich mit dem Titel beschenken wollen.

Nicht mich, son­dern uns beschenken! (lacht) Vor einem Jahr habe ich das mit­ge­kriegt. Ich hatte zwei schwie­rige Jahre in Flo­renz hinter mir und wusste nicht, wie es wei­ter­geht. Seitdem habe ich viel inves­tiert, habe ver­sucht, alles raus­zu­hauen, und glaube, dass es mir bis hierhin ganz gut gelungen ist. Aller­dings reicht es nicht, nur davon zu träumen, man muss es auch umsetzen. Das wird noch ein schwerer Weg, wenn man sieht, wer da noch auf uns zukommen könnte. Aber als ich das Datum des EM-Finals gesehen habe, musste ich schmun­zeln und habe zu mir gesagt: Es könnte ein guter Tag werden.