Horst Wagen­breth sitzt im Klub­heim am Ham­burger Rothen­baum und ver­steht die Welt nicht mehr. Vor der Tür tobt ein Mob. Wütende Männer, sie heben ihre Regen­schirme, ballen die Fäuste, schi­cken wüste Beschimp­fungen durch einen Fens­ter­spalt.



Die Tumulte dauern nun bei­nahe eine Stunde, sie begannen 25 Minuten vor Ende der Partie. Uwe Seeler hatte gegen Wagen­breth zwei Kopf­ball­du­elle in Folge ver­loren. Nichts, was den Dicken für gewöhn­lich auf die Palme brachte, doch heute war das anders. Seeler war bis zu diesem Zeit­punkt ein­fach nichts gelungen, bei jedem Zwei­kampf hatte er die Stollen des Bre­mer­ha­vener Ver­tei­di­gers auf den Kno­chen gespürt. Er schickte Wagen­breth mit einem Tritt auf den Rasen – und Schieds­richter Walter Höfel aus Braun­schweig tat das, was vor ihm noch nie jemand getan hatte: Er ver­wies das Ham­burger Idol des Feldes.

Ein Spieß­ru­ten­lauf, ein Sprung über den Zaun

Für die HSV-Fans war das zu viel. Ein Platz­ver­weis für Uns Uwe“. Für diesen Sports­mann. Und dazu noch am Rothen­baum, in seinem Wohn­zimmer. Ein Novum“, erin­nert sich Ham­burgs Ober­li­ga­re­kord­spieler Jochen­fritz Meinke, der damals wenige Meter vom Geschehen ent­fernt stand. Uwe war ja ein Sports­mann, hat sich in seiner ganzen Kar­riere nie was zu Schulden kommen lassen. Und den­noch: Dieser Ver­weis war berech­tigt!“

Für Wagen­breth, dem die Fans Schau­spie­lerei vor­werfen, beginnt nach dem Platz­ver­weis ein Spieß­ru­ten­lauf. Er kann kaum noch einen Ball annehmen.. Die Fouls häufen sich, das Spiel gerät aus den Fugen, doch der Schieds­richter findet nicht den Mut zu einer wei­teren Kon­se­quenz“ („Sport Magazin“). Nach dem Spiel rettet sich Wagen­breth mit einem Hecht­sprung über einen Zaun in Rich­tung Klub­heim.

Hoo­li­gans gab es ja noch gar nicht“

Dort kommt Uwe Seeler mit einem Ver­söh­nungs­bier an seine Seite: Horst, ich weiß auch nicht, was los war“, ent­schul­digt er sich. Und Wagen­breth lächelt milde. Wie er den Weg zum Mann­schaftsbus von Bre­mer­haven 93 ohne Poli­zei­schutz schaffen soll, fragt er dann, wäh­rend die Rufe der Leute lauter werden. Sie drohen nun­mehr mit Lynch­justiz. Die wollten ihm an den Kragen, doch ob es tat­säch­lich Prügel gegeben hätte, wage ich zu bezwei­feln“, sagt Meinke. Hoo­li­gans gab es ja noch gar nicht. Das war nicht üblich.“


Seeler und Wagen­breth beraten sich. Und wenige Minuten später steht der Ham­burger mit einem langen Mantel vor seinem Kon­tra­henten, einen Hut hat er auch orga­ni­siert, um die mar­kante hohe Stirn des 35-jäh­rigen Abwehr­hünen zu ver­bergen. Wagen­breth kos­tü­miert sich film­reif, dann öffnet er die Tür einen Spalt – und wird prompt erkannt. Alles zurück. Die Jour­na­listen haben sich inzwi­schen um Wagen­breth ver­sam­melt. Der nuschelt aber nur: Was ist das doch für eine geis­tige Armut.“ Und in der Ferne sieht er, wie der Bus das Gelände des Rothen­baums ver­lässt.

In diesem Moment kommt Seeler eine andere Idee: Er bestellt ein Taxi zum Hin­ter­aus­gang. Und dieses Mal geht alles gut. Das Taxi holt den Bus im Ver­kehr ein und erreicht ihn am Ham­burger Haupt­bahnhof – der­weil einige zor­nige Männer immer noch am Rothen­baum warten.

Die Strafe: Der HSV muss nach Bremen

Damit ist die Sache natür­lich nicht gegessen: Die Presse hat ihren Eklat. In den nächsten Tagen titelt etwa das Ham­burger Abend­blatt: Das hatte der HSV nicht nötig!“ Und das Sport-Magazin schreibt: Uwe vom Platz! Toller Skandal!“ Zehn Tage später ver­han­delt der Nord­deut­sche Fuß­ball­ver­band die Kon­se­quenzen für der HSV. Uwe Seeler wird für zwei Punkt­spiele gesperrt und der HSV muss sein nächstes Heim­spiel gegen Meis­tershafts­kon­kur­renten Ein­tracht Braun­schweig auf einem ver­meint­lich neu­tralen Platz aus­tragen – in Bremen.

Der Klub­ver­ant­wort­li­chen und Spieler sind außer sich. Sie pol­tern gegen den Ver­band und gegen den Schieds­richter. Die Meis­ter­schaft scheint dahin. Und Uwe Seeler? Der spricht bis heute ungern über den ein­zigen Platz­ver­weis seiner Kar­riere. Dabei geht am Ende alles gut aus: Im Bremer Weser­sta­dion gewinnt der HSV gegen Braun­schweig nach einem 0:4‑Rückstand mit 6:4, wird Nord­deut­scher Meister und im Mai 1958 Deut­scher Vize­meister.

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