Vor einigen Jahren flog ich an einem Sonntag von Bar­ce­lona nach Berlin. Eigent­lich sollte der Flug bereits am Nach­mittag statt­finden, ver­schob sich wegen eines Win­ter­ein­bruchs in Deutsch­land aller­dings bis in den Abend hinein. Die Stim­mung unter den Flug­gästen wurde immer ange­spannter, aber irgend­wann star­tete die Maschine dann doch, und so schien alles ein halb­wegs gutes Ende zu nehmen. Bis sich eine halbe Stunde vor der Lan­dung der Pilot mel­dete, um mit­zu­teilen, dass der Flieger es leider erst ein paar Minuten zu spät nach Berlin schaffen würde und wegen des Nacht­flug­ver­bots nach Leipzig umge­leitet werden müsse. Für Busse sei aber gesorgt.

So etwas kommt hin und wieder mal vor, es ist also nicht so, dass keiner nach­voll­ziehen könnte, wie genervt der Tross des FC Bayern war, als er am späten Frei­tag­abend bezie­hungs­weise frühen Sams­tag­morgen auf der Roll­bahn des BER hängen blieb. Auch im Flieger aus Bar­ce­lona herrschte damals bestimmt keine Par­ty­stim­mung, zumal die Leute vorher nicht bei Saft und Häpp­chen in der Luxus­klasse gesessen, son­dern stun­den­lang auf harten Bänken im War­te­be­reich des Flug­ha­fens aus­ge­harrt hatten. Doch abge­sehen von ein paar Flü­chen haben sich alle mit der Situa­tion arran­giert. Weil sie wussten, dass so etwas nun mal pas­sieren kann, wenn man im Winter auf Reisen geht.

Das Drama: eine ver­scho­bene Trai­nings­ein­heit

Nicht ganz über­ra­schend ist dem FC Bayern derlei Schick­sals­er­ge­ben­heit fremd. Statt­dessen wet­tern Karl-Heinz Rum­me­nigge und Uli Hoeneß über eine Unver­schämt­heit“, einen Skandal ohne Ende“ und fühlen sich total ver­arscht“. Lar­moy­antes Fazit Rum­me­nigges: Die Ver­ant­wort­li­chen wissen gar nicht, was sie unseren Spie­lern damit angetan haben.“

Ja, das ist eine berech­tigte Frage: Was haben die Ver­ant­wort­li­chen den Bayern-Spie­lern angetan? Dass eine Reise etwas weniger kommod ver­läuft als gedacht, das kommt in dieser Jah­res­zeit schon mal vor. Wer das nicht aus­hält, der muss daheim auf dem Sofa bleiben. Zumal, dem Ver­nehmen nach, die dra­ma­tischste Folge der ver­spä­teten Ankunft in Doha die war, dass eine rege­ne­ra­tive Ein­heit des Kaders ver­schoben werden musste. Keine Frage, der FC Bayern wird am Montag zu seinem Halb­fi­nal­spiel gegen Al Ahly antreten können. Und er wird in einem wett­be­werbs­fä­higen Zustand sein.

Damit keine Miss­ver­ständ­nisse auf­kommen: Nie­mand kann den Bayern ver­denken, dass sie sich über den krummen Rei­se­ver­lauf geär­gert haben. Außerdem kann man durchaus dis­ku­tieren, wie im Tole­ranz­be­reich von wenigen Minuten mit dem Nacht­flug­verbot zu ver­fahren ist – und dann ent­weder zum Ergebnis kommen, dass man in sol­chen Fällen mal ein Auge zudrü­cken kann, oder zu dem, dass das Augen­zu­drü­cken keine so gute Idee ist, weil es Aus­nahmen Tür und Tor öffnet. Was hin­gegen hane­bü­chen ist: zu glauben, dass ein Aus­nah­me­tat­be­stand allein schon dadurch gegeben ist, dass im Flug­zeug Profis des FC Bayern sitzen.

Genau das scheinen die Ver­ant­wort­li­chen des Rekord­meis­ters jedoch zu glauben, wenn etwa Hoeneß grimmt, der Klub würde in Katar schließ­lich den deut­schen Fuß­ball ver­treten, und das sei eine wich­tige Geschichte“. Seltsam, dabei dachten wir immer, der FC Bayern ver­trete bei diesem sport­lich ziem­lich obskuren Tur­nier in einem Land, in dem solche Wett­be­werbe eigent­lich nicht statt­finden sollten, vor allem sich selbst. Auch wenn es für Uli Hoeneß nur schwer zu begreifen ist: Die aller­meisten Fans von Werder Bremen oder Darm­stadt 98 wird es nicht die Bohne inter­es­sieren, ob die Bayern diese soge­nannte Klub­welt­meis­ter­schaft gewinnen oder nicht.

Ein Hauch Attila Hild­mann

Spä­tes­tens dann, wenn Rum­me­nigge hadert, in Bran­den­burg, dem für den BER-Betrieb zustän­digen Bun­des­land, sei irgend­einer, der den FC Bayern nicht mag oder irgendein Pro­blem mit dem FC Bayern hat und uns dem­entspre­chend Hürden in den Weg gestellt hat“, schwappt die Sache ins unfrei­willig Komi­sche, mit einem Hauch Attila-Hild­mann-Ver­schwö­rungs­gestus. Man stelle sich dazu einen bran­den­bur­gi­schen Büro­kraten mit Energie-Cottbus-Fan­schal vor, der sich dia­bo­lisch ins Fäust­chen lacht und froh­lockt: Da habe ich’s den blöden Bayern aber mal richtig gezeigt!“ Als ob die Welt im Moment keine anderen Sorgen hat.

Und das ist dann tat­säch­lich der ernste Kern dieser sonst eher put­zigen Posse. Der Fuß­ball mag ja durchaus ab und zu mal öffent­lich Demut bekunden in diesen Zeiten. Viele seiner Prot­ago­nisten halten sich aber immer noch für das Zen­trum des Uni­ver­sums.