Es war der 17. Mai 2008. Das letzte Spiel einer Saison, die zu diesem Zeit­punkt schon ent­schieden war. Der FC Bayern Mün­chen würde nach dem 4:1‑Sieg über Hertha BSC erneut die Meis­ter­schale in den Händen halten, doch daran erin­nere ich mich nicht mehr so genau. Zu häufig hatte Oliver Kahn in den ersten Jahren meiner fuß­bal­le­ri­schen Sozia­li­sa­tion Da ist das Ding!“ gerufen und wieder einen Pokal in die Höhe gestemmt. In meinem Kopf blieb viel­mehr das trä­nen­reiche Gesicht eines älteren Herren, der vor dem Anpfiff in den ver­dienten Klub­ru­he­stand geschickt wurde. Man muss auf­passen, dass Weinen nicht als Schwäche aus­ge­legt wird“, hatte Ottmar Hitz­feld nach seiner ersten Meis­ter­schaft mit Borussia Dort­mund 1995 gesagt. Zwölf Jahre später wider­legte er sein eigenes State­ment.

Ich erin­nere mich an keinen wei­teren Emo­ti­ons­aus­bruch aus der Trai­ner­kar­riere von Ottmar Hitz­feld, fernab eines kleinen Lächelns oder einem sanften Hän­de­klat­scher nach einem wich­tigen Tor. Nach dem trau­rigsten Kapitel der bay­ri­schen Ver­eins­ge­schichte, jener Nacht in Bar­ce­lona 1999, weinten andere Akteure, lagen andere Men­schen auf Platz. Der General“ schaute sich mit ver­schränkten Armen hinter seinem Rücken die Jubel­ze­re­monie Man­ches­ters fast regungslos an. Nicht, dass der gebür­tige Lör­ra­cher nicht hätte getröstet werden müssen. Das Sorry“ und die Umar­mung von Sir Alex Fer­guson wurde auf der Pres­se­kon­fe­renz gerne ent­ge­gen­ge­nommen. Ich hätte auch gerne Trost gespendet, war aber zu sehr mit meinen eigenen Tränen beschäf­tigt.

Rot­wein in der Kabine

Mit jenem Sir Alex traf sich Hitz­feld vor großen Spielen ihrer Teams gerne auf einen Rot­wein in der Kabine. Viele Schlachten hätten sie schließ­lich geschlagen, aber sie mussten sich nie Mut antrinken, erklärte der Bayern-Coach später. Und doch passt die Rot­wein­an­ek­dote zum Gen­tleman, der immer adrett gekleidet, wie seine Kol­legen zumeist nur in der Cham­pions League, mit Sakko und Kra­watte auf der Bank saß. Auch gegen den SSV Ulm. Alleine dafür hätte er von mir schon längst den Sir“ ver­passt bekommen. Über Sir Alex Fer­guson wird erzählt, dass er einige Tage nach einer Herz­ope­ra­tion wieder auf dem Trai­nings­platz stand. Ich bin mir sicher, sein deut­sches Pen­dant hätte das gleiche getan. Hitz­feld hatte es, neben seiner über­wun­denen Burn-Out-Erkran­kung, aber eher mit dem Rücken.

Vor seiner Trai­ner­kar­riere wuchs Ottmar Hitz­feld als fünfter Sohn einer süd­ba­di­schen Familie auf. Durch einen Tele­fon­anruf beim FC Basel ver­schaffte er sich ein Pro­be­trai­ning und wurde mit diesem Verein zwei­fa­cher Schweizer Meister. Für die deut­sche Olympia-Aus­wahl 1972 schoss er fünf Tore. Zwi­schen­zeit­lich hatte er sein Staats­examen als Mathe- und Sport­lehrer bestanden. Doch dies sind eher Neben­säch­lich­keiten in seinem Tro­phä­en­schrank zwi­schen zwei Cham­pions-League-Titeln, dem Welt­pokal, DFB-Pokalen, Meis­ter­schalen und unzäh­ligen indi­vi­du­ellen Aus­zeich­nungen. Viel­leicht rührt der Auto­ri­täts­ge­danke, der Hitz­feld seit jeher umgab, aus seiner Aus­bil­dung als Lehrer. Ich würde nie mit einem ver­dienten Spieler in ein Restau­rant gehen, wenn es meine Auto­rität inner­halb der Mann­schaft unter­graben würde“, so Hitz­feld.

Ver­gleichbar mit Don Jupp

Ich konnte mich mit seinen Ansichten iden­ti­fi­zieren. Er war keiner dieser hüp­fenden und schrei­enden Flum­mi­trainer, ein uriger Feu­er­wehr­mann mit lus­tigen Schnauz­bart schon gar nicht. Hitz­feld strahlte in jedem Spiel Ruhe und Kon­zen­tra­tion aus. Auch beim Stand von 0:1 in Ham­burg und einem indi­rekten Frei­stoß in der letzten Minute. Viel­leicht ist er am ehesten mit dem heu­tigen Jupp Heynckes zu ver­glei­chen. Ehe­ma­lige Spieler beschrieben ihn zumeist als ein­fühl­samen Men­schen­führer, der sein Team wie ein Orchester zusam­men­stellte. Alle Mann­schafts­teile auf­ein­ander abge­stimmt, bestimmte dann der Diri­gent und Rota­ti­ons­meister Hitz­feld über den Ton­fall des Spiels. Wäh­rend einer titel­losen Saison 2003/04 hatte der Diri­gent scheinbar seinen Takt­stock ver­loren. Karl-Heinz Rum­me­nigge und Franz Becken­bauer stellten sich öffent­lich gegen ihn, eine Mann­schaft aus Ein­zel­kämp­fern sah ihren Trainer in der Dis­kus­sion und ließ sich gegen den neuen Meister aus Bremen mit 1:3 daheim abschlachten. Der­weil ver­han­delte Bayern Mün­chen bereits mit Nach­folger Felix Magath. Ein Abschied ohne Ehren­garde“, titelte die Süd­deut­sche. Ottmar Hitz­feld nannte es nach seinem Burn-Out-Geständnis 2006 eine Erlö­sung“. Grund genug, um sich vom FC Bayern end­gültig abzu­wenden.

Umso erstaun­li­cher, dass er im Februar 2007 noch einmal für den FC Bayern in die Bre­sche sprang, als die Zusam­men­ar­beit mit seinem eigenen Nach­folger Magath schei­terte. Plötz­lich war der General wieder da, ent­staubte den alten Feld­her­ren­trench­coat und berei­tete die nächste Schlacht vor. Auch ohne Ehren­garde. Im Cham­pions-League-Ach­tel­fi­nale konnte Real Madrid bezwungen werden. Roy Makaay hatte nach zehn Sekunden getroffen. Da wusste ich, nach all den Que­relen mit Quälix“ wird jetzt alles wieder gut. Ein Jahr später fei­erte der FCB das Double. Im letzten und bedeu­tungs­losen Sai­son­spiel gegen Hertha BSC ver­steckte der Gen­tleman sein Gesicht hinter dem rie­sigen Blu­men­strauß als beschütze er wei­terhin seine Auto­rität. Dann zeigte er seine Tränen dem gesamten Sta­dion. Eine Schwäche hatte er damit ganz gewiss nicht gezeigt.