Wenn es nach Heri­bert Bruch­hagen geht, stehen wir vor einer Zei­ten­wende. Vorbei die Zeit, in der ein Steh­platz noch deut­lich güns­tiger war als jeder Sitz­platz. Vorbei die Zeit, als sich die ört­liche Jugend, aus­ge­stattet mit wenig Geld, aber umso mehr fana­ti­scher Lei­den­schaft, auf den Steh­platz­tra­versen des Hei­mat­ver­eins sam­melte. Nach wie­der­holten Straf­zah­lungen an den DFB auf­grund des Fehl­ver­hal­tens von Teilen der Anhän­ger­schaft erwägt der Vor­stands­vor­sit­zende von Ein­tracht Frank­furt, die Strafen auf die Ticket­preise im Fan­block drauf­zu­schlagen. Kos­tete eine Steh­platz­karte bis­lang 14 Euro, neun Euro weniger als die güns­tigste Sitz­platz­karte, könnte sich der Unter­schied in Zukunft nivel­lieren. Bruch­hagen will so vor allem auf die Ultra-Szene dis­zi­pli­na­risch ein­wirken und sagt: Die Fans, die Fuß­ball lieben, müssen die Ober­hand gewinnen.“

Was Bruch­hagen vor­schlägt, ist jedoch nichts anderes als die Eta­blie­rung der Sip­pen­haft, auch Kol­lek­tiv­strafe genannt. Weil Wenige Ärger bereiten, Pyro­technik zünden oder unlieb­same Pla­kate zeigen, sollen alle bestraft werden. Gesell­schaft­lich sind der­ar­tige Straf­maß­nahmen ver­pönt, in der Schule gar ver­boten, doch der Umgang mit Fuß­ball­fans scheint anderen Gesetz­mä­ßig­keiten zu unter­liegen. Der DFB macht es vor: Indem er die Ver­eine für Ver­feh­lungen seiner Anhänger bestraft, spricht er den Klubs eine Ver­ant­wor­tung zu, der sie in der Mehr­zahl der Fälle nicht gerecht werden können. Penible Ord­ner­dienste, sozi­al­päd­ago­gi­sche Fan­pro­jekte und Appelle an die Fair­ness der Fans können einen Bier­be­cher- oder Böl­ler­wurf eines Ein­zelnen nicht ver­hin­dern. Sich gegen dieses unsin­nige Bestra­fungs­system der DFB-Gerichts­bar­keit auf­zu­lehnen, wäre der rich­tige Ansatz­punkt für Bruch­hagen, den frü­heren Vize-Geschäfts­führer der DFL. Statt­dessen gibt er den Druck nach unten weiter.

Erzwun­gene Selbst­dis­zi­pli­nie­rung

Doch wel­ches Zei­chen sendet ein Verein, der Tau­sende seiner treu­esten Fans bestrafen will, weil sich einige aus ihren Reihen nicht an die Regeln halten? Vor allem beweist er seine Hilf­lo­sig­keit. Die Dro­hung mit der Kol­lek­tiv­strafe steht für die vage Hoff­nung, die Fans könnten sich unter­ein­ander dis­zi­pli­nieren. Doch das wird nicht funk­tio­nieren. Geht es bei­spiels­weise um den uner­laubten Ein­satz von Pyro­technik wird sich ent­weder die Front zwi­schen Anhän­gern und Geg­nern ver­härten oder es kommt zu Soli­da­ri­sie­rungs­ef­fekten mit den Zünd­lern.

Eine Befrie­dung im Sinne der Ver­eine wird so nicht statt­finden. Und das ist kein Wunder, denn Sip­pen­haft ist auch in anderen gesell­schaft­li­chen Berei­chen längst keine Lösung mehr. Leh­rern ist die Bestra­fung einer ganzen Klasse wegen des Strei­ches eines ein­zelnen Schü­lers unter­sagt. Und zwar nicht nur, weil Päd­agogen den Sinn sol­cher Maß­nahmen bestreiten, son­dern auch weil es zu den fun­da­men­talen Rechts­grund­sätzen unserer Gesell­schaft gehört, keine Unschul­digen zu bestrafen. Bruch­hagen, der früher als Geo­gra­phie- und Sport­lehrer gear­beitet hat, sollte das eigent­lich wissen.

Dialog beendet

Ver­setzen wir uns einmal in die Köpfe der Fans: In der Som­mer­pause und an den ersten drei Spiel­tagen gab es große Hoff­nungen in der Ultra­szene, in Gesprä­chen mit dem DFB eine Lega­li­sie­rung der Pyro­technik zu errei­chen. Aller­orten wurde auf den Ein­satz der Freu­den­feuer ver­zichtet, um zu beweisen, wie ernst man es mit der eigenen Ver­hand­lungs­be­reit­schaft nehme. Doch beim DFB wollte plötz­lich nie­mand mehr etwas von frü­heren Abspra­chen wissen. Die Suche nach einem für alle Seiten trag­fä­higen Kom­pro­miss wurde ein­seitig beendet. Wie sollen jugend­liche Ultras dieses Ver­halten ver­stehen? Wäre es zu grö­ßeren Trotz­re­ak­tionen sei­tens der Fans gekommen, hätte das nie­manden ver­wun­dern dürfen.

Wenn nun auch noch die Ver­eine die Dia­log­be­reit­schaft beenden, wird das die Pro­bleme weiter ver­schärfen. Fans, die sich weder ernst genommen noch gerecht behan­delt fühlen, sind durch Ver­bote und Andro­hungen immer schlechter zu errei­chen. Heri­bert Bruch­hagen selbst, brachte es vor einiger Zeit auf den Punkt, als er in einem Inter­view in Bezug auf Pyro­technik sagte: Das kann man nicht mit mar­tia­li­schen Andro­hungen, son­dern nur mit Beson­nen­heit und Gesprä­chen regle­men­tieren.“ Daran sollte er sich wieder erin­nern.