Seite 2: Sinneswandel in der englischen Politik

Dabei hatte Crouch einen Vor­stoß des Pre­mier-League-Abstei­gers West Brom­wich Albion kurz zuvor abge­lehnt, in dessen Sta­dion zu Ver­suchs­zwe­cken 3.600 Rail Seats“ zu mon­tieren. Zur Begrün­dung hieß es im April, es sei nur eine laut­starke Min­der­heit“, die sich für Steh­plätze ein­setze. Die großen Klubs hätten kei­nerlei Ver­langen“ danach. Dass die Tot­tenham Hot­spur, Crouchs Lieb­lings­klub, beim Design ihres Sta­dion-Neu­baus die mög­liche Ein­füh­rung von Rail Seats“ schon ein­ge­plant haben – geschenkt!

Sin­nes­wandel

Die eng­li­sche Times“ schrieb ange­sichts dieses Sin­nes­wan­dels jetzt von einem ersten signi­fi­kanten Kurs­wechsel“ der Regie­rung seit der Ein­füh­rung des Steh­platz-Ver­botes. Die BBC“ sprach in einem Bericht von einer fun­da­men­talen“ Ent­wick­lung – und der Mirror“ sogar schon vom Durch­bruch“ der sicheren Steh­plätze.

Der Grund für die Kurs­kor­rektur dürfte auch eine Online-Peti­tion für die Ein­füh­rung von Steh­plätzen in eng­li­schen Fuß­ball-Sta­dien der ersten beiden Ligen sein. Stand jetzt haben sie rund 112.000 Fans unter­zeichnet. In einer Umfrage der Foot­ball League gaben zudem 94 Pro­zent der 33.000 Befragten an, dass sie die Wahl haben wollen, ob sie den Fuß­ball im Sitzen oder im Stehen erleben wollen. Von wegen laut­starke Min­der­heit“.

Mehr Sicher­heit 

Die BBC“ zitierte in der Sache eine Quelle aus Regie­rungs­kreisen: Die Sicher­heit der Fans hat oberste Prio­rität. Aller­dings sehen wir ein, dass sich Tech­no­logie und Sta­dion-Design seit der Ein­füh­rung des Steh­platz-Ver­botes wei­ter­ent­wi­ckelt haben. Es ist an der Zeit, sich die Sache anzu­schauen.“ Es müssten alle Fakten und ver­schie­dene Sicht­weisen extrem sorg­fältig“ betrachtet werden.

Die Foot­ball Sup­por­ters‘ Fede­ra­tion (FSF), die seit Jahren für die Ein­füh­rung von Safe Stan­ding“ kämpft, argu­men­tiert ihrer­seits auch mit der Sicher­heit der Fans – nur eben anders herum: Dass näm­lich Fans mit Rail Seats“ sicherer seien als ohne.

Die Fans hatten keine Schuld

Denn schon heute stehen die Fans bei vielen Spielen des eng­li­schen Fuß­balls hinter nied­rigen Sitz­schalen, was zum Bei­spiel bei einem wilden Tor­jubel gefähr­li­cher sein dürfte, als wenn sie statt­dessen hinter hüft­hohen Wel­len­bre­chern stünden, wie es bei Rail Seats“ der Fall wäre. Über­haupt seien die modernen Arenen heute schon von ihrer Kon­zep­tion her deut­lich sicherer als die vor sich hin­ve­ge­tie­renden Ter­races“ der 70er- und 80er-Jahre.

Hinzu kommt, dass nach dem Hills­bo­rough-Desaster 1989 die Schuld offi­ziell den angeb­lich maro­die­renden Liver­pool-Fans auf den Steh­plätzen gegeben worden war – mit eif­riger Mit­hilfe der Bou­le­vard-Pos­tille The Sun“. Heute weiß man, dass es die schlud­rige Poli­zei­ar­beit war, die damals 96 Men­schen das Leben kos­tete und wegen der mehr als 700 wei­tere sich zum Teil schwer ver­letzten. Den Ver­ant­wort­li­chen wird der Pro­zess gemacht, der Mythos ist ent­larvt. Nur: Am Verbot der Steh­plätze hat das bis heute, fast drei Jahr­zehnte nach dem Desaster, nichts geän­dert.