Drei sind Stan­dard, zwei sind das Minimum. Allein auf dem Block zu stehen und 90 Minuten durch­zu­singen, das bringt keiner von uns“, sagt Tilman Sturm. Ansonsten aber sind die drei Alves­loher Ultras schon ziem­lich hart gesot­tene Bur­schen. Seit fünf Jahren stehen Tilman, sein Bruder Frie­de­mann und André Judisch jeden zweiten Sonntag auf einer bau­fäl­ligen Tri­büne am Rande des Sport­platzes in Alves­lohe, einer Klein­stadt 20 Kilo­meter nörd­lich von Ham­burg. Pünkt­lich fünf Minuten vor Anpfiff rollen sie ihren Dop­pel­halter aus, dazu das Mega­phon und beginnen mit dem Sup­port. Sie singen:

Teu­tonia Alves­lohe, das ist das Beste,
was es gibt auf der Welt.
Teu­tonia Alves­lohe, weil hier der
Stürmer trifft und der Tor­wart hält.
Drum sind wir stets ver­gnügt,
auch wenn Teu­tonia hinten liegt.
Teu­tonia Alves­lohe, das ist das Beste,
was es gibt!“


Natür­lich, Fans über­treiben gerne. Es ist nur so: Die so feurig besun­gene Teu­tonia spielt der­zeit abstiegs­ge­fährdet in der Kreis­klasse Sege­berg, gegen TSV Wie­mers­dorf, den SV Gro­ßen­aspe und den Lee­zener SC. 50 Zuschauer, viele Rentner, kommen zu sol­chen Spielen und sehen zumeist ein ziem­lich fades Gekicke, mehr als zwei Pässe hin­ter­ein­ander funk­tio­nieren selten. Die Ultras Alves­lohe ficht das nicht an, einer zückt das Mega­phon und die beiden anderen fallen ein. Wir haben inzwi­schen ein Reper­toire, das wir 45 Minuten durch­singen können, ohne uns zu wie­der­holen“, sagt Tilman. Viele Lieder sind aus den großen Kurven der Fuß­ball­welt über­nommen, man­ches aber haben die drei Ultras auch selbst gedichtet. Dann sitzen sie bei Stamm­wirt Christos und for­mu­lieren Schlager und aktu­elle Gas­sen­hauer auf Alves­loher Bedarf um. Da sind durchaus kom­pli­zierte Texte dabei. Es kann schon mal pas­sieren, dass wir die Stro­phen nicht mehr parat haben und jeder von uns was anderes singt.“ Die Alves­loher Ultras nehmen ihren Job sehr ernst. Sie unter­stützen nicht nur die erste Her­ren­mann­schaft, son­dern auch die Reserve. Die spielt in der Kreis­liga C, ganz unten, wo alles richtig weh tut, das Mit­spielen und Zuschauen. Die Spiele der Reserve finden in der Regel vor den Spielen der 1. Mann­schaft statt. Das ist ungünstig, weil wir oft schon kaputt sind, wenn wir 90 Minuten bei der 2. Mann­schaft gesungen haben!“ Die Zweite bekommt dann schon mal ein eigenes Banner: Auf in gol­dene Zeiten, mit der Zweiten.“


Ange­fangen hat alles bei einem ziem­lich wich­tigen Spiel vor fünf Jahren. Es ging um den Auf­stieg in die Bezirks­liga gegen die Mann­schaft aus Waken­dorf, es stand zur Halb­zeit schlecht für Alves­lohe. Als Tilman, Frie­de­mann und Andre in der 2. Halb­zeit plötz­lich zu singen begannen, Fan­kur­ven­lieder, Anfeue­rungen, was ihnen so ein­fiel, machten schnell andere Zuschauer mit, am Ende hatte Alves­lohe gewonnen und die Mann­schaft stand begeis­tert vor ihrem Fan­block. Müsst ihr mal wieder machen“, sagten die Spieler. Was als Bier­laune begann, wurde schnell zur festen Ein­rich­tung, fortan standen die Anhänger ständig am Spiel­feld­rand und sangen popu­läres Liedgut zu lokal­sport­li­chen Themen, zwi­schen­durch drän­gelten sich bis zu zehn Anhänger auf der Tri­büne. Das war ein groß­ar­tiges Gefühl, mit so vielen Leuten Stim­mung zu machen“, schwärmt Tilman.

Tilman musste neu­lich in der zweiten Mann­schaft ran

Die Mann­schafts­stärke konnte nicht gehalten werden, nur wenige packte so die Lei­den­schaft wie den unga­ri­schen Aus­tausch­schüler Szolt Zsarka, der ein Jahr lang mit auf der Tri­büne stand und Teu­tonia anfeu­erte. Eine Liebe fürs Leben, Szolt lässt sich noch heute jedes Wochen­ende die Ergeb­nisse nach Buda­pest mailen. Nach­wuchs zu rekru­tieren fällt in einer Stadt mit 2500 Ein­woh­nern ansonsten schwer, obwohl die Ultras zwi­schen­durch sogar Hand­zettel in der Stadt ver­teilten, um neue Mit­glieder zu werben. Da kam leider über­haupt keine Reso­nanz.“ Und so werden heute auch die Kinder nicht ver­scheucht, die bei Spielen öfter mal auf der Tri­büne her­um­klet­tern. Die können gerne mit­singen.“ Da macht es Mut, dass die Alves­loher nicht ganz allein sind mit ihrem unter­klas­sigen Sup­port. Der Turn­verein Unter­boi­hingen, süd­lich von Stutt­gart, wird eben­falls seit Jahren von einer vier­köp­figen Sup­por­ters-Crew“ begleitet. Alves­loher und Unter­boi­hinger pflegen eine Fan­freund­schaft, im Sep­tember waren die Schwaben beim Aus­wärts­spiel der Zweiten bei der SV Wahlstedt III dabei. Und was war das für ein Spiel: 0:3 zur Halb­zeit, 6:3 am Ende für Alves­lohe, don­nernde Gesänge an der Stange, Pyro­technik in rauen Mengen, Wahlstedt brannte, am Ende die Welle mit der Mann­schaft. Solche Spiele tragen uns dann auch mal durch den Alltag in der Kreis­klasse, wenn es Bind­fäden regnet und wir wieder mal nur zu dritt sind.“

Die Frage drängt sich auf: Warum machen sie das? Denn all das, was Fan­kurven so fas­zi­nie­rend macht, scheint in Alves­lohe weit weg. Die Cho­räle, die große Gemein­schaft, die Nar­ren­frei­heit im Block. Tilman zuckt die Ach­seln: Ist halt unser Klub.“ So ein­fach ist das manchmal. Nick Hornby braucht nur mehr Worte dafür. Und wer genau hin­schaut, ent­deckt den spe­zi­ellen Reiz des Kreis­liga-Sup­ports. Da sind die Riva­li­täten mit den Nach­barn, der Kal­ten­kir­chener TS zum Bei­spiel. Die sind so etwas wie die Bayern auf Kreis­ebene. Die klauen sich auch mal Spieler von anderen Ver­einen und haben am meisten Kohle hier in der Gegend“, sagt Frie­de­mann. Schmähruf der Ultras: Vor­stadt-Alves­loher!“

Über­haupt die Gäste. Deren Bank ist auf dem Teu­tonia-Sport­platz direkt neben der Fan­tri­büne plat­ziert. Manch ein aus­wär­tiger Kicker schaut schon man scheel über die Schulter und tuschelt mit den Kol­legen, wenn die Ultras hinter ihm ihre Arbeit auf­nehmen. Prin­zi­piell halten wir uns mit Sprech­chören über den Gegner eher zurück, Kreis­li­ga­par­tien sind schließ­lich ohnehin schon hitzig genug. Aber mit lockeren Gäs­te­spie­lern ergeben sich oft lus­tige Dia­loge.“ Vor­wie­gend wird auf dem Block aber gesungen, mit einer, ange­sichts der geringen Mann­stärke, beein­dru­ckenden Laut­stärke: Über Teu­tonia, den groß­ar­tigsten Klub der Welt und über Henrik Lescow, ihren Lieb­lings­spieler. Groß­ar­tiger Mann“, findet Tilman, wir rufen ihn Ailton, weil er auch so ein Kugel­blitz ist, der nie trifft und der am lau­testen schreit, wenn er gefoult wird.“

Kein Zweifel, wenn anderswo die ver­lo­rene Nähe zwi­schen Fans und Spie­lern beklagt wird, in Alves­lohe gibt es sie noch. Nach dem Spiel trifft man sich an der Theke, und wenn in der Reserve Not am Mann ist, wird schon mal der Fan­block dezi­miert. Neu­lich musste Tilman für die Zweite ran. Wel­cher Anhänger träumt nicht davon?“. Pfiffe aus dem Fan­block wurden nicht ver­meldet.

Der Verein ist angetan von seinen aktiven Anhän­gern. In der Kreis­klasse sind die drei tap­feren Sänger von unschätz­barem Unter­hal­tungs­wert. Also müssen die Ultras keinen Ein­tritt zahlen, die Getränke sind auch umsonst, neue Pull­over wurden finan­ziert und dem­nächst soll auch die Holz­tri­büne erneuert werden. Schließ­lich steht 2013 das 100-jäh­rige Ver­eins­ju­bi­läum an, dann soll alles gut aus­sehen. Bis dahin machen wir auf jeden Fall noch weiter“, sagt Tilman und stimmt an:

Unterstes Niveau
Asis sind wir sowieso
Teu­tonia Alves­lohe.“

Und der ganze Block singt mit.