Gäbe es einen natio­nalen Wett­streit darum, welche Stadt den grau­esten Winter zu bieten hat, Berlin hätte gute Chancen auf den Gesamt­sieg. Wenn die Tage kürzer werden und die Sonne von schmut­zig­grauen Wolken-Armeen in Schach gehalten wird, ver­sinkt die Stadt in einer depres­siven Suppe aus grau und grauer. Um sich nicht zu sehr die Laune ver­derben zu lassen, gibt es ver­schie­dene Gegen­mittel. Manche Men­schen kaufen sich einen Leucht­kasten, starren 15 Minuten am Tag in glei­ßendes Licht und tricksen so den kör­per­ei­genen Hor­mon­haus­halt aus. Ich setze meine Kopf­hörer auf und klicke mich durch die schönsten Kur­ven­ge­sänge, die ich kenne. Es gibt kein bes­seres Rezept gegen win­ter­liche Depres­si­ons­schübe. Viel­leicht Kokain, aber das ist nicht so meins. Und außerdem würde mich dann mein bester Kumpel ver­mö­beln. Gegen Fan­ge­sänge hat er nichts.

Aus der Kate­gorie nerdige Fuß­ball­fans bekommen Gän­se­haut“

Was meine Aus­wahl betrifft, bin ich recht kon­ser­vativ, man könnte auch sagen: ein­fallslos. Es beginnt immer mit dem You­tube-Ein­trag You´ll never walk alone Celtic Barca“. Mit weitem Abstand mein Lieb­ling aus der Kate­gorie nerdige Gän­se­haut-Momente für Fuß­ball-Fans“.

2004, Celtic Glasgow emp­fängt im hei­mi­schen Celtic Park den FC Bar­ce­lona in der Cham­pions League. Am Tag zuvor sind bei einem Anschlag in Madrid 191 Men­schen getötet worden. Der Sta­di­on­spre­cher steht im Mit­tel­kreis, wür­digt die Toten von Madrid und for­dert die Menge auf, den Opfern mit one of our famous anthems“ zu gedenken. You´ll never walk alone. Der VW-Käfer unter den Fan­ge­sängen. Mil­lio­nen­fach gehört, nie erreicht.

Die ersten Klänge schwappen aus den Sta­di­onboxen. Die Men­schen erheben sich, sie heben die Hände zum Himmel und straffen ihren Schal. Sie singen. Erst leise, dann lauter, immer lauter. Gerry and the Pace­ma­kers“ werden abge­schaltet, jetzt singen nur noch die Fans. Ein gigan­ti­scher Chor, ein Don­nern, dass jeden ver­nünf­tigen Men­schen mit funk­tio­nie­rendem Gehör bis ins Mark erschüt­tert. Eine Mischung aus Vor­freude und Furcht, Gedenken und Gejohle, Liebe, Wut und Trauer und Lei­den­schaft. Den schon so viel­fach beschallten Fuß­bal­lern auf dem Rasen stehen die Haare zu Berge, jeden­falls bilde ich mir das jedes Mal wieder ein. Und ich, der dieses Video schon mehr als hun­dert Mal gesehen hat, ersaufe in einem Gefühls­wirr­warr aus Pathos, Zunei­gung und Gän­se­haut.

Die schöne Frau auf dem Ein­horn

Die letzten Klänge rollen durch den schot­ti­schen Tempel, das Hohe­lied ver­stummt. Ein Son­nen­strahl durch­schneidet das Ber­liner Wol­ken­ge­schwader und blendet mir die Augen. Der liebe Gott kit­zelt mich am Hin­ter­kopf. Die schönste Frau der Welt galop­piert mit einem Ein­horn in die Redak­tion, nimmt mich mit in die Mit­tags­pause und spen­diert mir einen Eimer Glücks­ge­fühle.
Mein Tag ist gerettet.