Seite 2: „Manche Spieler sind unbelehrbar“

Zwei­feln Sie nie an sich selbst?
Ich bin selbst­kri­tisch und hin­ter­frage mich immer. Doch Selbst­zweifel? Nein. Fuß­ball ist mein Spiel. Und leider ist es so, dass mehr Leute in das Geschäft gekommen sind, die mit diesem Spiel eigent­lich nichts am Hut haben, son­dern nur Geld ver­dienen wollen. Mein Punkt ist: Es braucht nur eine Person mit Sach­ver­stand, die für die gesamte Fuß­ball­phi­lo­so­phie des Ver­eins ver­ant­wort­lich ist. Beste Bei­spiele sind Arsène Wenger beim FC Arsenal oder José Mour­inho beim FC Chelsea. Bei Man­chester United lief es mit Alex Fer­guson auch jah­re­lang groß­artig, doch dann kam David Moyes, der nicht mehr allein­ver­ant­wort­lich war – und schon ging es für das Team bergab. 

Sehen Sie da noch Unter­schiede zu Deutsch­land?
Hier haben die Geld­geber und Mäzene weniger Ein­fluss. Den­noch geht es auch im deut­schen Fuß­ball nur um eines: Geld. Der große Unter­schied ist dabei, dass hier immer noch ein recht roman­ti­sches Bild gezeichnet wird, manchmal heißt es sogar, dass die Fans die Macht haben. In Eng­land hin­gegen wird nicht ver­heim­licht, dass es primär ums Geld­ver­dienen geht.

Erin­nern Sie noch den ersten Satz, den Sie in der Kabine in Fulham gesagt haben?
Muss ich den kennen?

Sie sollen die Mann­schaft mit den Worten begrüßt haben: Ich hasse es, zu ver­lieren.“
Stimmt ja auch.

Fehlte den Spie­lern der letzte Wille?
Viel­leicht. Ich fing bei Fulham an einem Mitt­woch an. Mein Vor­gänger hatte den Spie­lern nach der letzten Nie­der­lage bis Montag frei­ge­geben. Ich ver­fügte nun, dass die Mann­schaft am Sonntag wieder zum Trai­ning kommen müsse. Darauf bekam ich von einem Spieler die Mit­tei­lung, dass er am Sonntag schon einen Aus­flug mit der Familie mache und keine Zeit habe.

Ist Ihnen so was in der Bun­des­liga auch mal pas­siert?
Manche Spieler sind unbe­lehrbar, aber es gibt auch ganz andere.

Wer war der robus­teste, ehr­gei­zigste Spieler, den Sie je trai­niert haben?
Gra­fite. Er war der ein­zige Spieler, der mich wirk­lich über­rascht hat. Als er 2007 nach Wolfs­burg kam, legten wir keinen guten Sai­son­start hin. In einem Test­spiel wurde er zu allem Über­fluss umge­treten – dop­pelter Bän­der­riss. Es war sicher, dass er für das Spiel am Wochen­ende aus­fallen würde. Trotzdem stand er am Frei­tag­nach­mittag plötz­lich am Trai­nings­platz. Gra­fite, was machst du hier?“, fragte ich. Ich will spielen“, sagte er. Die Ärzte und ich spra­chen nach­drück­lich unsere Bedenken aus, doch er bestand darauf, der Mann­schaft zu helfen. Also nahm ich ihn am Sonntag mit nach Cottbus.

Und Sie ließen ihn mit einem dop­pelten Bän­der­riss spielen?
Nein, ich setzte ihn auf die Bank. Gespielt hat er erst wieder am dar­auf­fol­genden Dienstag in Bremen. Diese Partie war mir wich­tiger. Gra­fite war wirk­lich einer der robus­testen Spieler, die ich ken­nen­ge­lernt habe.

—–

Die neue Aus­gabe #157 ist am Kiosk und für iPhone und iPad erhält­lich. Hier geht es zum iTunes-Store:
https://​itunes​.apple​.com/de/​app/​11freunde-magazin-die-app/id493938648?mt=8

Hier geht es zur The­men­über­sicht:
www​.11freunde​.de/​heft/heft-157 – 122014