Seite 2: „Bild-Note 4, was war denn da los?“

Wie haben Sie es gelernt?
Ich habe schon als 14-Jäh­riger schwie­rige Situa­tionen erlebt. Da ist in einem Spiel dar­über ent­schieden worden, ob man in die Bay­ern­aus­wahl berufen wird. Wenn man da einen schlechten Tag hatte, war man weg vom Fenster. Ich weiß nicht, ob es in der Jugend von 1860 immer noch so krass ist, aber damals galt: Man musste lie­fern.

Hat es Ihnen geholfen, dass Ihr Vater als ehe­ma­liger Eis­ho­ckey­na­tio­nal­spieler solche Situa­tionen besser ver­standen hat als Eltern, die Berufs­sport nicht kennen?
Mein Dad hat immer zu mir gesagt: Du hast nichts zu ver­lieren.“ Er hat also ständig ver­sucht, den Druck raus­zu­nehmen. Ich habe nie gehört, dass ich es schaffen muss. Aber ich will nicht nur meinen Dad her­vor­heben, wenn es darum geht, dass ich es geschafft habe, Profi zu werden. Meine Eltern waren schon lange getrennt und ich bin bei meiner Mum auf­ge­wachsen, die mich jah­re­lang jeden Tag zum Trai­ning gefahren hat. Weil mein Bruder auch gut Fuß­ball und meine Schwester Hand­ball gespielt hat, war sie enorm viel unter­wegs.

Hört dieser Pro­zess des Bewer­tens, des Ein- oder Aus­sor­tie­rens, der bei ihnen in der C‑Jugend begonnen hat, für einen Fuß­ball­spieler im Grunde nie auf?
Das stimmt, aber man gewöhnt sich daran. Ich finde einen gewissen Druck vor Spielen auch ganz gut, um unter Span­nung zu kommen. Aber inzwi­schen spüre ich die Sicher­heit mit meinen Jungs auf dem Platz, wenn der Schieds­richter anpfeift. Dann spiele ich ein­fach mein Spiel, weil ich so fokus­siert bin.

Aber es hat Sie sehr beschäf­tigt, als Sie 2016 von Hof­fen­heim nach Lever­kusen gewech­selt sind und plötz­lich ein rie­sen­großes Preis­schild um den Hals hatten: Ablö­se­summe zwanzig Mil­lionen Euro.
Ja, ich habe das damals unter­schätzt. Vorher habe ich mir gesagt: Es macht dir nichts aus.“ Dann lief die Vor­be­rei­tung zwar wie geschmiert, aber das erste halbe Jahr wurde zur Kata­strophe. Ich hatte Ver­let­zungen, zum ersten Mal sogar eine Mus­kel­ver­let­zung, ich bin nicht an meine Leis­tungs­grenze gekommen, die Mann­schaft stand plötz­lich im hin­teren Mit­tel­feld der Tabelle. Viel­leicht habe ich mich da auch selber zu sehr unter Druck gesetzt.

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Max Slo­bodda

Wie gehen Sie inzwi­schen mit der hat seit sound­so­viel Minuten nicht
mehr getroffen“-Situation um, die alle Stürmer hin
und wieder erleben?
Ich defi­niere mich nicht nur über meine Tore. Wenn wir die Spiele gewinnen und ich habe meinen Bei­trag dazu geleistet, ist es für mich in Ord­nung. Was gesagt oder geschrieben wird, ist mir egal.

Schotten Sie sich davor ab?
Nein, das geht ja auch fast nicht, weil sowieso alles auf dem Handy landet. Bei denen im Fuß­ball, die sagen, dass sie nichts lesen, ist es doch meis­tens ein biss­chen geflun­kert. Bei mir kommt auch noch dazu, dass meine Mum oder mein Opa dazu neigen, mich manchmal zu fragen: Bild-Note 4, was war denn da los?“

Wenn man nicht Ihre Noten, son­dern Ihre Spiel­daten anschaut, stellt man fest: Sie haben in dieser Saison dra­ma­tisch
weniger gefoult und sind auch viel weniger gefoult worden. Was ist da pas­siert?
Das liegt sicher­lich an unserer Spiel­weise. Wir sind inzwi­schen eine sehr domi­nante Mann­schaft mit viel Ball­be­sitz und ver­su­chen, viel übers Mit­tel­feld zu ver­la­gern. Also warte ich öfter im Straf­raum auf eine Her­ein­gabe als früher, wo ich viel mehr Zwei­kämpfe führen musste. Und im Gegen­pres­sing habe ich dazu­ge­lernt, in der vor­dersten Linie den Ver­tei­diger nicht gleich umzu­hauen.

Sie sind inzwi­schen auch zu einem klas­si­schen Neuner geworden.
Ja, ich habe schon hän­gende Spitze gespielt, in der Dop­pel­spitze, war fal­sche Neun, aber jetzt in Lever­kusen spielen wir mit nur noch einer Spitze. Doch wenn ich mal ein paar Spiele nicht treffe, heißt es gleich: Der ist gar kein rich­tiger Neuner.

Aber sind Sie doch.
Ja, das bin ich!

Wie finden Sie die Rück­kehr klas­si­scher Mit­tel­stürmer in der Bun­des­liga, zuletzt mit Haa­land in Dort­mund, aber auch mit Nie­der­lechner in Augs­burg oder Hen­nings in Düs­sel­dorf?
Auf dem Platz wird es immer kom­pakter, es gibt viel Pres­sing, da ist es gar nicht schlecht, wenn man vorne eine Kante drin hat.