Seite 2: Das M-Wort

Hum­mels wurde ja im Sommer 2019 zurück­ge­holt, weil eine interne Ana­lyse ergeben hatte, dass es im Kader nicht genug rou­ti­nierte Füh­rungs­spieler mit dem viel zitierten Sieger-Gen gab, die in kri­ti­schen Momenten das Heft in die Hand nehmen. Davor, so wird man sich viel­leicht erin­nern, hieß es hinter vor­ge­hal­tener Hand, dass im Kader zu viele rou­ti­nierte Spieler stünden, die nicht mehr hungrig genug wären. Auch des­wegen kamen dann ja viele junge Talente, denen es natur­gemäß an dem man­gelte, was Hum­mels dann ein­bringen sollte. Und was Axel Witsel ein­bringen sollte. Und Emre Can. Und Thomas Delaney. Und Thomas Meu­nier. Alles erfah­rene Natio­nal­spieler, denen man noch nie vor­ge­worfen hat, dass sie mal Bock zu haben scheinen und mal nicht. Zumin­dest nicht auf ihren bis­he­rigen Sta­tionen.

Womit wir dann also end­lich bei der Men­ta­li­täts­scheiße wären. Die geht ja nicht nur Maro Reus auf die Eier, son­dern eigent­lich jedem, der etwas inten­siver über Fuß­ball nach­denkt, als man es am Stamm­tisch tut. Und des­wegen war es völlig richtig, dass der BVB sich stets gegen die ebenso pau­schalen wie unde­fi­nierten Vor­würfe ver­wahrte, der Mann­schaft fehle es an Willen oder sie habe die fal­sche Ein­stel­lung. Plötz­lich aber klingt das ganz anders.

Nor­di­sche Moti­va­ti­ons­sprüche?

Am Wochen­ende nahmen Hans-Joa­chim Watzke und Michael Zorc bei ihrer Kritik an der Leis­tung des BVB beide den Aus­druck Kör­per­sprache“ in den Mund. Damit waren sie nur noch einen Schritt davon ent­fernt, das M‑Wort zu ver­wenden. Denn was sonst soll Kör­per­sprache nach außen hin zeigen, wenn nicht den inneren Willen und die Ent­schlos­sen­heit, also das, was der Laie gemeinhin als Ein­stel­lung oder eben Men­ta­lität bezeichnet?

Noch einen halben Schritt weiter ging vor­ges­tern Hum­mels. Die schwie­rige Ant­wort“, die er Sky-Reporter Raphael Honig­stein gab, lau­tete näm­lich: Man erar­beitet sich das jeden Tag im Trai­ning. Wenn man’s jeden Tag im Trai­ning zeigt, zeigt man es auch im Spiel.“ Und vor dem DAZN-Mikrofon benutzte der Dort­munder Abwehr­chef dann Wörter wie Ein­satz, Kon­zen­tra­tion, Serio­sität, Lei­den­schaft“. Sein Fazit: Wir dürfen uns nicht aus­su­chen, wann wir das zeigen.“

Viel direkter kann man die Trai­nings­leis­tungen von Kol­legen nicht anspre­chen. Wen genau Hum­mels damit gemeint hat, blieb unge­sagt, es dürfte aber kein Zufall sein, dass Ästheten wie Julian Brandt und Gio­vanni Reyna gerade nicht erste Wahl sind. Ja, selbst Wun­der­knabe Erling Haa­land wirft momentan die eine oder andere Frage auf. Ent­weder hat er vor dem Spiel am Dienstag nor­di­sche Moti­va­ti­ons­sprüche vor sich hin­ge­mur­melt … oder die Cham­pions-League-Hymne mit­ge­sungen. Das wäre einer­seits bewun­derns­wert, da ver­mut­lich nicht mal ihr Kom­po­nist den Text kennt. Ande­rer­seits erweckte es nur drei Tage, nachdem Can der unglück­liche Satz her­aus­rutschte, er habe keinen Bock, Europa League zu spielen“, den Ein­druck, als würden manche Borussen sich eben doch aus­su­chen, wann sie was zeigen. Wie man das ändert? Hm, schwie­rige Ant­wort.