Der DFB kann offen­sicht­lich auch anders. Nach all den miss­lun­genen PR-Aktionen der jün­geren Ver­gan­gen­heit gelang mit dem Vor­stel­lungs­video des deut­schen Olympia-Kaders tat­säch­lich einmal ein echter Social-Media-Hit. In Anleh­nung an die berühmte Cap­tain Tsubasa“-Serie aus den 80er-Jahren ließ der deut­sche Fuß­ball­ver­band seine Spieler als gezeich­nete Manga-Figuren zwei Wochen vor dem Auf­takt­spiel gegen Bra­si­lien schon einmal sym­bo­lisch das Land der auf­ge­henden Sonne bereisen: Jordan Tor­u­na­righa an den Füßen des Berg Fuji, Maxi­mi­lian Arnold an der Shi­buya-Kreu­zung in Tokio und Max Kruse an den heißen Quellen von Nagano. Dazu setze der DFB den Hashtag „#Herz­zeigen“. Die Auf­fas­sung, dass Olympia eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit, eine Sport­ver­an­stal­tung mit einer beson­deren Bedeu­tung ist, ver­treten einige Ver­eine aber nicht. Sie ver­wehrten ihren Spie­lern das Olympia-Aben­teuer in Tokio.

So beklagte sich Stefan Kuntz in der Sport­schau über die feh­lende Bereit­schaft einiger Bun­des­liga-Klubs, Spieler für den Olympia-Kader abzu­stellen. Gerade die Top-Ver­eine sollen wenig Bereit­schaft gezeigt haben, ihren Spie­lern eine Reise nach Tokio zu gestatten: Der FC Augs­burg, Hertha BSC und Union Berlin stellen jeweils zwei Spieler ab, von Bayern Mün­chen und Borussia Dort­mund ist dagegen kein ein­ziger dabei. Beson­dere Auf­re­gung ent­fachte die Per­so­nalie Ron-Thorben Hoff­mann. Dem kicker zufolge darf der dritte Tor­wart der Mün­chener nicht mit, weil mit Chris­tian Früchtl und Lukas Schneller der­zeit zwei Ersatz­tor­hüter der Bayern ver­letzt sind und in der Vor­be­rei­tung sonst nicht genü­gend Tor­hüter zur Ver­fü­gung stünden – mit Rück­kehrer Sven Ulreich ist aller­dings ein Rou­ti­nier ein­satz­fähig. 

Sport-Vor­stand Hasan Sali­ha­mi­džić hatte Ulreich nach der Aus­leihe Nübels als seriöse Nummer 2“ bezeichnet. Das deutet dar­aufhin, dass er auch in der Vor­be­rei­tung im Tor des FC Bayern stehen wird, Hoff­mann zwar in Mün­chen bleiben muss, eine reelle Chance auf viele Ein­sätze wird es für ihn aber kaum geben. Dabei hatte ihn Kuntz vor dem Tur­nier fest für den Olympia-Kader ein­ge­plant. Im kicker sprach Hoff­mann danach von einer rie­sigen Ehre“. Ähn­lich sieht das auch Max Kruse von Union Berlin, der aller­dings mit­reisen darf. Er bezeich­nete die Teil­nahme eupho­risch als Krö­nung meiner bis­he­rigen Kar­riere“. Das alles wirft gleich zwei Fragen auf: Warum gestatten die Spit­zen­ver­eine der Bun­des­liga ihren Spie­lern nicht, eine ein­ma­lige Lebens­er­fah­rung zu machen? Und warum stellt die Teil­nahme an den Olym­pi­schen Spielen für Max Kruse die Krö­nung seiner Kar­riere dar?

Der Olym­pi­sche Gedanke

Als Olym­pi­scher Gedanke gilt der ein­fache Satz Dabei sein ist alles“. Das hat der ver­meint­liche Urheber Pierre de Cou­bertin, der die neu­zeit­li­chen Olym­pi­schen Spiele zum Ende des 19. Jahr­hun­derts ins Leben rief, indem er das IOC grün­dete, so aller­dings nie gesagt. Statt­dessen soll er den fol­genden Leit­satz geprägt haben: Das Wich­tigste bei den Olym­pi­schen Spielen ist nicht das Siegen, son­dern das Mit­ma­chen, denn das Wesent­liche im Leben ist nicht das Siegen, son­dern der Kampf.“ Dabei sein ist also nicht alles, Siegen aber auch nicht. Irgendwo dazwi­schen, in der Erfah­rung des sport­li­chen Wett­streits mit anderen Sport­lern, liege also das Ideal der Olym­pi­schen Spiele. Cou­bertin war dar­über hinaus ein Ver­fechter des Ama­teur­ge­dan­kens, wes­halb Sportler, die mit dem Sport Geld ver­dienten, bis zu einem his­to­ri­schen Kon­gress 1981 in Baden-Baden auch nicht an Olym­pi­schen Spielen teil­nehmen durften. Danach öff­nete sich auch Olympia für Berufs­sportler und unter­wan­derte damit das eigene Ideal, dass eine Teil­nahme mehr Bedeu­tung als das sport­liche Abschneiden habe – Pro­fi­sportler richten ihr Leben schließ­lich minu­tiös am Erfolg aus. Der FC Bayern Mün­chen, der sich ja gerne als beson­ders fami­liärer Verein insze­niert, ver­wei­gert seinem 22-jäh­rigen Ersatz­tor­wart nun die Olympia-Teil­nahme in Tokio. Dabei würde Hoff­mann selbst bei einem Einzug ins olym­pi­sche Finale höchs­tens die erste Pokal­runde gegen den Fünft­li­gisten Bremer SV ver­passen.

Max Kruse hat Lust

Wie sehr die Teil­nahme an den Olym­pi­schen Spielen trotz aller Ent­wick­lungen seit 1981 auch im Jahr 2021 noch Sportler reizt, die sich nach einigen Pro­fi­jahren nicht mehr für jedes inter­na­tio­nale Tur­nier begeis­tern können, zeigt sich bei Max Kruse. Als noch nicht fest­stand, dass er sich mit Union Berlin qua­li­fi­zieren würde, äußerte er sich gegen­über Sky im März zu seiner mög­li­chen Teil­nahme an der Uefa Con­fe­rence League: Ja schön, da können dann andere spielen. Ich glaube, wir haben genug Wett­be­werbe. Und dabei sollte es glaube ich auch bleiben. Denn wenn’s jetzt noch einen gibt, dann herz­li­chen Glück­wunsch.“ Nicht ganz über­ra­schend, dass ein mög­li­ches Qua­li­fi­ka­ti­ons­duell gegen Sepsi OSK Sfantu Gheorghe in der Con­fe­rence League nicht ganz so anzie­hend wirkt wie die Olym­pi­schen Spiele in Japan. Und den­noch könnte man ja auch eine Par­al­lele zwi­schen den beiden Tur­nieren ziehen – denn klar ist: Auch Olympia ist durch das unglaub­wür­dige Gebaren des IOC zu großen Teilen zu einem zwei­fel­haften und gänz­lich durch­kom­mer­zia­li­sierten Event geworden. Aber Kruse hat Lust. Stefan Kuntz gab bekannt, dass er zu den älteren Spie­lern gehöre, die von Anfang an gesagt haben, dass sie unbe­dingt mit zu Olympia möchten, sich aus Eigen­in­ter­esse immer wieder mal gemeldet haben, um zu hören, wie der aktu­elle Stand ist.“

Von diesen Ein­drü­cken werden die Spieler noch ihren Kin­dern erzählen.“

Horst Hrubesch

Wer wissen will, warum Kruse sich so sehr für die Olym­pi­schen Spiele inter­es­siert, der fragt am besten einen ehe­ma­ligen Teil­nehmer. Sven Bender, der 2016 in Rio mit der deut­schen Aus­wahl die Sil­ber­me­daille gewann, drückte es so aus: Klar, hätten wir auch gerne Gold geholt, aber die Sil­ber­me­daille war für uns schon ein Rie­sen­er­lebnis. Ich denke daran immer gerne zurück. Das war ein außer­or­dent­li­ches Ereignis.“ Ein wich­tiger Bestand­teil der so anzie­hend wir­kenden Atmo­sphäre sei das Olym­pi­sche Dorf gewesen. So berich­tete Horst Hru­besch von seinen Erleb­nissen in Rio: „ Es war ein­fach toll, dass wir es durch den Final­einzug ins Olym­pi­sche Dorf geschafft haben. Die Atmo­sphäre dort war klasse.“ In der Mensa seien sie bei­spiels­weise auf die Spieler der Hand­ball-Natio­nal­mann­schaft und der DFB-Frauen getroffen. So sei das Gefühl ent­standen, Teil einer großen Sport­fa­milie“ gewesen zu sein. Begeis­tert fuhr Hru­besch fort: Von diesen Ein­drü­cken werden die Spieler noch ihren Kin­dern erzählen. Ich bin heil­froh, dass wir uns für das Dorf ent­schieden haben.“

Im Olym­pi­schen Dorf wird durch die strengen Corona-Schutz­maß­nahmen in Tokio sicher eine etwas distan­zier­tere Atmo­sphäre als in Rio herr­schen. Den­noch zeigt sich auch Stefan Kuntz voller Vor­freude auf die beson­dere Erfah­rung: Ich ver­spreche mir auch sehr viel für die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung der Spieler. Sich mal mit Sport­lern unter­halten, die vier Jahre lang auf ein Ziel hin­trai­nieren, auch welche intrinsi­sche Moti­va­tion andere Sportler haben müssen – und wie sie trotzdem noch einen gere­gelten Berufs­alltag hin­be­kommen. Da ist es schon inter­es­sant auch mal in den Aus­tausch zu gehen.“ Ein Aus­tausch, den Ron-Thorben Hoff­mann ver­passen wird. Eine intrinsi­sche Moti­va­tion wird er aller­dings auch finden müssen, wenn er in der ersten Pokal­runde beim Bremer SV auf der Bank sitzt.