Reiner Holl­mann, haben Sie die Bilder von Wesley Sneij­ders Ankunft in Istanbul gesehen?
Wahn­sinn, oder? Die Men­schen sind aus­ge­flippt. Es ist ein biss­chen wie damals. 1993 war es aller­dings noch extremer.
 
Sie waren damals Trainer von Gala­ta­saray und sind in der zweiten Cham­pions-League-Runde auf Man­chester United getroffen. Mit einem Erfolg war nicht zu rechnen, oder?
Absolut nicht, schließ­lich bot Man­chester United ein regel­rechtes Star­ensemble auf. Da spielten Eric Can­tona, Ryan Giggs, Paul Ince neben Roy Keane und Bryan Robson. Im Tor stand Peter Schmei­chel. Wer waren wir schon? Wir hatten uns gerade gegen Cork City mit Ach und und Krach in die zweite Runde gemüht.
 
Im Old Traf­ford lief zunächst alles, wie man es erwarten konnte…
…die Eng­länder gingen nach drei­zehn Minuten mit 2:0 in Füh­rung. Doch wir kamen sen­sa­tio­nell zurück. Arif Erdem und Kubilay Tür­ky­ilmaz ega­li­sierten noch vor der Pause. Tür­ky­ilmaz machte in der 60. Minute sogar das 3:2 für uns. Schließ­lich glich Eric Can­tona kurz vor Schluss noch aus. Trotzdem: Ein Wahn­sinns­spiel!
 
Wie emp­fing man Sie in Istanbul? Als Volks­held?
Die Ankunft ver­lief ver­gleichs­weise ruhig. Es war ja noch nichts in tro­ckenenen Tüchern. Wirk­lich aus­ge­rastet sind die Fans erst vor dem Rück­spiel.
 
Zig­tau­sende Gala­ta­saray-Anhänger war­teten bei der Ankunft der United-Spieler am Flug­hafen. Sie trom­melten gegen den Bus, zogen sich die Finger über die Kehle und schrien: Wel­come to Hell!“ Was haben Sie davon mit­be­kommen?
Für die Eng­länder muss das wirk­lich gespens­tisch gewesen sein, und ich kann ver­stehen, dass sie sich dar­über empörten. Ich habe davon aber außer ein paar Fern­seh­bil­dern kaum was mit­be­kommen. Besser erin­nere ich mich an unsere Fans im Sta­dion. Die standen zu Tau­senden bereits mor­gens vor den Toren. Um 9 Uhr wurden sie her­ein­ge­lassen, um 10 Uhr war das Sta­dion voll.
 
Wann war Anpfiff?
Ganz regulär, um 21:45 Uhr. Die Fans haben 14 Stunden lang durch­ge­sungen. Ich war ja bei vielen Klubs, aber in keiner Fan­szene, nicht mal bei Al-Ahly in Ägypten habe ich etwas Ver­gleich­bares erlebt.
 
Weil das Rück­spiel im Ali-Sami-Yen-Sta­dion 0:0 endete, kam Gala­ta­saray dank der Aus­wärts­tore eine Runde weiter. Für den Klub war es der bis dato größte Erfolg der Ver­eins­ge­schichte, für die Eng­länder eine Nacht in der Hölle. Bekamen Sie mit, was nach dem Abpfiff pas­sierte?
Ich weiß, dass ein Poli­zist Eric Can­tona die Treppe her­un­ter­ge­schubst haben soll und die Fans auf den Platz liefen und die Spieler bela­gerten. Für uns ging alles sehr schnell. Wir rannten in die Kabine, und ich war erstmal froh, dass ich in Sicher­heit war. Später habe ich zu den Gescheh­nissen viele Aus­sagen gehört, viele wider­spre­chen sich aller­dings. Was stimmt, was Über­trei­bung ist, kann ich nicht sagen.
 
Wie erklären Sie sich den Fana­tismus der tür­ki­schen Fuß­ball­fans?
Oft heißt es: Die Leute haben nur den Fuß­ball, und sie müssten sich des­wegen emo­tional aus­leben. Diese These finde ich viel zu ein­fach, schließ­lich hat Istanbul so unglaub­lich viele Mög­lich­keiten. Die Stadt pul­siert an allen Ecken und Ende, es gibt überall Ange­bote, wie du dein Leben und deinen Alltag gestalten kannst – auch fernab des Fuß­balls.
 
Was ist dann der Grund?
Schwer zu sagen. Ich kann auch nur beschreiben, wie ich es erlebt habe. Fakt ist, dass die Türken den Fuß­ball anders lieben als wir. Diese Liebe kommt eher vom Herzen. Wo haben Sie es in den neun­ziger Jahren erlebt, dass ein ganzes Sta­dion 90 Minuten lang singt? Wo erleben Sie es, dass man nach Spielen – egal ob Nie­der­lage oder Sieg – mit Begleit­schutz aus dem Sta­dion chauf­fiert werden muss? 

Wie sind Sie nach dem Spiel gegen Man­chester United aus dem Sta­dion gekommen?
Das war nicht ein­fach. Es sind näm­lich nicht nur im Sta­dion alle Dämme gebro­chen. Mit einem Mal war die ganze Stadt auf den Beinen. Überall ben­ga­li­sche Feuer, überall sin­gende Men­schen. Ich wollte eigent­lich nur nach Hause, doch die Straßen waren dicht. Es ging nicht vor und nicht zurück. Irgend­wann um 4 Uhr kam ich end­lich heim.
 
Was hat die Presse am nächsten Tag geschrieben?
An den Wort­laut kann ich mich nicht mehr erin­nern. Aber Sie wissen ja wie das in der Türkei ist: Wenn du gewinnst, bist du der König der Welt, wenn du ver­lierst, dann wirst du durch die Stadt getrieben.
 
Mit Gala­ta­saray haben Sie in jener Saison 1:2 gegen Fener­bahce ver­loren. Wurden Sie bedroht?
Wie man es nimmt. Am nächsten Tag erschien ein Fan auf dem Trai­nings­ge­lände. Plötz­lich zog er eine Pis­tole, schoss einmal in die Luft und einmal in den Boden. Alle Spieler schmissen sich zu Boden. Kurze Zeit später kam die Polizei, rie­gelte das Gelände ab und nahm den Mann fest.
 
Und Sie?
Tja, was sollte ich machen? Das ist da eben so. Die Leute sind ver­rückt, wenn es um Fuß­ball geht. Die meisten sind positiv ver­rückt, aber es gibt eben auch Aus­nahmen.
 
Sie haben also nie Angst um Ihre Gesund­heit gehabt?
Nicht wirk­lich. Nur einmal war ich ver­dutzt. Vor dem ersten Derby hat mich mein Co-Trainer Ahmet Acan gefragt, ob ich meinen Kühl­schrank aus­rei­chend gefüllt habe.
 
Warum?
Das fragte ich ihn auch. Er sagte dar­aufhin, dass man diese Frage jedem aus­län­di­schen Trainer vor dem ersten Derby stellen muss. Schließ­lich müsse der sich auf den Fall einer Nie­der­lage vor­be­reiten. Nach dieser könne man als Spieler oder Trainer vier oder fünf Tage nicht aus dem Haus gehen könne, weil überall Fans war­teten und eine Erklä­rung für die Nie­der­lage ver­langten.
 
Sie haben mit Gala­ta­saray den Supercup und die Meis­ter­schaft gewonnen. Außerdem erreichte die Mann­schaft das Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale. Wieso wurden Sie eigent­lich nach der Saison ent­lassen?
Ich wurde nicht ent­lassen, der Ver­trag ist nicht ver­län­gert worden.
 
Hatten Sie einen zu unbe­kannten Namen?
Ver­mut­lich. Die Fans, der Vor­stand, die Spon­soren, alle dürs­teten nach dem Weg­gang von Karl-Heinz Feld­kamp nach einem großen Namen. Sie wollten Franz Becken­bauer oder Johan Cruyff – und dann kam ich, der ehe­ma­lige Co-Trainer. Aber was soll’s?! Wenn ich heute nach Istanbul reise, kennen mich die Leute noch. Sie rufen: Da ist der Reiner von Gala­ta­saray!“ Ist doch schön.