Herr Schatz­schneider, Wis­sen­schaft und Fuß­ball…

Dieter Schatz­schneider: (unter­bricht)… ist der größte Scheiß, den es gibt!

Herr Schatz­schneider!


Dieter Schatz­schneider: Na gut, ein biss­chen Wis­sen­schaft ist gut. Aber es muss im Rahmen bleiben. Wenn es über­hand nimmt, geht es nach hinten los. Wenn ich in der Win­ter­pause zuviel gefressen habe, muss ich das selbst erkennen. Und wenn ich es nicht erkenne, muss der Trainer es erkennen. Aber heut­zu­tage ver­lassen sich die Trainer ja lieber auf ihre Experten.



Sie als Instinkt­fuß­baller hätten es sicher­lich nicht leicht.

Dieter Schatz­schneider: Ich würde kein ein­ziges Bun­des­li­ga­spiel machen! Wenn meine Trainer Diethelm Ferner oder Ernst Happel nach wis­sen­schaft­li­chen Aspekten gegangen wären, hätte ich nie auch nur ein ein­ziges Tor geschossen. Ich kannte so viele Trai­nings­welt­meister, die dann im Spiel nicht mehr zu sehen waren. Von daher ist mir auch heute noch ein Trainer lieber, der das aus dem Bauch heraus ent­scheidet. Nach dem Motto: Seine Blut­werte sind bestimmt beschissen, hat wieder nur Cur­ry­wurst gegessen – aber ich glaube trotzdem, dass er die Tore macht!“

Werden wir in Zukunft Spieler wie Sie, Wolfram Wuttke oder Mario Basler nicht mehr sehen?


Dieter Schatz­schneider: Die Gefahr besteht. Wenn so ein Mario Basler in die Mühlen der Wis­sen­schaft geraten wäre, wäre nichts mehr von ihm übrig geblieben. Ich halte das für fatal. Natür­lich kommt ein Krea­tiver beim Wald­lauf später ins Ziel als eine Pfer­de­lunge aus dem defen­siven Mit­tel­feld. Wenn ein Trainer danach seine Mann­schaft auf­stellt, dann wird das nichts – glaub es mir!

Dass ein auf moderne wis­sen­schaft­liche Erkennt­nisse gestütztes Pro­jekt auch Erfolg haben kann, beweist aber doch Ralf Rang­nick in Hof­fen­heim.


Dieter Schatz­schneider: Das muss ich leider zugeben. Aber das hat auch damit zu tun, dass Ralf Rang­nick ein toller Trainer ist und mit Sicher­heit noch den Groß­teil der Arbeit selbst macht. Wenn ein Trainer aber alles weg­gibt, das Kon­di­ti­ons­trai­ning, die Tak­tik­schu­lung, die Leis­tungs­dia­gnostik, macht er was ver­kehrt.

Lak­tat­test, Lauf­band, EKG: Was mussten Sie über sich ergehen lassen?


Dieter Schatz­schneider: Beim Lak­tat­test war für mich nach vier Runden Schluss. Die Wis­sen­schaftler haben zwar gesagt, auf­grund der Blut­werte müsste ich noch können, aber ich habe gesagt: Nee Leute, es ist aus!“ Vor den Olym­pi­schen Spielen 1984 haben sie uns in der Medi­zi­ni­schen Hoch­schule in Han­nover einem Belas­tungs­test unter­zogen. Überall Schläuche und Drähte!

Wie haben Sie abge­schnitten?

Dieter Schatz­schneider: Wie immer: beschissen.

Ich habe den Ver­dacht, dass Sie die Wis­sen­schaft so vehe­ment ablehnen, um sich zu rächen, Herr Schatz­schneider.

Dieter Schatz­schneider: Nicht nur! Ich sage ganz nüch­tern: An vielen Stellen braucht es die Wis­sen­schaft nicht. Wir haben früher beim HSV oft Coo­per­tests gemacht. Da musste man in 12 Minuten min­des­tens drei Kilo­meter laufen. Wolf­gang Rolff war schon nach acht Minuten im Ziel, Wuttke und ich haben eine Vier­tel­stunde gebraucht. Ich hätte denen auch vorher sagen können, wer die bes­sere Kon­di­tion hat. Wozu die Anstren­gung?

Wird der Ein­fluss der Wis­sen­schaft den per­fekten Spieler her­vor­bringen?

Dieter Schatz­schneider: Sie wird den Spieler her­vor­bringen, der 26 Kilo­meter pro Spiel läuft. Aber ich glaube nicht, dass das die Men­schen begeis­tert, die ins Sta­dion gehen. Man braucht Spieler, die den genialen Moment haben, die den Ball in den Knick hauen. Schau Dir Ribéry an: Was der macht, das kann man nicht messen! Zuviel Wis­sen­schaft tötet den Fuß­ball!