Hek­ti­sche Szenen vor einem Frei­burger Hotel: Der Bun­des­trainer muss seine Frau abholen – und ist zu spät dran. Ein eiliges Hän­de­schüt­teln noch mit den 11FREUNDE-Redak­teuren, die das Inter­view um eine halbe Stunde über­zogen haben, ein Schul­ter­klaps für den Foto­grafen, der ihn wei­tere 20 Minuten seiner Zeit gekostet hat, ein Nicken in Rich­tung seines Pres­se­spre­chers Harald Stenger – aber dann muss er auch wirk­lich los, der Bun­des­trainer, schon sprintet er in Rich­tung Tief­ga­rage, den Auto­schlüssel in der Hand.

Doch Joa­chim Löw kommt nicht weit. Eine junge Dame ver­stellt ihm den Weg, die sehr rosa­farben ist und auch – man muss es so sagen – sehr dick. Löw trip­pelt, täuscht links an, will rechts vorbei, doch wenn er je ver­geb­lich gegen eine Abwehr ange­rannt ist, dann hier und heute, vor dem Frei­burger Hotel, auf dem Weg zu seinem Auto.

Der Mann aus dem Fern­sehen – aber wel­cher?

Sie sind doch…“, schnappt die junge Dame, die sich wie eine rosa­far­bene Wand vor ihm auftut. Sie sind doch…“ Weiter kommt sie nicht. Den Mann, der nicht an ihr vor­bei­kommt, kennt sie aus dem Fern­sehen, ganz bestimmt, aber aus wel­cher Sen­dung bloß? Für Fami­lien im Brenn­punkt“ ist er zu ele­gant gekleidet, für Goodbye Deutsch­land“ dürfte er ja gar nicht hier in Frei­burg sein. Viel­leicht Rach, der Restau­rant­tester? Es ist zum Ver­zwei­feln. Sie sind doch…“ Äh.

Harald Stenger will nicht länger mit­an­sehen, wie der Bun­des­trainer seine Frau nicht abholen kann, weil jemand nicht weiß, wer er ist. Der Pres­se­spre­cher hilft spontan: Das ist der Jürgen Klins­mann!“ Die junge Dame ist sehr erleich­tert: Ja, genau!“, juchzt sie und macht sogar einen Hüpfer, ohne aller­dings den Boden zu ver­lassen. Der Klinsi!“

Löw ist nicht Klins­mann, aber ohne Klins­mann wäre er nicht Löw

Wie falsch sie liegt und wie richtig zugleich, das kann sie nicht wissen. Natür­lich ist Löw nicht Klins­mann. Aber ohne Klins­mann wäre er nicht Löw, wie wir ihn kennen. Wenn Jürgen mich im Spät­sommer 2004 nicht ange­rufen hätte“, hat er uns zwei Stunden zuvor oben im Hotel­saal gesagt, wäre ich heute viel­leicht Trainer in Leoben.“ Der DSV Leoben spielt übri­gens in der öster­rei­chi­schen Regio­nal­liga, Sek­tion Mitte. So schlimm?

Nein, es ist ja gut gegangen. Und genauso spricht Löw: Wie einer, bei dem es gut gegangen ist. Ich hatte viel Glück“, sagt er.

Dieses Glück hat er, soviel kann man fest­halten, bes­tens genutzt. Heute ist Joa­chim Löw, weit weg von Leoben, der Bun­des­trainer, der die Natio­nal­mann­schaft nicht nur erfolg­rei­chen, son­dern auch schönen Fuß­ball gelehrt hat. Der das, was dem Visionär Klins­mann vor­schwebte und zunächst allzu fan­tas­tisch klang, tat­säch­lich rea­li­siert hat: Es macht Spaß, Deutsch­land-Spiele zu anzu­schauen. Zum ersten Mal seit 1972, wie Greise berichten. Zum ersten Mal über­haupt, wie die Jün­geren unter uns meinen.

Auf häss­liche Weise gewinnt man heute keine Titel mehr“

Löw spricht des­halb auch wie einer, der die Nation hinter sich weiß. Eine Nation, die nicht mehr aus 80 Mil­lionen anderen Bun­des­trai­nern besteht, die alles besser wissen, son­dern aus lauter Fans, die ihm folgen und ver­trauen. Dieser Mann weiß offenbar, wie es geht. Näm­lich so: Auf häss­liche Weise gewinnt man heute keine Titel mehr“, sagt Löw. Und auf schöne Weise? Natür­lich streben wir danach“, sagt er. Natür­lich sagt er das.

Er sagt in diesem Inter­view Dinge, die er sagen muss. Er sagt aber auch Dinge, die er nicht sagen muss. Nach der ersten Inter­view­stunde, die Löw nach vorn gebeugt ver­bracht hat, die Ell­bogen auf den Knien, wachsam, prä­zise, auf Gefahren lau­ernd, lässt er sich schließ­lich nach hinten in den Sessel zurück­fallen. Seine Stimme wird sonorer, das berühmte ein­ge­at­mete Fffffffff“, das so vielen seiner Ant­worten vor­aus­geht, als müsste er erst einmal Druck auf­bauen, bleibt nun gänz­lich aus. Das ist also der Joa­chim. Und der sagt: Olli Bier­hoff sitzt mir ständig im Nacken mit seiner Orga­ni­sa­ti­ons­manie.“ Wir lachen. Er lacht. Bier­hoff hof­fent­lich auch, wenn er das liest.

Schade, dass wir nicht erfahren, was in der dritten Stunde pas­siert wäre. Ob er noch seine him­mel­blauen Wild­le­der­schuhe aus­ge­zogen und die Füße auf den Couch­tisch gelegt hätte? Aber der Bun­des­trainer muss ja weg, seine Frau abholen. Wir ver­stehen das.

Klinsi und ich.“ Herz­chen. Smiley.

Da kann sich eigent­lich nur jemand dazwi­schen werfen, der nicht weiß, wen er vor sich hat. Die junge Dame bekommt trotzdem noch ein gemein­sames Handy-Foto. Jetzt, da unser Inter­view in der neuen Aus­gabe von 11FREUNDE erscheint, hängt die Auf­nahme mög­li­cher­weise schon in einer Frei­burger Woh­nung – mit dem Edding-Schriftzug: Klinsi und ich.“ Herz­chen. Smiley.

Joa­chim Löw lächelt, als er sich aus der rosa­far­benen Umar­mung löst. Kein Ding“, sagt der Bun­des­trainer. Ich wurde auch schon mal mit Felix Magath ver­wech­selt.“

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Nur wer schön spielt, holt den Titel“ – das große Inter­view mit Joa­chim Löw: Ab Don­nerstag im Handel!