Werner Alte­goer stand für mich bis zuletzt für all das, was in Sachen Fuß­ball und Füh­rungs­stil als positiv zu bezeichnen ist: Bedin­gungs­lose Unter­stüt­zung seiner Mit­ar­beiter, vor­ge­lebte Ehr­lich­keit, Grad­li­nig­keit, die tief emp­fun­dene Liebe zu seinem Verein. Ein Klub-Patri­arch im posi­tiven Sinne. Ich habe es jeden­falls nie erlebt, dass er sich gegen­über einem seiner Ange­stellten unehr­lich oder unfair ver­halten hätte. Beim Prä­si­denten Alte­goer durfte jeder mal einen Fehler machen. Nur den­selben Fehler noch einmal machen, das wurde nicht akzep­tiert, da konnte er knall­hart sein. Auch das war meiner Mei­nung nach eine wich­tige, weil gute Cha­rak­ter­ei­gen­schaft in seiner Funk­tion als Ver­eins­prä­si­dent. Irgendwie muss man den Laden ja am Laufen halten.

Mich ver­bindet eine ganz beson­dere Geschichte mit Werner Alte­goer. Denn eigent­lich galten wir jah­re­lang als Feinde und nicht als Freunde. Schon bevor ich 2001 als Trainer beim VfL Bochum begann, war ich mehr­mals mit dem VfL in Ver­bin­dung gebracht worden. Aber jedesmal schei­terten sämt­liche Annä­he­rungs­ver­suche an den Macht­worten des Prä­si­denten. Er hielt mich für einen Laut­spre­cher mit großer Klappe und nichts dahinter und so einem Typen wollte er nicht seine Mann­schaft anver­trauen. Im Dezember 2001 stellte er mich dann doch ein. Eine Woche war ich bereits beim Klub, als abends mein Telefon klin­gelte. Am anderen Ende: Werner Alte­goer. Trainer“, rief er, was ist mit dem Auf­stieg?“ Da wusste ich noch nicht, dass man als Trainer vom VfL Bochum quasi tag­täg­lich mit sol­chen Anrufen des Prä­si­denten rechnen musste. Ich ant­wor­tete: Präses, machen sie sich mal keine Sorgen. Das schaffen wir schon.“ Dann hielt er eine kleine Ansprache, kein Pro­blem für mich. Bis der Satz fiel: Trainer, jetzt passen sie mal auf…“ Gegen diese Floskel bin ich höchst all­er­gisch. Was wie­derum Alte­goer nicht wissen konnte. Ich grätschte dazwi­schen: Präses, diesen Satz dürfen mir noch zwei Men­schen unge­straft sagen: Meine Frau und mein Vater. Und mein Vater ist tot.“ Dann legte ich ein­fach auf.

Eine Minute später klin­gelte mein Telefon erneut. Der Prä­si­dent. Trainer“, fragte er mich, sehe ich das richtig, dass wir jetzt den ersten Krach haben?“ Aller­dings“, ant­wor­tete ich. Und das Eis zwi­schen uns beiden war gebro­chen.

Wie ein­ge­spielt wir waren, zeigte sich am Bei­spiel von Paul Freier. Auch dank seiner starken Leis­tungen erreichten wir in der Saison 2003/04 den UEFA-Cup. Er war längst zu einem unserer wich­tigsten Spieler geworden, in Bochum sogar zum Natio­nal­spieler gereift. Klar, dass sich auch andere Klubs für ihn inter­es­sierten. Unser Prä­si­dent erfuhr bald, dass Freier einen Ver­trag für die kom­mende Saison mit Bayer Lever­kusen hatte – obwohl er noch einen Ver­trag bis Sommer 2005 bei uns besaß. Ohne sich mit mir abzu­spre­chen, kabelte Alte­goer bei Reiner Cal­mund durch: Ihr könnt unseren Spieler vor­zeitig aus seinem Ver­trag raus­kaufen, aber dann müsst ihr uns diese Summe zahlen.“ Er nannte Cal­mund einen ziem­lich hohen Betrag. Ansonsten sitzt der Junge bei uns ein Jahr auf der Bank und ihr bekommt einen Spieler ohne Spiel­praxis.“ Nor­ma­ler­weise wäre das ein Unding, wenn ein Prä­si­dent solch einen Allein­gang wagt und sich in die sport­li­chen Belange ein­mischt! Aber Alte­goer wusste instinktiv, dass ich in dieser Sache auf seiner Seite war – was auch stimmte. Das Ende vom Lied: Calli stimmte zu, Lever­kusen zahlte den Betrag und Slawo Freier wech­selte zu Bayer. Alles zum Wohle des VfL Bochum.

Anders­herum akzep­tierte und unter­stützte der Prä­si­dent auch meine spe­zi­ellen Eigen­arten und Vor­ge­hens­weisen als Trainer – und ich zahlte ihm sein Ver­trauen zurück. Wie im Februar 2002, als wir gegen Rot-Weiss Ober­hausen mit 1:6 fürch­ter­lich unter die Räder kamen und von Platz fünf auf Rang acht abstürzten. Nach dem Spiel sah ich Alte­goer mit hoch­rotem Kopf Rich­tung Kabine stürmen, er wollte der Mann­schaft seine Mei­nung geigen. Ich hielt ihn auf: Präses, heute nicht.“ Ich hatte einen Plan: Gleich morgen werde ich vor ver­sam­melter Mann­schaft den Auf­stieg pro­kla­mieren!“ Und er sagte das, was er eigent­lich immer am Ende eines Gesprä­ches zu mir sagte: Herr Neururer, sie sind ja bekloppt!“ Am nächsten Tag stellte ich mich vor die Mann­schaft: Nach diesem Spiel will ich, dass jeder, der jetzt noch an den Auf­stieg in die Bun­des­liga glaubt, seine Hand hebt!“ Natür­lich hob jeder Spieler den Arm. Am letzten Spieltag schafften wir mit einem 3:1‑Sieg gegen Ale­mannia Aachen tat­säch­lich den Erst­li­ga­auf­stieg…

Ich kenne eigent­lich nur eine Schwäche von Werner Alte­goer. Und die gehört kurio­ser­weise eigent­lich zu seinen Stärken. Er konnte sich in der Öffent­lich­keit nicht so dar­stellen, wie er eigent­lich war. Man kannte ihn stets als knall­harte Füh­rungs­figur, emo­tional son­derbar beherrscht. Aber der Alte­goer privat und der Alte­goer in der Öffent­lich­keit, das waren zwei ganz unter­schied­liche Typen. Eigent­lich war er näm­lich sehr nah am Wasser gebaut. Aber in seiner Inter­pre­ta­tion des starken Mannes an der Spitze ließ er solche mensch­li­chen Regungen nicht zu. Präses, weinen´se ruhig!“, habe ich ihm immer gesagt.

Und er ant­wor­tete: Herr Neururer, sie sind ja bekloppt.“